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ARD-Film „Über den Tag hinaus“ : Was für eine Nachtschicht

  • -Aktualisiert am

Welche Richtung? In „Über den Tag hinaus“ geben Horst Sachtleben und Katja Studt eher sachte Gas. Bild: HR/Bettina Müller

Eine schlechtgelaunte Taxifahrerin kutschiert einen altersweisen Gentleman durch Frankfurt. Dann tauschen sie die Rollen. Sie blüht auf, er baut ab. Wäre ganz schön kitschig, gäbe es den tollen Hauptdarsteller nicht, den man zu selten im Fernsehen sieht.

          Kurios und elegant zugleich ist der ältere Herr, den die misanthropische Taxifahrerin Greta (Katja Studt) am Ende ihrer Nachtschicht und Anfang ihrer sentimentalen Reise in Frankfurt aufgabelt. Eine Figur wie aus der Zeit gefallen. Die Formulierungen geschliffen, jede in sich fürs Sentenzenbüchlein geeignet, ein verschmitzt-melancholisches Lächeln, eine Aura von Lebensweisheit und Lebensfreude. Etwas Wehmütiges umgibt diesen Walter (Horst Sachtleben) gleichwohl, der mit altertümlichem Rindslederkoffer und ebensolcher Aktentasche, mit sorgfältig gerolltem Regenschirm und feinstem rahmengenähtem Schuhwerk sich zum Maßschneider fahren lässt. Der schneeweiße Anzug, den er wählt, dazu das himmelblaue Hemd, das die Taxifahrerin ihm auf Verlangen auswählt, geben ihm das Aussehen eines als Hutzelmännlein verkleideten Engels.

          Die Figur Walter, die in „Über den Tag hinaus“ dazu verdammt ist, in Weisheitsmaximen, bisweilen auch in Poesiealbumssätzen zu reden, wird erträglich allein durch die Darstellung Horst Sachtlebens. Er rettet dieses Kitschmovie vor der Klebrigkeit, und Katja Studt tut ihr Bestes, um der depressiv verstimmten Gegenfigur Greta Glaubwürdigkeit als betrogene Freundin, gescheiterte Meteorologiestudentin und Wetteransagerin mit dementer Mutter, die sich im Pflegeheim kaum beruhigen lässt, zu geben. Die Vorgeschichte ihrer Figur ist ein bisschen viel des Schlechten (Drehbuch Edda Leesch), dass aber bei Walter, dem ehemaligen Professor für Psychiatrie, auch nicht alles so in Butter ist, wie es scheint, darf vorausgesetzt werden.

          Auf dem Land kommt man zu sich

          Widerwillig erst, wie im Roadmovie üblich, findet das ungleiche Paar zusammen. Walter hebt bei der Bank seine Ersparnisse in bar ab, erträgt die Weigerung der ungeschminkten Greta, ihrem praktischen Look durch den Besuch einer Boutique etwas Flair zu verleihen („Kleidung drückt Selbstachtung aus“), streicht das Zwischenziel Universität, um Gretas Mutter im Heim en passant zu etwas Seelenfrieden zu verhelfen, und wird vom Oberarzt ehrfürchtig als Koryphäe identifiziert. Damit sind die Präliminarien geklärt. Ganz am Anfang schon, als Walter sich zur Frankfurter Sehnsuchtsbrücke Eiserner Steg chauffieren ließ, hat sich herausgestellt, dass beide des Altgriechischen mächtig sind und ihren Homer samt Odyssee kennen. Nicht nur an dieser Stelle winkt in dem gleichwohl charmant inszenierten Werk (Regie Martin Enlen) der Zaunpfahl.

          Stock und Hut: Die Taxifahrerin Greta (Katja Studt) kleidet ihren Fahrgast Walter (Horst Sachtleben) ein.

          Weiter geht es, während Greta und Walter in tausendundeinem Satz Gretas Misere besprechen – inzwischen hat ihr der Gentleman in der Frankfurter Kleinmarkthalle eine fragile Pflanze namens Sternentänzer überreicht –, an die Orte von Walters Leben und Wirken, raus aus der Stadt, ins Oberhessische. Und nun wird es vollends erbaulich. Die Burg Münzenberg bildet die Kulisse eines Gesprächs über das Leben und seine Schicksalsschläge, die Gunst des Augenblicks und seine Missgunst (Kamera Philipp Timme). Auf dem Land kommt man ganz zu sich, wird der Himmel weit, der Vogelflug zur Parabel und werden die Sternschnuppen zum Größenvergleichsmaßstab zwischen menschlichem Leben und Alldasein. Stets, das ist das Leitmotiv von „Über den Tag hinaus“, geht es um den Kairos, den günstigen, den gelungenen Augenblick. Bei einer Party, bei der Gastgeberin Hedi (Charlotte Schwab) Greta zurück in Walters auch tragische Lebensgeschichte führt, kehren die Rollen sich um. Die Taxifahrerin muss nun den alten Mann darin bestärken, jeden Tag von seiner besten Seite zu nehmen.

          Alle fünf Minuten ein Fazit, das scheint der Film sich vorgenommen zu haben. Ein Melodram, wie es so nur im Drehbuch stehen kann, wäre dies, spielte hier nicht Horst Sachtleben. Ihm die mit sparsamer Mimik agierende Katja Studt zur Seite zu stellen ist eine gelungene Besetzungsidee. Nicht zuletzt die Musik, von Chet Baker bis zum italienischen Schlager, untermalt die doch etwas angestrengte Lebensfreundlichkeit dieses Films.

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