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Udo Lindenbergs Konzert in Ost-Berlin : Drinnen das Orchester, draußen die Panik

Die DDR erhoffte sich durch seinen Auftritt eine Aufwertung - doch dann entglitt die Sache: Udo Lindenberg am 25.10.1983 im Berliner Palast der Republik Bild: NDR/Reinhard Kaufhold/dpa

Im Oktober 1983 trat Udo Lindenberg in Ost-Berlin auf. Die SED wollte einen Propaganda-Coup, doch es kam anders. Reinhold Beckmann war damals dabei und fragt jetzt: Was ist eigentlich passiert?

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          Udo Lindenberg, zeitweiliger Wohnsitz West-Berlin, Hotel „Interconti“, schreibt Lieder über die DDR. Seit 1973 tut er das schon, seit „Mädchen aus Ost-Berlin“. Lindenberg will drüben unbedingt spielen mit seiner Band, dem Panikorchester. Er reimt sogar davon, in „Rock-'n'-Roll-Arena in Jena“ zum Beispiel: „Ich würd' so gerne bei euch mal singen, meine Freunde in der DDR, 'ne Panik-Tournee, die würd's echt bringen, ich träume oft davon, wie super das doch wär'.“ Die andere Seite, jedenfalls die, die das Sagen hat, findet ihn nicht ganz so super: Er sei „ein mittelmäßiger Schlagersänger der BRD“, heißt es 1976 in einem Papier der Künstleragentur der DDR, „an dem kein Interesse besteht“. Am 9. März 1979 notiert Kurt Hager, der Chefideologe der SED und im Ost-Berliner Staatsapparat für Kultur verantwortlich, einen kurzen Aktenvermerk über den Rocksänger: „Auftritt in der DDR kommt nicht in Frage.“

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Viereinhalb Jahre später singt Udo Lindenberg dann doch im Palast der Republik beim Festival „Für den Frieden der Welt“, Harry Belafonte ist auch dabei. Drinnen sitzen viertausend ausgewählte Zuhörer, Mitglieder der FDJ vor allem, angeführt von Egon Krenz, damals an der Spitze der DDR-Jugendorganisation und vor dem Sprung ins Politbüro. Draußen rütteln Fans an den Absperrgittern rund ums Gebäude, „Udo!“, rufen sie, „Udo! Udo!“ Beamte zerren die Leute auseinander, führen sie ab, verprügeln und misshandeln sie später auf der Wache.

          Fünfzig Fans werden verhaftet. Eine Tour durch den Osten, die man Lindenberg zugesagt hatte, sonst wäre er wohl an diesem 25. Oktober 1983 nicht nach Ost-Berlin gekommen, wird kurz darauf abgesagt. Sieben Jahre später holt Lindenberg die verpassten Auftritte im Osten nach, 1990, die Mauer ist gefallen. Vierzehn Tage nach dem 9. November 1989 hatte man ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Längst war er eine gesamtdeutsche Institution geworden.

          Reinhold Beckmann saß im Auto, als Udo Lindenberg zu seinem Konzert fuhrt, damals als Tonassistent für die ARD

          Der Entspannungspolitiker unter den Popmusikern

          „Die Akte Lindenberg“ heißt der sechzigminütige Film, den Falko Korth und Reinhold Beckmann über diese Institution gedreht haben. Er wird heute Abend ausgestrahlt, nur Stunden nachdem „Hinterm Horizont“ in Berlin Premiere feierte: ein Musical über Lindenbergs Liebe zum Mädchen aus Ost-Berlin und seine anderen Freunde in der DDR. Im Mai wird der Sänger fünfundsechzig Jahre alt. Er spricht lange schon von sich selbst in der dritten Person. Aber wenn man so will, wird er erst jetzt richtig historisch: als Entspannungspolitiker, der versuchte, die Mauer durchlässiger zu machen, wie man so sagte, damals in der Neuen Ostpolitik. Es gab keinen Zweiten wie ihn auf diesem Posten unter den Popmusikern der Bundesrepublik. Die ARD-Dokumentation zeigt auch das.

