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TV-Vorschau : Bildnis eines gebrochenen Mannes

  • -Aktualisiert am

Vor Kafkas Gericht: Harry Wörz (Rüdiger Klink) und sein Anwalt Hubert Gorka (Felix Klare) im zähen Kampf gegen eine labyrintische Justiz. Bild: obs

Harry Wörz saß wegen versuchten Totschlags jahrelang in Haft. Wohl zu Unrecht. Ein Spielfilm erzählt seine Geschichte als Justiztortur und kämpft um seinen verlorenen Ruf.

          Als Harry Wörz 2009 von der Anklage freigesprochen wird, seine getrennt lebende Frau 1997 mit einem Wollschal fast erwürgt zu haben, eine Tat, für die er 1998 nach erstaunlich kurzer Verhandlung vom Landgericht Karlsruhe zu elf Jahren Haft wegen versuchten Totschlags verurteilt worden war, ist der Leidensweg und Justizmarathon des Installateurs noch immer nicht vorbei. Einem erneuten Revisionsantrag von Staatsanwaltschaft und Nebenklage gibt der Bundesgerichtshof erst am 15. Dezember 2010 nicht statt. Dieser Freispruch, der bereits der zweite im selben Fall ist, hat endlich Bestand.

          Harry Wörz ist heute ein freier Mann, nachdem es ihn und seine Anwälte dreizehn Jahre und elf Prozesse gekostet hat, seine Unschuld zu beweisen. Einerseits. Andererseits wird Harry Wörz nie wieder ein freier Mann sein. Hochverschuldet und arbeitsunfähig wartet er immer noch auf Entschädigungen. Und nicht zuletzt auf die Wiederherstellung seines guten Rufes. Man muss sich Wörz als gebrochenen Mann vorstellen. Als Mann, der in den viereinhalb Jahren seiner Haft Tausende von Aktenseiten mit der Hand gleich mehrmals abschrieb, um Widersprüche und Manipulationen zu entdecken. Ein Maniker aus Überlebenswillen.

          Fatales und skandalöses Justizversagen

          Der Fall des Harry Wörz erzählt von fatalem Korpsgeist innerhalb der Pforzheimer Polizei, von fortwährendem Justizirrtum und skandalösem Justizversagen. Wer die Justiz mit Kafka für ein heilloses Labyrinth hält, in dem es weder Gerechtigkeit noch Rechtssicherheit gibt, sieht sich hier bestätigt. Selbst die „Neue Juristische Wochenschrift“ verhandelte den Fall unter dem Titel „Der Mensch als Mahlgut in der Justizmühle“. Strukturelle Probleme der Strafprozessordnung können dafür mitverantwortlich gemacht werden. Am Anfang aber steht eine unglaubliche Vertuschung der Polizei, die in der jungen Frau, die ihr Vater in einer Aprilnacht 1997 so stark stranguliert vorfand, dass sie eine irreparable Gehirnschädigung erlitt und schwerstpflegebedürftig blieb, eine der Ihren erkannte und von da an hocherregt zu Werke ging.

          Doch nicht nur die Frau von Harry Wörz war Polizistin in Pforzheim, ebenso der Vater, der sich mit seiner Frau mutmaßlich als Tatortreiniger betätigte, sowie auch ein anderer anfangs Verdächtigter, der verheiratete Geliebte der jungen Frau. Sowohl Wörz als auch jener Polizist wurden verhaftet. Ernsthaft ermittelt aber wurde nur gegen den Einzigen, der in dieser Gemengelage kein Polizist war. Ein höchst willkommener Schuldiger.

