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TV-Vorschau : Es fährt kein Zug nach Piddleton

  • -Aktualisiert am

Gleich ihr erster Fall steht auf des Messers Schneide: Inspektor Jury (Fritz Karl, links) und sein Adlatus Wiggins (Arndt Schwering-Sohnrey) kombinieren. Bild: John Harding

Krimi, Rührstück und überhaupt eine irre Mischung mit einer tollen Hauptrolle: „Inspektor Jury“ ermittelt fürs ZDF an der englischen Südküste.

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          Gibt es nach den weihnachtlichen „Downton-Abbey“-Überdosen noch irgendjemanden, der weiteren Bedarf an englischem Landhausfernsehen hat? Das ZDF rechnet offenbar damit, geht aber auf Nummer sicher und mischt einen Cocktail aus ganz verschiedenen Genre-Elementen, den man wohl wahrhaft postmodern nennen könnte, so fröhlich zitiert er sich seine Filmwelt zusammen. Er beginnt mit klimpernder Miss-Marple-Musik und Impressionen aus London, dann aber geht es ruck, zuck hinaus aus der Stadt - nicht nach Paddington, sondern nach Piddleton. Long Piddleton, um genau zu sein.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Der fiktive Ort soll irgendwo an der englischen Südküste liegen. Der Name des Kommissars, der zur Lösung eines Mordfalls aus der Hauptstadt dorthin beordert wird, lautet Richard Jury und wird im Film teils französisch, teils englisch ausgesprochen. Auch hier liegt der Gedanke an Kolportage angesichts von Agatha Christies Ermittler Hercule Poirot auf der Hand. Inspektor Jury ist jedoch eine Figur der amerikanischen Bestsellerautorin Martha Grimes und kann schon auf eine sehr stattliche Reihe von Auftritten in Romanen zurückblicken, die im Original interessanterweise sämtlich nach wirklich existierenden englischen Trinkhäusern benannt sind: „The Dirty Duck“, „The Horse You Came In On“, „The Winds of Change“.

          Krimi und Rührstück

          Der erste Roman erschien 1981 und hieß „The Man With a Load of Mischief“, in der Übersetzung dann „Inspektor Jury schläft außer Haus“. Er ist die Grundlage für diesen Film, aber der deutsche Titel der Fernsehadaption nach einem Drehbuch von Günter Knarr und in der Regie von Edzard Onneken, die sich rühmt, die „weltweit erste Martha-Grimes-Verfilmung“ zu sein, nimmt sich dagegen leider überaus phantasielos aus: „Der Tote im Pub“. Da klingt eigentlich schon wieder die ganze heutige Fernsehkrimi-Misere mit an. Aber es wird noch kurioser: Die deutsch-österreichische Produktion will nämlich nicht nur Krimi, sondern auch noch touristisches Rührstück im Stil der Pilcher-Filme aus Cornwall sein, und so sieht man lauter hübsche Küstenbilder (in diesem Fall sind es die weißen Klippen der Grafschaft Dorset), Kirchhöfe, Burgruinen und natürlich edle Interieurs - bevölkert von deutschen Schauspielern des öffentlich-rechtlichen Fernsehalltags.

          Seit Heinz Rühmanns Pater-Brown-Klamotten und dem Edgar-Wallace-Boom gibt es offenbar ein bis heute nicht nachlassendes Interesse an nur scheinbar englischen Filmen, und das befriedigt dieser mit einer Fülle von üblichen Krimiverdächtigen wie Götz Schubert (war mal Hauptkommissar in Kreuzberg in der Serie „Kriminaldauerdienst“, ist jetzt ein reicher Beau namens Melrose Plant), Katharina Thalbach (hat schon fast alles gespielt, an ihre Rolle hier als Möchtegern-Miss-Marple mit dem selten dämlichen Namen Agatha Ardry wird man sich wohl nicht ewig erinnern) oder Arndt Schwering-Sohnrey (diverse „Tatort“-Einsätze, hier als ewig verschnupfter Ko-Ermittler namens Wiggins, ziemlich klamaukig).

          Das wird nichts ausgelassen

          Der ominöse Inspektor Jury wird gespielt von dem Österreicher Fritz Karl. Er ist krimigeschichtlich nicht ganz so vorbelastet - bei Lars Becker in „Unter Feinden“ war er freilich zuletzt ein grandios heruntergekommener Kommissar. Karl ist auch das Beste an diesem Film, aber er kann die überaus konventionelle Geschichte über einen lange zurückliegenden Mord, dessen drohende Aufdeckung weitere Morde nach sich zieht, nicht retten. So eilen sein Inspektor Jury und Kollege Wiggins von einer Leiche zur nächsten, es gibt ein rivalisierendes Schwesternpaar im Erbschaftsstreit, Flirts und Verwirrungen, einen Freddie-Frinton-Butler und natürlich auch einen Dorfpfarrer (Peter Lerchbaumer, ehemaliger Dienststellenleiter im Frankfurter „Tatort“).

          Der Film lässt wirklich nichts aus: Als dieser Pfarrer mit einer Spitzhacke im Rücken tot aufgefunden wird („widerrechtlich zweckentfremdet“, heißt es über das Werkzeug), hat er noch in seinen letzten Lebensmomenten ein irres Gekritzel hinterlassen, das zur Aufklärung des Falles beitragen soll - Vatikanverschwörungen à la „Da Vinci Code“ lassen grüßen.

          Von einem Showdown möchte man angesichts des Schlusses nicht sprechen, aber immerhin - die Küstenlandschaft wird noch einmal atemberaubend. Die durchaus ästhetische Kinematographie und die für diese eindimensionale Erzählung viel zu gute Mimik und seltsame Melancholie im Spiel von Fritz Karl machen das wilde Genre-Potpourri zu einem Fall für Guerrillafernsehen: Den Ton abstellen und stattdessen Songs von Roxy Music, Pulp oder The Divine Comedy dazu auflegen, dann würde das immerhin für eine britisch-österreichische Dekadenzerfahrung taugen.

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