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Über Gaza berichten : Gegen die Bilder ist unser Text machtlos

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Und wir wissen natürlich, wie die Zuschauer reagieren: Viele sehen und hören nur, was sie sehen und hören wollen. Die typischsten Fälle sind die, wo ein und derselbe Beitrag von Zuschauern als prozionistisch beziehungsweise propalästinensisch gewertet wird, die ärgerlichsten sind Beschimpfungen für Dinge, die man gar nicht gesagt hat - der Zuschauer aber angeblich „gehört“ haben will. In solchen Fällen kann man nichts tun, außer versuchen in der eigenen Sprachwahl präzise zu sein.

Seit sechs Wochen arbeiten wir praktisch rund um die Uhr

Dass dies nicht immer gelingt, ist angesichts unserer Arbeitsbelastung klar. In den Wochen, in denen die ARD das „Morgenmagazin“ macht, beginnt unser Tag oft um fünf Uhr, sonst um sechs oder sieben, oft dauert er bis nach Mitternacht. Im Stundentakt produzieren wir Stücke, für „Morgenmagazin“, „Mittagsmagazin“, „Tagesschauen“, „Tagesthemen“, „Nachtmagazin“. An manchen Tagen im Krieg habe ich bis zu 30 Live-Schalten, denn wir bedienen auch noch Tagesschau24, Phoenix und die Dritten Programme. Zusätzlich twittern wir, produzieren Videoblogs, machen Sondersendungen. Seit sechs Wochen arbeiten wir eigentlich rund um die Uhr, seit der Entführung der drei israelischen Jugendlichen im Westjordanland.

Diese „Story“ erscheint schon in weiter Ferne, denn seitdem haben sich die Ereignisse dermaßen überschlagen, sind wir dermaßen gehetzt von einer zur nächsten Geschichte „unterwegs“, von einem entsetzlichen Geschehen zum nächsten, von einem gescheiterten Waffenstillstand zum nächsten, dass wir alle das Gefühl für Zeit verloren haben. Wir sehen unsere Familien so gut wie gar nicht mehr, vier, fünf Stunden Schlaf sind das Maximum, das Team ist die Ersatzfamilie, wir sitzen in einem Boot und produzieren wie am Fließband.

Und manchmal sind wir sogar in Gefahr. Das Team in Gaza ganz gewiss. Als Studioleiter habe ich die Verantwortung für das Wohlergehen der Mitarbeiter. Doch welches „Wohlergehen“ gibt es in Gaza? Mitten im Bombenhagel ohne Bunker oder Schutzräume? Ich überlasse es daher meinen palästinensischen Kollegen und Freunden, zu entscheiden, wann sie wo drehen wollen - oder eben nicht. Weil sie sagen, es sei zu gefährlich oder weil sie in den Nächten daheim sein wollen bei ihren Frauen und Kindern, um im schlimmsten Fall gemeinsam zu sterben. Und so sind wir jeden Morgen froh, am Telefon wieder ihre Stimmen zu hören.

Und wir auf der israelischen Seite? Inzwischen reichen die Raketen bis nach Tel Aviv, die Sirenen heulen regelmäßig, dann hören und sehen wir die Explosionen. Manchmal aber, wie vor ein paar Tagen, heulen die Sirenen nicht. Dann erschrecken wir, wenn wir unerwartet eine Explosion hören. Die Raketen, die in Deutschland gerne als „selbstgebastelt“ verharmlost werden, sind längst gefährliche Waffen, die töten würden, massiven Schaden anrichten würden, wenn es das Abwehrsystem „Iron Dome“ nicht gäbe.

Und dennoch: Wenn wir unmittelbar an der Grenze zu Gaza stehen und der Alarm losgeht, dann haben wir gerade mal 15 Sekunden Zeit, uns in Deckung zu begeben. Im freien Feld ist das ein Problem. Wir werfen uns auf den Boden, versuchen uns hinter irgendwelchen Steinbrocken zu verstecken, warten auf den Einschlag und noch ein bisschen länger, um nicht danach von Granatsplittern getroffen zu werden. Danach stehen wir wieder auf und machen weiter, sehen, keinen Kilometer von uns entfernt, Rauchsäulen, sehen und hören Explosionen, Bombardement.

Es wirkt wie im Kino, aber wir wissen: Da sterben Menschen und wir können nichts tun. Außer berichten, immerzu weiter berichten. Nach bestem Wissen und Gewissen.

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