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Über Gaza berichten : Gegen die Bilder ist unser Text machtlos

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Auch in uns Journalisten regen sich zunächst Wut und Verzweiflung, Entsetzen und Trauer. Doch wir wissen auch, dass in zwei Schulen Raketen der Hamas gefunden wurden, das bestätigte die UNRWA selbst. Wie also ist dieser Angriff dann zu werten? Rechtfertigt die Tatsache, dass an diesem Ort möglicherweise tödliche Waffen versteckt wurden, die Israelis umbringen sollen, zivile palästinensische Opfer? Gelten in einem asymmetrischen Krieg noch die Regeln und Gesetze konventioneller Kriege?

Das wird sogar das Wetter zum Problem

An diesem Beispiel wird das Dilemma, in dem wir uns befinden, besonders deutlich. Wir müssen unsere eigenen Gefühle zurückstellen. Das wird mit zunehmender Dauer des Krieges, mit den immer schrecklicheren Bildern, die wir tagtäglich sehen, ungefiltert, ungeschnitten, immer schwieriger. Wir müssen versuchen, all die bewusst gestreuten Falschinformationen und unzuverlässigen Informationen abzuwägen. Wir müssen gleichzeitig immer wieder die Beweggründe beider Seiten einbeziehen, erklären, vermitteln. Diese Aufgabe ist für uns Fernsehjournalisten wesentlich problematischer als für die Kollegen der Printmedien. Denn wir wissen: Unser Text ist gegen die Macht des Bildes so gut wie machtlos.

Wie also texten? Hören die Leute überhaupt zu? Richard C. Schneider in einer sogenannten „Live-Schalte“

Der Zuschauer sieht das schreiende Kind vor der Leiche seines Vaters - und hört nicht mehr zu. Er sieht umgekehrt verschreckte Israelis, denen es im Vergleich zu Gaza gut geht und denkt: Was regen die sich so auf, es geschieht ihnen doch fast nichts. Und er vergisst, dass es dafür auch Gründe gibt: das Abwehrraketensystem, das die israelische Regierung entwickelt hat, Bunker in jedem Haus et cetera. Wohingegen die Hamas ihre Bevölkerung als menschliche Schutzschilde einsetzt und missbraucht. Das Bild aber, das unmittelbare Bild, das der Zuschauer zu sehen bekommt, vermittelt nicht die Angst der Israelis.

Da wird sogar das Wetter zum Problem, gerade für die israelische Seite: Die Sonne scheint, die Bäume sind grün, die Häuser sind mehr oder weniger unbeschädigt - wo ist das Problem? Die Bilder zeigen nicht, was es vor allem im Grenzgebiet bedeutet, seit Jahren mit dem Code Red Alarm leben zu müssen und dann nur zwischen 15 und 40 Sekunden Zeit zu haben, sich in einen Schutzraum zu flüchten.

Alle glauben mitreden und urteilen zu können

Allein in einem Städtchen wie Sderot rund 1000 Mal pro Jahr. Da hilft es dann auch nichts, auf der Polizeistation des Ortes die eingesammelten und aufgereihten Raketen zu filmen, die in den vergangenen Jahren auf Sderot niedergingen - es sind abstrakte Bilder, die dem verzweifelten, entsetzten Gesicht des palästinensischen Kindes nichts entgegenzusetzen haben.

Wie also texten? Wie gegen die Macht der Bilder, aber auch gegen die Urteile und Vorurteile der Zuschauer in Deutschland antexten? Gegen die Islamophoben und Islamophilen, gegen die Antisemiten und Philosemiten, gegen all diejenigen, die nie im Nahen Osten waren, aber über den palästinensisch-israelischen Konflikt mitreden und glauben urteilen zu können in einem Ausmaß, wie es bei keinem anderen Konflikt auf dieser Welt der Fall ist? Machen wir uns nichts vor: Ein Konflikt, bei dem Juden mit im Spiel sind, wird in Deutschland per Reflex anders wahrgenommen als ein Krieg zwischen Muslimen oder zwischen Christen.

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