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Soziale Medien gegen Terror : Ein Netzwerk aus Netzwerken

  • -Aktualisiert am

Mit solch inszenierten Bildern fasziniert die IS potentielle Rekruten. Dagegen setzen US-Behörden online den Appell an ihre Vernunft. Bild: Reuters

Die amerikanische Regierung nimmt den Kampf mit islamistischer Propaganda in den sozialen Medien auf. Der Hauptkampfplatz ist Twitter.

          In ihrer Online-Mission sind islamistische Extremisten auf den sozialen Netzwerken sehr stark und mit einer enormen Reichweite vertreten. Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) und ihre Unterstützer haben beispielsweise eine Frequenz von 90.000 Tweets und anderen Beiträgen in den verschiedenen sozialen Netzwerken – pro Tag. Bei den Beiträgen handelt es sich um despektierliche Bilder, hetzerische Texte in eigener Sache und Videos ihrer terroristischen Handlungen. Mit ihnen zeichnen die Organisationen ein heroisches Bild ihrer Taten und Absichten, das junge Menschen dem Extremismus aufgeschlossen machen soll.

          Dieser Propaganda-Maschinerie versuchen sich U.S.-Behörden zu widersetzen und rüsten nun verstärkt ihr „Center for Strategic Counterterrorism Communications“ (CSCC) auf, wie die „New York Times“ berichtet. Das CSCC wurde im Oktober 2011 durch Präsident Barack Obama gegründet und betreibt auf den gängigen sozialen Plattformen Kanäle und Accounts, um Gegenbilder zur Terror-Propagandain Umlauf zu bringen. Hauptsächlich konzentriert sich die CSCC im virtuellen Kampf gegen unter anderem „IS“, Al Qaida und Boko Haram dabei auf Twitter.

          Emotional aufgeladene Inhalte

          Die Online-Präsenzen und „Tochter-Accounts“ (beispielsweise die in arabischer Sprache) laufen unter der Dachmarke und dem Motto „Think Again Turn Away” zusammen. Die geteilten Inhalte zielen darauf ab, die Akteure zum Nachdenken anzuregen und appellieren durch teilweise emotional aufgeladene Inhalte, sich von den Extremisten abzuwenden. In gleicher Stoßrichtung möchte die Social-Media-Offensive auch potenzielle, westliche Dschihadisten davon abhalten sich rekrutieren zu lassen. Auf einer Facebookseite – auf die zwar vom offiziell verifizierten Twitteraccount „Think Again Turn Away“s verwiesen wird, jedoch auf Facebook selbst (noch) nicht als offizielle Seite erkenntlich ist – heißt es in der Seitenbeschreibung: „Unsere Mission ist es, die Fakten über die Terroristen und ihre Propaganda richtigzustellen. Lass dich nicht von denen, die Familien auslöschen und ihr Erbe zerstören, in die Irre führen.“

          Auf dem englischsprachigen Twitteraccount von „Think Again Turn Away“ werden Nachrichtenbeiträge unabhängiger Medien geteilt, die die Sachlagen der Ereignisse schildern oder die Schattenseiten des Extremismus aufzeigen, die faszinierte, jugendliche Anhänger vermeintlich verdrängen.

          Auf einem der arabischsprachigen Twitteraccounts richtet sich das CSCC direkt an einzelne extremistische Akteure und antwortet ihnen in einem Duktus, der der Schärfe ihrer eigenen Propaganda nahe kommt. Beispielsweise werden Videoaufnahmen an sie getwittert, in dem ein Bombenanschlag inmitten Betender in der Moschee „Umm al Qura“ zu sehen ist. Dazu der Kommentar: „Wenn du wirklich an Allah glaubst, weshalb tötest du Betende in den Moscheen durch einen Bombenanschlag?“ Verschlagwortet wird das Ganze noch mit den Hashtags  #IS und #Freunde der Scharia in Libyen (das sind libysche Sympathisanten des Islamischen Staats).

          Bei dem Video handelt es sich um eine Überwachungsaufnahme, die der arabische Fernsehsender Al Arabia ausgestrahlt hat, und die auf dem arabischsprachigen Youtube-Kanal des CSCC hochgeladen wurde. Die Videoeinstellungen sind dabei jedoch auf „Privat“ gestellt, was bedeutet, dass das Video nicht herkömmlich auf Youtube oder über Suchmaschinen gesucht werden kann, sondern Zugriffe nur über den Link erfolgen. Die arabischsprachigen Ableger von „Think Again Turn Away” werden von fließend arabisch sprechenden Spezialisten betrieben, um in Echtzeit auf die Terror-Propaganda zu reagieren und auf die von ihnen verbreiteten Fehlinformation zu antworten. Ähnliches geschieht auch zusätzlich in den Sprachen Urdu, Panjabi und Somali. Im Juni vergangenen Jahres riefen Unterstützer des Islamischen Staates zur Vorsicht auf und nicht mit den Twitteraccounts des CSCC zu interagieren.

          „Think Again Turn Away” soll in Zukunft verstärkt werden, indem größere Behörden und Ministerien, wie das Pentagon oder die Homeland Security, die Arbeit des verhältnismäßig kleinen CSCC unterstützen sollen. Insgesamt sollen über 350 Twitteraccounts von US-Behörden, Botschaften, Konsulaten, Medienzentren und ähnlichen Instanzen involviert werden. Des Weiteren sollen auch internationale Vereinigungen, NGOs, Gemeindevorsitzende und prominente muslimische Gelehrte, die sich gegen islam-extremistische Vereinigungen aussprechen, einbezogen werden. Man erhofft sich dadurch eine größere Überzeugungskraft.

          Richard A. Stengel, amerikanischer Staatssekretär für Öffentlichkeitsarbeit und öffentliche Angelegenheiten, sagte der New York Times: „Wir werden vom Umfang [der Social-Media-Interaktionen] her überboten, also ist der einzige Weg dagegen anzukämpfen, die existierenden Inhalte ausgewählt zu verstärken.“ Er äußerte laut der New York Times auch, dass die bisherige Vorgehensweisen des CSCC besser hätten koordiniert werden können. Durch den Ausbau des CSCC soll sich dies nun ändern. Das neue Konzept soll in drei Treffen der Beteiligten ausgearbeitet werden.

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