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Ufa-Chef im Gespräch : Das goldene Zeitalter des Fernsehens dauert an

1933 hat sich die Ufa sehr schnell in vorauseilendem Gehorsam von den besten jüdischen Talenten getrennt, sechs Wochen nach der Reichstagswahl wurden sie gekündigt, auf einen Beschluss des Ufa-Vorstands hin. Um diese Zeit noch einmal genauer zu beleuchten, haben wir in diesem Frühjahr ein historisches Symposion mit der Deutschen Kinemathek veranstaltet. Wir sind zwar nicht Rechtsnachfolger der alten Ufa, aber Namensträger und sehen uns in der Verantwortung, diese Historie aufzuarbeiten. Und das betrifft mich auch persönlich. Ich habe begonnen als investigativer Journalist bei dem Fernsehmagazin „Kennzeichen D“. Als ich die Fernsehserie „Holocaust“ gesehen hatte, die die Welt wirklich verändert hat, indem sie auf emotional ergreifende Weise in einer Fernsehserie das Schicksal einer jüdischen Familie erzählte, spürte ich den Wunsch, als Produzent mit fiktionalen Darstellungsformen zu arbeiten. Es liegt eine bittere Ironie darin, dass ich dies ausgerechnet bei der Ufa begonnen habe, die die emotionale Wirkungsmacht fiktionalen filmischen Erzählens für das verbrecherische NS-Regime missbraucht hat. Was bei dem angesprochenen Symposion noch einmal deutlich wurde, ist, der angesprochene vorauseilende Gehorsam der Ufa. Der einstige Besitzer Hugenberg wollte zwar hauptsächlich erfolgreiche Filme machen, aber das selbstverständlich unter der Ägide des Regimes, er dreht zwei bis drei „nationale“ Filme pro Jahr und ansonsten Unterhaltung. Unter Goebbels wurde die Ufa zu einer zentralen Propagandamaschine des NS-Regimes. Deren Wirkungsweise sehen sie nicht nur in den eindeutigen Propagandafilmen, sondern in den unterhaltsamen Formen, die scheinbar nur zu Eskapismus einladen. Doch auch bei Screwball-Komödien und Liebesfilmen gab es immer die eine Botschaft: Man muss das persönliche Glück aufgeben, um einer größeren Sache zu dienen.

Und die Ufa nach dem Zweiten Weltkrieg?

Die nächste Disruption war das Aufkommen des Fernsehens, und die war gewaltig. Mitte der fünfziger Jahre gab es 850 Millionen Kinozuschauer pro Jahr – in Deutschland. Fünf Jahre später war diese Zahl geschrumpft auf hundert Millionen. Dann gab es eine Veränderung, als 1961 das ZDF gegründet wurde, es gab Konkurrenz auf dem Fernsehmarkt. 1964 kam die Ufa zu Bertelsmann und ist seither in jeder Beziehung, vor allem auch politisch, unabhängig. 1991, als ich die Ufa übernahm, waren wir in einer dritten Umbruchphase. Die Privatsender, die es seit 1984 gab, hatten genügend Einnahmen, um eigene Programme zu bestellen. Damit entstand ein echter Markt. Jetzt sind wir mitten in der digitalen Transformation, die radikale Folgen hat, die sich aber eher evolutionär vollziehen. Um uns darauf und auf ein junges Publikum, das Medien vorwiegend online nutzt, einzustellen, haben wir schon 2008 das Ufa-Lab gegründet und neue Erzählformen ausprobiert. Wir sind gut vorbereitet und erzielen mit digitalen Produktionen nennenswerte Umsätze.

Worin besteht die jetzige „Disruption“?

Der Markt ist nicht länger lokal, wir haben es mit einem weltweiten Markt zu tun. Und er ist hochfragmentiert: Es gibt Streamingangebote, Pay-TV-Sender, Video-on-Demand, Mediatheken und vielfältige kleine Sender. Vor zehn Jahren hatten die großen Sender nahezu hundert Prozent des Marktes. Heute haben allein die Sender der dritten Generation dreißig Prozent. Das wird sich fortsetzen. Die Wahlmöglichkeit des Zuschauers war noch nie so groß. Die Fragmentierung wird sich vertiefen. Die Nachfrage nach attraktivem, hochwertigem Programm steigt. Die Bandbreite des Erzählens dehnt sich, von einer epischen Erzählung wie „Game of Thrones“ bis zu einem modernen Stoff, wie wir ihn mit „Deutschland 83“ produziert haben, den wir mit „Deutschland 86“ weiterführen. Apple will eine Milliarde für Programm ausgeben, die großen Telekommunikationsunternehmen gehen denselben Weg. Für Produzenten setzt sich „The Golden Age of Television“ um einige Dekaden fort. Ich glaube, dass die Ufa davon sehr profitieren kann.

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