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Neues über Twitter-User : Das sind ja echte Stimmungskanonen!

Auf die Plätze, fertig, Twitter: Es sind nur 280 Zeichen, doch die kann man vierundzwanzig Stunden am Tag absetzen. Bild: Reuters

Schau mal, wer da spricht: Ein Forscher hat untersucht, wer sich bei Twitter besonders hervortut. Ergebnis: Es sind vor allem Männer mit großem Ego – und noch ein paar anderen Eigenschaften.

          Dass der Kurznachrichtendienst Twitter ein Medium für Menschen ist, die sich gerne zu Wort melden und der Überzeugung sind, dass es sehr wichtig ist, dass sie es tun, liegt auf der Hand. Doch wer meldet sich da besonders oft und intensiv und beackert den Informations- und Meinungskreislauf mit besonderer Verve?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das wollte Sascha Hölig vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg vor allem deshalb genauer wissen, weil Twitter, wie er konzediert, für Journalisten zu einer wichtigen Informationsquelle geworden sei und bei Politikern „als informelles Stimmungsbarometer öffentlicher Meinung“ gelte. Was nicht ungefährlich sei, da das Getwitter „weit von der direkt erfahrbaren Lebenswelt der Bevölkerung entfernt“ sei, Twitter als Journalisten-Politiker-Filterblase sozusagen.

          Um genauer zu bestimmen, wer in dieser Blase den Ton angibt, befragte Hölig („Eine meinungsstarke Minderheit als Stimmungsbarometer?! Über die Persönlichkeitseigenschaften aktiver Twitterer“, in: M&K, Medien & Kommunikationswissenschaft, Jahrgang 66, 2018, Heft 2, Seite 140 bis 169) erwachsene Internetnutzer und aktive Twitterer und setzte die Angaben und Aussagen, die er auf seinen Fragebogen hin bekam, zueinander in Beziehung. Er wollte wissen, wie sich die Gruppe der bei Twitter Tonangebenden demographisch zusammensetzt und durch welche Persönlichkeitsmerkmale sie sich auszeichnen. Für seine Studie, erhoben im März 2017, stützte sich Hölig auf die Befragung von insgesamt 763 Internetnutzern. Von diesen nutzten fünfhundert Twitter nicht, 54 nutzten den Kurznachrichtendienst passiv, 209 aktiv.

          Und was bekam der Forscher über diese Gruppe, die – wir erinnern uns –, für Journalisten und Politiker eine besondere Rolle spielt, heraus? Es sind vor allem Männer (62 Prozent), sie sind im Schnitt um die vierzig (und damit jünger als der allgemeine Online-Durchschnitt), haben zumeist eine formal höhere Bildung (57 Prozent mit Hochschulreife und/oder Studium), interessieren sich sehr für Nachrichten (89 Prozent) und Politik (84 Prozent). Was ihren eigenen politischen Standpunkt angeht, unterscheiden sich die Twitter-Impresarios wenig von der Allgemeinheit der Onliner: Sie ordnen sich mit großer Mehrheit in der Mitte ein. Doch ist die Gruppe derjenigen, die sich als eher links bezeichnen mit neunzehn, und derjenigen, die sich als eher rechts verstehen, mit acht Prozent des harten Twitter-Kerns auch nicht gerade klein.

          Narzissmus ist Trumpf

          Aufschlussreich ist Sascha Höligs Interpretation der Selbstbeschreibungen, die bei ihm eingingen. Er gruppierte sie nach dem Fünf-Faktoren-Modell („Big Five“) der Persönlichkeitspsychologie: Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit. Ergebnis: Das Stimmungsbild auf Twitter wird – im Vergleich zu den Online-Nutzern in Deutschland insgesamt –, „eher von Persönlichkeiten geprägt, die höhere Werte in der Tendenz zum Narzissmus aufweisen, die persönlichkeitsstärker, extrovertierter und weniger ängstlich sind“. Die aktiven Twitterer, heißt es weiter, seien „tendenziell meinungsstärker und von sich überzeugter“ als der Durchschnitt der Bevölkerung, was „aus psychologischer Hinsicht mit weniger Sinn für Empathie, Konsens und Gemeinschaftsgefühl einhergeht“.

          Das, folgert der Forscher, solle man doch bei der Wahrnehmung von Twitter beachten, das im Übrigen von einer recht kleinen, wenn nicht winzigen Gruppe (wirklich belastbare Zahlen gibt es nicht, Twitter selbst schweigt sich dazu aus) bespielt werde. Fazit des Forschers: Twitter ist „als Stimmungsbarometer für die Belange der Gesellschaft eher ungeeignet“. Das hatten wir uns bei der täglichen Beobachtung ganz unwissenschaftlich freilich auch schon gedacht. Stimmung ist in der Twitter-Bude derweil die ganze Zeit.

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