          Veurteilt ohne ein erkennbares Motiv

          Obwohl schon das Landgericht Karlsruhe kein Motiv erkennen konnte, wurde Wörz verurteilt. Er hatte kein Alibi. Und es gab Beweise, die zu seinen Ungunsten ausgelegt werden konnten. Außerdem konnte er sich nicht recht artikulieren. Erst der Zivilprozess, den der Vater der jungen Frau eineinhalb Jahre später anstrengte, um 300 000 Mark Schmerzensgeld und Pflegeauslagen zu erstreiten, brachte die Chance zur Wiederaufnahme des Verfahrens. Der Richter wies die Klage unter Verweis auf erhebliche Zweifel an der Täterschaft von Harry Wörz ab. Mehr als zehn Jahre stritt sich sein Anwalt Gorka von nun an durch die Instanzen und brachte Merkwürdigkeit über Merkwürdigkeit zutage.

          Der Fall Harry Wörz kann an der Rechtsfindung hierzulande verzweifeln lassen. Drei bemerkenswerte Dokumentarfilme hat der ehemalige Defa-Spielfilmregisseur Gunther Scholz über und mit Wörz gedreht, mit genregemäß eher bescheidener Resonanz. Wenn mit „Unter Anklage: „Der Fall Harry Wörz“ nun die erste fiktionale Bearbeitung dieses Polizei- und Justizskandals ins Fernsehen kommt, darf ihm größere Aufmerksamkeit gewiss sein. Regisseur Till Endemann, der zusammen mit Holger Joos am Drehbuch gearbeitet hat, sagt, dass dies nicht nur ein Film über, „sondern ein Film für Harry Wörz“ sei. Eine öffentliche Rehabilitation, die überfällig ist. Und gleichzeitig der mögliche Todesstoß für einen dokufiktionalen Spielfilm, der üblicherweise mit filmischen Mitteln des Erzählens, mit dramaturgischen Ein- und Vorgriffen arbeitet. Künstlerische Freiheiten? Verbieten sich hier fast von selbst.

          Was wohl Hollywood daraus gemacht hätte?

          Streng an die Chronologie der Ereignisse hält sich „Unter Anklage“ (Kamera: Lars R. Liebold) und begreift seine Geschichte vor allem als den Kampf der beiden Männer Wörz (Rüdiger Klink) und Gorka (Felix Klare) gegen das vorschnelle erste Urteil. Dabei mag es auch rechtliche Gründe haben, dass weder einzelne Polizisten noch Richter oder Staatsanwälte neben diesen Hauptfiguren in den Fokus rücken. Zur Rechenschaft gezogen wurde aus diesen Kreisen bis dato niemand. Trotz einiger Plädoyers Gorkas, die als Wendepunkte der Filmhandlung eingeschrieben sind, ist „Unter Anklage“ daher in erster Linie kein Gerichtsdrama. Hollywood hätte daraus die flammend triumphierende Wiedereinsetzung der Gerechtigkeit gemacht. Das System, es heilt sich selbst!

          So viel unbegründeten Optimismus gibt es hier nicht. Die Verfahren erscheinen vielmehr als Geschichte der Unwägbarkeiten und Ohnmachten. Auch die Rolle des Vaters des Angriffsopfers sowie des Geliebten bleibt weitgehend ausgeblendet. Darin liegt kluge Beschränkung. Wirklich aufgeklärt ist der Fall der Frau, die im Film Silke heißt, nämlich bis heute nicht. Ihr zur Tatzeit zwei Jahre alter Sohn durfte den Vater nicht sehen und hält ihn wohl immer noch für schuldig. Hier hätte der Film größere Wirkung erzielen können, wenn er auf die überemotionalisierte Darstellung der Beziehung zwischen Wörz und seinem Kind verzichtet hätte.

          Als Spielfilm und als Rehabilitierung des Harry Wörz im Medium Fernsehen funktioniert „Unter Anklage“ gleichermaßen. Er ist so emphatisch wie faktentreu, und beides aus gutem Grund. Nachdem gegen den Geliebten jener Silke, die in Wirklichkeit Andrea heißt, 2010 vorübergehend noch einmal ergebnislos ermittelt wurde, sind die Akten nun endgültig geschlossen. Wörz kämpft für die Anerkennung seiner Erwerbsunfähigkeit. Die Beweislast liegt bei ihm.

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