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TV-Zielgruppenfamilie : Die Westermanns sind geschieden

  • -Aktualisiert am

In den sechziger Jahren war alles noch so einfach. Bild: Picture-Alliance

Von 2010 an hat der NDR sein „Markenleitbild“ an einer real existierenden Beispielfamilie aus der Nähe von Osnabrück ausgerichtet. Bei den Westermanns ist seitdem einiges passiert. Was macht der NDR?

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          Die Westermanns aus Belm, einem Nachbarort von Rulle bei Osnabrück, haben sich getrennt. Das ist eine Nachricht, die womöglich nicht einmal Belm erschüttern würde, wenn die Westermanns nicht die Leute wären, für die das NDR-Fernsehen sein Programm macht.

          Im Jahr 2010 hat der Sender sein „Markenleitbild“ auf diese real existierende Beispielfamilie ausgerichtet. Hunderte Würfel mit Fotos von Vater, Mutter, Sohn und Tochter ließ er zur Mahnung und Erinnerung an seine Mitarbeiter verteilen. Früher hätten Redakteurinnen und Redakteure, wenn sie wissen wollten, wer ihr Programm einschaltet, nur in die Glaskugel schauen können, heißt es in einem internen Schulungsvideo. „Bis der NDR den Würfel eingeführt hat. Unsere Zielgruppe. 50 bis 59.“

          Die jüngeren Westermanns finden das Programm nicht so dolle

          Fünf Jahre später war es nun Zeit für eine Aktualisierung. „Ralf und Doris Westermann sind inzwischen geschieden“, erklärt das Video, das den NDR-Leuten vorige Woche gezeigt wurde. „Das Haus steht zum Verkauf. Die Kinder sind erwachsen. Ralf hat eine neue Partnerin. Sein Leben hat sich sehr verändert. Das gilt auch für sein Mediennutzungsverhalten.“ Er steuert mit seinem Tablet den Fernseher, spielt darüber Musik ab, schaut Fußball im Pay-TV. Er geht mobil ins Internet, fotografiert mit dem Smartphone. Der NDR sei „am Puls der Zeit“, findet er.

          „Nähe, Klarheit, Sehnsucht“ sind die „Koordinaten“, auf denen das Leitbild beruhen soll. Die 50- bis 59-Jährigen nennt der NDR, dessen Durchschnittszuschauer über 60 ist, sein „Eroberungsmilieu“. Das Video mahnt: „Sie sind jünger als vielleicht gedacht.“ (Vielleicht gedacht hätte man 50 bis 59.)

          Diesmal lernen die NDR-Leute aber auch Ansgar Westermann kennen, den kleinen Bruder von Ralf. „Er lebt den Durchschnitt der 40- bis 49-Jährigen“, treibt Sport, kauft bei Aldi, hört mit seiner Frau Robbie Williams, Tina Turner und Helene Fischer. Nicht in jedem Punkt ist die Familie repräsentativ: „Anders als bei den Westermanns kommt bei den meisten abgepackte Wurst auf den Teller“, warnt der Film. Immerhin mag er das richtige Bier: „Niedersachsen trinken am liebsten Krombacher“, was auch immer das fürs Programmmachen bedeutet.

          Die jüngeren Westermanns finden das NDR-Fernsehen nicht so dolle. „Ruhig, langweilig, besonnen“ sei es, „mehr für ältere Menschen“. Tja: Die 40- bis 49-Jährigen zu erreichen sei eine „größere Herausforderung“, stellt der NDR fest. „Sie unterscheiden sich in vielen Vorlieben von den Zuschauern über 50. Dabei gehören Sie schon in wenigen Jahren zu unserem Eroberungsmilieu.“

          Offen bleibt, was aus Doris Westermann geworden ist. Und ob ihre Ehe mit Ralf womöglich auch daran scheiterte, dass dauernd Fernsehen für die beiden gemacht wurde.

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