          Sie verdankt sich Aktenfunden in der Birthler-Behörde, Zeitzeugeninterviews, unter anderem mit einem ungehaltenen Egon Krenz, der nichts von Verantwortung für die Übergriffe auf Fans hören will - und einem Zufall: dass nämlich der Moderator Reinhold Beckmann als Assistent der Filmproduktion „Tag/Traum“ dabei war, als Lindenberg im Palast der Republik auftrat. Der WDR hatte die Kölner Firma beauftragt, die Ereignisse zu begleiten. Viele der Szenen, von denen „Die Akte Lindenberg“ jetzt lebt, hat Beckmann damals mitgedreht: Lindenberg auf der Rückbank seines Autos, unsicher, was der Tag bringen wird. „Er war gespannt, nervös und wirkte eher beladen“, erinnert sich Beckmann, der neben ihm saß, heute im Gespräch. Lindenberg am Grenzübergang Invalidenstraße, die ersten Interviews im Osten. Lindenberg eingekreist, ja wie auf Händen getragen von seinen Fans, die vor dem Palast der Republik auf ihn gewartet hatten.

          Das Risiko des kleinen Rockers

          Der Film beginnt freundlich, fast unpolitisch, ein Sänger mit einer fixen Idee, die offenbar Erfolg hat - und wird nach und nach unbehaglicher und dramatischer. Er schlägt damit einen Spannungsbogen, wie ihn auch der Oktobertag damals hatte: Mit jeder Minute wurde Lindenberg und seiner Band damals klarer, dass sie zwar versucht hatten, den Ablauf zu steuern - eine Bedingung war zum Beispiel, dass ihr Auftritt live im Fernsehen der DDR übertragen wurde. Aber natürlich gab die andere Seite nichts aus der Hand, sie tat alles dafür, Lindenbergs Auftritt propagandistisch auszuschlachten.

          Lindenberg, so behauptet es der Film, war interessant geworden für die DDR, weil er sich in der westdeutschen Friedensbewegung engagierte. Man darf nicht vergessen, wie abgehängt und zweitklassig sich die DDR immer vorgekommen war. Boykottiert, isoliert, belächelt, nur zum Katzentisch vorgelassen. Jetzt aber an der westlichen Friedensbewegung beteiligt zu sein, und sei es nur durch das Medium eines seltsamen Kaspers in engen Hosen wie Udo Lindenberg, der den Staatsratsvorsitzenden der DDR im berühmten „Sonderzug nach Pankow“ im selben Jahr „Honi“ genannt hatte - das war ein bisschen Risiko wert. Die deutsch-deutsche Geschichte ist durchzogen von solchen Episoden, in denen die DDR versuchte, Gemeinsamkeit herzustellen, um ihre Rolle aufzuwerten.

          Aber die Sache entglitt beiden Seiten. Die Stasi prügelte und verhaftete, die Staatsführung musste wohl erkennen, dass eine Konzerttour Lindenbergs zu heikel wäre. Am Ende der Veranstaltung, als alle „We shall overcome“ singen, versteckt sich Lindenberg andererseits hinter dem Schlagzeug, kleinlaut irgendwie. „Wir alle saßen eine Stunde nach dem Konzert wieder in West-Berlin im Hotel“, erinnert sich Reinhold Beckmann. „Es wurde kaum geredet, jeder versuchte, die Geschehnisse einigermaßen zu verstehen. Wir fragten uns alle: War es klug, diesen Auftritt gemacht zu haben?“ Udo Lindenberg hatte auf der Bühne die amerikanischen Pershing-Raketen im Westen genau wie die sowjetischen SS-20 im Osten Deutschlands kritisiert. Live war das im Fernsehen der DDR zu sehen. Wer hatte das vor ihm geschafft? „Dieser kleine, blasse Rocker“, sagte damals Wolf Biermann, „ist doch politischer als alle singenden Gartenzwerge.“

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