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Überwachungsdrohnen : Keine Geste bleibt verborgen

  • -Aktualisiert am

Yiannis Antoniades erklärt seine Arbeit Bild: PBS Nova

Eine Drohnenkamera, die aus fünf Kilometern Höhe erkennen kann, wie jemand winkt: Für das amerikanische Verteidigungsministerium hat ein Ingenieur die Überwachungstechnik perfektioniert. Mit handelsüblichen Bauteilen.

          Es sind eigentlich nur Schnittbilder, kleine Überblendungen. In „Person of Interest“, der Fernsehserie, in der New York von einer Maschine überwacht wird, die immer schon vorher weiß, wer als nächstes stirbt, dienen sie als ästhetisches Mittel, um zwischen zwei Szenen etwas Raum zu schaffen. In der Ästhetik von Überwachungskameras werden für kurze Momente Bilder der Stadt gezeigt. Jeder Mensch, jedes Auto, jede Fähre - alles, was sich bewegt, wird von einem Kästchen umrahmt. Daneben erscheint eine Legende mit weiteren Einzelheiten.

          Diese Science Fiction spielt in der Gegenwart. Sie ist ausgedacht, aber deswegen nicht unwirklich. Es ist „Fiction“, weil man nicht genau weiß, was schon „Fact“ ist. Einen Einblick in die geheime Wirklichkeit erlaubt nun Yiannis Antoniades, der im Auftrag des amerikanischen Verteidigungsministeriums für das britische Rüstungsunternehmen BAE Systems Überwachungs- und Aufklärungstechnologie entwickelt und in einer Fernsehdokumentation des Senders PBS über seine Arbeit spricht. In einem, wie Antoniades selbst sagt, seltenen Einblick zeigt er eine seiner Entwicklungen: eine 1.8-Gigapixel-Kamera, mit der sich aus fünf Kilometern Höhe ein 35 Quadratkilometer großes Gebiet überwachen lässt.



          Das Kamerasystem heißt Argus-IS (Autonomous Real-Time Ground Ubiquitous Surveillance Imaging System) und besteht aus 368 handelsüblichen Kamerachips, wie sie in modernen Mobiltelefonen verbaut sind. Seit zwei Jahren wird die Kamera an Bord von Flugzeugen und Drohnen getestet. Zeigen dürfe Antoniades die Kamera und ihren Chip allerdings nicht. Stattdessen präsentiert er ein mit Argus-IS aufgenommenes Bild der Stadt Quantico in Virginia. Er zeigt es im Panorama, zoomt hinein auf Parkplätze, Gehwege und Straßen. Alles, was sich bewegt, wird vom Computer erkannt und mit farbigen Kästchen umrahmt, damit es sich besser verfolgen lässt. Ein Vogel fliegt durch das Bild, man sieht einen Menschen winken.

          Das System, das so erschreckend detaillierte Einblicke bietet, dient aber nicht nur der Live-Überwachung von ganzen Städten, es vergisst auch keines der Bilder mehr. Die Datenmassen werden gespeichert und bleiben stets abrufbar. So wie Antoniades beliebig in das Bild hineinzoomt, springt er auch in der Zeit zurück. Alles, was nicht unter Brücken oder Regenschirmen geschieht, kann er sehen. Erschreckend an dieser öffentlichen Machbarkeitsstudie ist auch ihr Subtext. Denn all die Technologie, die Antoniades für seine Entwicklung brauchte, war bereits vorhanden. Es ist offenbar nicht mehr die Technologie, die die Grenze des Machbaren absteckt, sondern die Phantasie der Entwickler. Zwischen Fact und Fiction ist nicht mehr viel Raum.

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