https://www.faz.net/-gqz-9noe5

Twitter in China : Bloß eine Panne?

  • -Aktualisiert am

Hier hat der Staat Zugriff und muss sich nicht auf amerikanische Konzerne verlassen: Wechat und Weibo sind chinesische Social-Media-Produkte. Bild: Reuters

Twitter schaltet die Accounts chinesischer Kritiker ab – ausgerechnet zum 30. Jahrestag der blutigen Niederschlagung am Tiananmen-Platz. Kann das wirklich nur ein Versehen gewesen sein?

          Twitter ist in China verboten. Was nicht heißt, dass es dort keine Rolle spielt. Weil chinesische Dienstleister wie Weibo und WeChat rigoros zensiert werden, ist Twitter für Dissidenten die wichtigste Plattform, um Regierungskritik zu äußern – per Ferneinwahl (VPN) oder, im Fall jener, die im Ausland leben, auf direktem Weg. Trotzdem erreicht die Zensur auch Twitter-Nutzer. Präsident Xi Jinping hat den Druck auf Plattformen wie Google und Facebook erhöht, missliebige Inhalte offline zu nehmen. Die Behörden suchen Bürger zu Hause auf und verlangen, Tweets zu löschen oder Accounts nicht zu folgen. Am vergangenen Wochenende schließlich wurden Hunderte chinesische Twitter-Accounts vorübergehend oder ganz suspendiert, viele davon regierungskritische Stimmen. Laut Twitter war das – ein Versehen.

          Am Freitag hatte Yaxue Cao, in Washington lebende Gründerin der Menschenrechts-Website „ChinaChange“, bemerkt, dass der Account eines chinesischen Anwalts gesperrt worden war. Kein Einzelfall, wie sich herausstellte. Am Samstag veröffentlichte Cao eine mit Screenshots dokumentierte Liste betroffener Accounts. Darunter waren sowohl in China als auch im Ausland lebende Nutzer – mehrere in Amerika, mindestens einer in Deutschland. Viele hatten Zehntausende Follower, einige Hunderttausende. In allen Fällen sind es Accounts chinakritischer Nutzer.

          Manchmal unterlaufen eben Fehler

          Einer davon gehört der Journalistin Sasha Gong, die mehr als 60.000 Follower hat. Die Chinesin, die wegen ihrer dissidentischen Engagements ein Jahr in Haft saß, hat aus den Vereinigten Staaten seit 2012 mehr als 6000 Tweets gepostet, meist auf Chinesisch und kritisch gegenüber dem Regime. Am Tag nach ihrer Sperrung schrieb sie: „Ich verstehe, dass die von der chinesischen Regierung unterstützten Kräfte meine Stimme stets blockieren wollen. Aber Twitter, eine amerikanische Firma?“

          Der Journalist James Griffiths, der ein Buch über Chinas „Große Firewall“ publiziert hat, wies darauf hin, dass die Accounts nicht gelöscht, sondern suspendiert worden seien. Laut Griffiths vielleicht ein Hinweis darauf, dass es sich nicht zwingend um offenen Druck chinesischer Behörden auf Twitter handeln muss, sondern auch eine Folge von mass reporting – durch wen auch immer – sein könnte, also dem konzertierten, massenhaften Melden von Accounts.

          Twitter dementiert kategorisch, dass mass reporting durch chinesische Behörden im Spiel war. Man habe vergangene Woche routinemäßig und eigenmächtig eine Anzahl von Accounts gesperrt, von denen ein bedeutender Anteil sich regelwidrig verhalten habe („eine Mischung aus Spam-Postings, unauthentischem Verhalten und dem Umgehen von Sperrungen“). Jedoch, räumt Twitter ein, gehörten einige der Accounts echten China-Kommentatoren. Manchmal unterliefen Fehler. Man bitte um Entschuldigung und arbeite an der Korrektur.

          Behördliche Einschüchterung und Löschung

          Es wäre denkbar, dass Nutzer, denen viele Bots folgen, bei einer Säuberungsaktion durch Twitter ins Netz geraten sind. So berichten Nutzer, ihre Followerzahlen seien am Wochenende gefallen. Das könnte an der Sperrung von Bots liegen. Also ein technischer Fehler? Yaxue Cao ist skeptisch: Twitter erkläre, es lösche Bots der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), „aber suspendiert aus Versehen Tausende Anti-KPCh-Accounts. Das ergibt keinen Sinn. Twitter sollte untersuchen, ob der Vorgang von jemandem auf seiner eigenen Gehaltsliste missbraucht wurde. Ein dunkler, aber kein unplausibler Gedanke.“

          China bemüht sich seit langem um die Meinungsunterdrückung auf Twitter. Das Schema lautet: behördliche Einschüchterung und, bei Nicht-Kooperation, Löschen durch Hacking. Anfang des Jahres berichtete die „New York Times“ über den Aktivisten Aizhong Wang, von dessen Twitter-Account dreitausend Tweets gelöscht worden waren. Zuvor habe die Polizei ihn aufgefordert, seinen Account zu schließen. Ähnliches widerfuhr laut „Washington Post“ einem Software-Ingenieur mit 48.000 Twitter-Followern. Der Mann habe Besuch von Sicherheitsbeamten erhalten, die ihm einen Ausdruck mit sechzig seiner Tweets übergaben, die er löschen müsse. Als er sich weigerte, verschwanden tags darauf alle 11.000 seiner Tweets. Der Finanzkommentator He Jiangbing, dessen Account unter den jüngst suspendierten ist, sagte, die Polizei habe ihn in seinem Wohnzimmer aufgesucht und wegen seiner Tweets gewarnt. Sein Profil ist noch immer nicht wieder aufrufbar.

          Der Zeitpunkt der Sperrungen ist verdächtig: Die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz am 4. Juni 1989 jährt sich zum dreißigsten Mal. Selbst wenn Twitter nur ein Fehler unterlaufen sein sollte – es hätte dafür keinen problematischeren Moment geben können. Einige Accounts wurden wieder aktiviert, nachdem Yaxue Cao und andere Twitter auf die Sperrung hingewiesen haben. Ein Großteil aber bleibt suspendiert. Sasha Gong twittert wieder: „Wir müssen den Social-Media-Riesen sagen: Wenn ihr in diesem epischen Kampf um die Freiheit nicht für uns seid, dann seid ihr gegen uns.“

          Weitere Themen

          Fans gedenken Michael Jackson Video-Seite öffnen

          Zehn Jahre nach dem Tod : Fans gedenken Michael Jackson

          Zehn Jahre nach seinem Tod ist er für sie immer noch ein Idol - trotz der Missbrauchsvorwürfe. Hunderte Menschen versammelten sich vor dem Forest-Lawn-Friedhof oder auf dem „Walk of Fame“ um dem „King of Pop“ zu gedenken.

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

          In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.