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Literatur auf Twitter : „Schraubt eure Erwartungen runter, Leute“

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Immerhin sind hier noch Bücher zu sehen: die Ankündigung zum Twitter Fiction Festival Bild: Twitter

Beim Twitter Fiction Festival ist jeder Nutzer eingeladen, seine literarischen Einfälle in Kurzform der Welt zu präsentieren. Ein wertvoller Beitrag zur Literaturgeschichte – oder einfach nur ein ganzer Haufen Spam?

          „Isabelle war ein wunderschönes, aber komisches Mädchen. Jeder in der Stadt dachte, sie sei seltsam, außer ihrem besten Freund Gaston.“ Mit diesem Tweet wurde Miriam Lane zur Autorin mit Publikum, aber ohne Verleger oder andere Zwischeninstanzen. Das Internet macht es möglich – und in diesen Tagen ganz besonders das Twitter Fiction Festival.

          Seit Montag veranstaltet das soziale Netzwerk Twitter gemeinsam mit dem Verlag Penguin Random House und der Association of American Publishers das Twitter Fiction Festival. Bereits das dritte Mal sammeln sich Schreibwütige unter #TwitterFiction, um ihre Geschichten und Ideen mit der Welt zu teilen. Während des Festivals kann jeder, der sein wie auch immer geartetes Werk zeigen möchte unter dem  passenden Hashtag an der Aktion teilnehmen. Die Veranstalter haben allerdings auch ein offizielles Programm aufgestellt. 45 Schriftsteller haben während des Festivals jeweils einen bestimmten Zeitpunkt, ab dem sie ihren Beitrag  häppchenweise twittern. Unter den Schriftstellern sind 25 Gewinner eines Wettbewerbs, den Twitter im Vorfeld des Festivals veranstaltete. Sie konnten ihre Beiträge einsenden und sich somit für die Aufnahme ins Programm bewerben. Aber es stehen  auch hauptberufliche Autoren auf der Liste, darunter die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood.

          „Oh nein, die durchgeknallte Liebe ist niederträchtig!“

          Atwood wird von ihren Fans vor allem für ihren Sinn für das Heitere geliebt. Diese bestimmte Art von Humor tritt auch in ihrem Twitter Fiction Festival-Beitrag deutlich hervor: Ein Konglomerat aus Stichworten aus Filmtrailern, die Atwood im Flugzeug gesehen hat – und genau dort fügte sie auch alles zu einer Geschichte zusammen. Kurz vor Beginn ihrer Twitter-Veröffentlichung nennt sie ihren Beitrag „mehr als eine Stichwortzusammensetzung“. Und bereut es kurz darauf: „Oh verdammt. Jetzt muss ich legendär sein. Schraubt eure Erwartungen runter, Leute.“

          Dies ist zum Teil tatsächlich angebracht. Atwood twittert kurze Satzschnipsel wie „Ist dort ein gutaussehender Witwer?“, „Oh nein, die durchgeknallte Liebe ist niederträchtig!“ und „Aber was ist das? Ein Möchtegernschriftsteller!“ Ein wirklicher Zusammenhang lässt sich dabei nicht erkennen. In der Vorstellung des Lesers werden die getwitterten Stichworte zwar mehr oder minder unbewusst zu einer Handlung verknüpft, doch das ist nicht der Formulierungskunst der Autorin zuzuschreiben. Auch der  vielversprechende, intermediale Zusammenhang mit Filmtrailern ist nur bedingt zu erkennen. Es sind eher Stichworte, als komplette Zitate, die Atwood in das soziale Netzwerk hinausschickt. Immerhin, am Ende lässt sich die Filmassoziation mit Atwoods Schlussworten „Next. Previous. Previous. Next. Pause. Play.“ erahnen. Besondere Auswirkungen des luftigen Entstehungsortes der Geschichte lassen sich indes überhaupt nicht ausmachen.

          Ein Gewinn für die moderne Literatur?

          Wirklich lesenswert sind im Gegensatz hierzu Atwoods sehr authentische Zwischenbemerkungen, mit denen sie ihren Beitrag immer wieder unterbricht: „Pause um eine Kaffee zu holen“. Dann, nach drei Minuten Wartens auf die Fortsetzung: „UHH das ist ziemlich schlechter Kaffee.“ Es spricht schon für sich, dass die Zwischenkommentare spannender zu lesen sind, als die eigentliche Twitter-Fiktion. Warum diese diffuse Satzsammlung nun unbedingt getwittert werden musste, erschließt sich nicht ganz. Einen Mehrwert hat sie dadurch jedenfalls nicht erfahren.

          Dies ist eigentlich die entscheidende Frage zum Festival: Sind die getwitterten Beiträge ein Gewinn für moderne Literatur? Das Festival soll eine Plattform für experimentelle und moderne Erzählformen sein. Die gibt es auch tatsächlich.
          So twitterte die Autorin Rowan Coleman über die Beziehung zweier Nachbarn, die sich überall kleine Notizzettel hinterlassen. Eine Stunde twitterte Coleman Fotos dieser Zettel, unter die sie die Gedanken der Protagonistin schrieb. Dafür  wurde wie mit begeisterten Kommentaren der Leser belohnt. Die Kommentare samt Fotos hätten auch abgedruckt eine Geschichte ergeben, doch durch die ‚Live-Übertragung‘ auf Twitter wird jeder weitere Tweet mit Spannung erwartet. Die Handlung erhält eine ganz andere Wirkungsebene.

          Einige Perlen sind dabei

          Noch mehr als Coleman nutzte Daniel Handler, der unter dem Pseudonym Lemony Snicket als Autor erfolgreich ist, die gestalterischen Möglichkeiten des sozialen Netzwerks und interagierte mit den Lesern selbst.  Er machte sein Pseudonym Lemony Snicket zum unter Amnesie leidenden Protagonisten seiner Geschichte und rief die Nutzer auf, ihm bei der Ermittlung seiner Erinnerungen zu helfen: „Ich stehe im Schatten eines Baums voller lärmender Vögel. Vielleicht wird ihr Zwitschern (‚their tweets‘) mir dabei helfen herauszufinden, was hier vorgeht.“

          Einige solcher Perlen lassen sich in der ungeheuren Menge an Beiträgen, die mittlerweile unter dem Hashtag eingegangen sind, durchaus finden. So wie Handlers Beitrag zeigen manche von ihnen deutlich auf, welche neuen Möglichkeiten die sozialen Netzwerke für die Literatur bereithalten. Für die meisten ist es aber vor allem die Chance, etwas schriftlich zu veröffentlichen, das es niemals durch ein Verlagshaus schaffen würde.

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