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Uwe Ebbinghaus (uweb.)

Politik und Gerstensaft : Mehr Bier!

Nicht, dass am Ende das Bier alle ist: Die Organisatoren der Rugby-WM in Japan wollen gut vorbereitet sein. Bild: Reuters

Worum geht es beim Bier? Genuss, Rausch? Mitnichten, sagen Forscher, die sich mit den Inka beschäftigen. Dort sorgte das Gebräu angeblich für politische Stabilität. Sollten wir daraus Schlüsse ziehen?

          Die großen Maßkrüge in den Biergärten der Republik werden von Besuchern aus der ganzen Welt bestaunt. Doch gegen die mit Götterwesen bemalten, einen Meter hohen Tongefäße der Wari, Vorgänger der Inka im alten Peru (600 bis 1100 nach Christus), sind sie reines Kinderspielzeug. Diese fassten, wie jetzt amerikanische Forscher unter Führung des Fieldmuseums in Chicago herausgefunden haben, zehnmal so viel Bier wie die deutschen Hohlmaße, wurden jedoch nicht von einer Einzelperson geleert, sondern gemeinschaftlich ausgetrunken.

          Das Gebräu, das sie enthielten, beruhte, wie molekulare Analysen ergaben, auf der Gärung der genügsamen Pfefferbeere, war daher rosa und enzymatisch möglicherweise mit Spucke vorbereitet worden – ein Chicha-Bier also, wie es heute noch in den Anden auf der Grundlage von Mais hergestellt wird.

          Die wohlorganisierte Bierproduktion vergangener Jahrtausende ist keine neue Entdeckung. Im südtürkischen Göbekli Tepe wurden Bierreste in mehr als zehntausend Jahre alten Steingefäßen gefunden; in Mesopotamien, Ägypten und China gab es wenige Jahrtausende später bereits ausdifferenzierte Brauereien. Bemerkenswert aber ist die besondere Bedeutung, die die Forscher dem Chicha-Bier im diversen Riesenstaat der Wari zuweisen wollen: Es sei für die ungewöhnlich langanhaltende politische Stabilität Perus in dieser Zeit verantwortlich gewesen, heißt es in der Studie.

          Über gute Publicity kann sich das Bier in der Archäologie und der Anthropologie ohnehin nicht beklagen. Während Josef H. Reichholf mit dem Genuss von Bier den Anstoß zur Sesshaftwerdung des Menschen gegeben sieht, wird ihm von den Archäologen in Göbekli Tepe eine wichtige Bedeutung im Austausch mit höheren Wesen zugemessen.

          Bei den Wari soll Bier nun zur rituellen Sicherstellung des Lebenselixiers Wasser gedient haben. Wobei gesellschaftlich stabilisierend vor allem seine dauerhafte Verfügbarkeit gewirkt habe, aber auch die Tatsache, dass das leicht saure Chicha-Bier nicht lange haltbar war und sein Ausschank somit bei Festlichkeiten ein exklusives Ereignis darstellte.

          Diese Exklusivität hat Bier längst verloren, in England konnte es nicht einmal den Brexit verhindern und für verbindende Riten mit der muslimischen Welt ist es gänzlich ungeeignet. Zudem übersehen die Forscher eine interessante Parallele zwischen dem freigelegten Brauareal von Cerro Baúl und dem St. Galler Klosterplan, der aus derselben Zeit stammt und ebenfalls ein ausgeklügeltes Netz von Braustätten vorsieht.

          Hat diese Bierkultur am Bodensee nun zur Stabilität in Europa beigetragen – oder war das Bier der Mönche zu schlecht? Kann es sein, dass Forscher aus Konsumgesellschaften in der geschichtlichen Betrachtung dazu neigen, den einzigen Konsum, den sie wiedererkennen, überzubewerten? Wie dem auch sei. Bier auf der Grundlage von Gerste könnte im Zuge des Klimawandels auf Dauer knapp werden. Gut, dass wir jetzt das Rezept für rosa Chicha-Bier kennen. In Chicago wird es bereits nachgebraut. In Deutschland könnte eine Erweiterung des Reinheitsgebots um Spucke und Pfefferbeeren allerdings zu den ersten Bierkrawallen in der jüngeren Geschichte führen.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

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