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TV-Sonntagstalk in Amerika : Tyrannei in zwei Geschmacksrichtungen

  • -Aktualisiert am

Ägypten ist das große Sonntags-Fernsehthema in den Vereinigten Staaten. Bild: dpa

Für Amerika als Weltüberwachungsstaat interessieren sich die Talksendungen des Landes an diesem Sonntag kaum. Thema ist statt dessen Ägypten. Bemerkenswert. So viele Sorgen macht man sich in den Vereinigten Staaten sonst selten über Außenpolitik.

          Prism? NSA? Amerika als Weltüberwachungsstaat? Nichts davon interessiert im amerikanischen Fernsehpalaver am Sonntagmorgen. „Meet the Press“, „This Week“ und „Face the Nation“, die drei Talkrunden der drei großen Networks NBC, ABC und CBS, beginnen alle ihr Programm erst einmal mit dem Flugzeugunglück in San Francisco. „Ein absolutes Wunder“, berichtet die Reporterin von „Meet the Press“ aus dem noch dunklen San Francisco. Kaum zu glauben, dass so viele Passagiere überlebten. Über die Gründe der Bruchlandung kann jedoch weiter nur gerätselt werden. „Eine Menge unbeantworteter Fragen“, heißt es bei NBC. Ein kollektives Aufatmen scheint es dennoch zu geben: Terrorismus darf ausgeschlossen werden, bis auf weiteres. Bezeichnend freilich, dass der Gedanke an Terror sogleich wieder aufkam.

          Im Mittelpunkt der sonntagmorgendlichen Interviews und Gespräche aber: Ägypten. Auch das ist bemerkenswert. Denn außenpolitische Themen gehören bei Amerikas Fernsehsendern nicht gerade zum bevorzugten Angebot. „Meet the Press“ hatte Mohamed El Baradei angekündigt, aber der Friedensnobelpreisträger und Oppositonspolitiker war dann doch offensichtlich in Kairo zu beschäftigt, um nebenbei auch noch vor einer amerikanischen Fernsehkamera Auskunft zu geben. Als Ersatz gab es Nabil Fahmy zu hören und sehen, der von 1999 bis 2008 ägyptischer Botschafter in Washington war. Fahmy sprach diplomatisch geschult von einem demokratischen Prozess, der gerade in Ägypten zu beobachten sei, und das zeige sich schon daran, dass zwanzig bis dreißig Millionen Ägypter auf die Straße gegangen seien.

          Diplomatische Vorsicht

          Mohamed Tawfik, den aktuellen Botschafter Ägyptens, hatte „This Week“ zu bieten, aber auch der ließ diplomatische Vorsicht walten und steigerte sich beim Lavieren zwischen seinem alten Arbeitgeber, Präsident Mohamed Mursi, und seinem neuen, dem Militär, zu der Behauptung: „Es war kein militärischer Coup.“ Warum nicht? Weil sich, ganz und gar demokratisch, fünfzehn Millionen Ägypter für einen Regierungswechsel demonstrierend ausgesprochen hätten. Im Vergleich mit seinem Vorgänger Fahmy halbierte er damit zwar die Zahl der aufständischen Wähler, aber die Analyse blieb dieselbe: „Das Volk von Ägypten hat gesprochen.“

          Gehad El Haddad, Sprecher der Muslimbruderschaft, sieht das ein wenig anders. Die Töne, die er in einer kurzen Einspielung anschlug, lassen für den demokratischen Prozess, den Fahmy und Tawfik beschworen, nicht viel Gutes erwarten. „Wir halten an unseren Prinzipien fest“, erklärte El Haddad. Entweder zurück zur alten Regierung, oder in den Straßen werde geschossen. Dagegen mussten die Aufforderungen und Einladungen der beiden Botschafter fast weltverloren klingen: „Beteiligt euch am Prozess!“ „Wir brauchen jeden!“ Die ganze Ratlosigkeit spiegelte sich in Tawfiks alles- und nichtssagender Versicherung: „Es gibt keinen Platz für Gewalt. Wir wollen eine wirklich demokratische, pluralistische Gesellschaft.“

          Ratlos waren aber auch die amerikanischen Kommentatoren, die bei CBS, NBC und ABC das Wort ergriffen. Klar, es war ein Coup, da waren sich alle einig. Aber sonst? Und jetzt? George Will, Doyen der konservativen Meinungsmacher, zog das deprimierende Resümee: „Ägypten hat die Wahl zwischen zwei Geschmacksrichtungen der Tyrannei. Die eine ist eine Tyrannei, die von religiösem Extremismus angefeuert wird, die andere eine Tyrannei, die sich von Korruption nährt, also die Tyrannei des Militärs.“ Senator John McCain, ehemaliger Präsidentschaftskandidat und Dauergast im Sonntagsmorgen-TV, machte für die ägyptische Krise einfach seinen siegreichen Widersacher Barack Obama verantwortlich: „Ein Indikator der fehlenden amerikanischen Führungsstärke.“

          Ein gut gelaunter George W. Bush

          Nach soviel Ungemach und zwei Schlenkern zum ewigen Immigrations- und Krankenversicherungsdisput war bei ABC eine Strecke Hofberichterstattung fällig. Und wenn auch der Hof von George W. Bush machtpolitisch nicht länger von Bedeutung ist, war Moderator und Reporter Jonathan Karl doch froh, den gut gelaunten ehemaligen Präsidenten und seine unermüdlich lächelnde Gemahlin auf ihrer Afrikareise befragen zu dürfen. Trotz ägyptischer Chaostage hält Bush den arabischen Frühling für „eine gute Sache“, mag sich im Übrigen aber nicht in die aktuelle Politik einmischen. „Ich bin weg aus der Politik“, beteuert er, „ich bin von der Bühne abgetreten.“ Er lässt sich lieber bei einem ungelenken Tänzchen in Tansania filmen und antwortet auf die Frage, ob er mit seinen guten Werken in Afrika jetzt Fehler seiner Präsidentschaft wettmachen wolle: „Absurdes Psycho-Geschwätz!“ Dass in der Debatte um die Terrorismusbekämpfung von einer vierten Amtszeit Bush gemunkelt wird, die Obama angetreten habe, will ihm irgendwie behagen. Obama habe die Gefahr erkannt, die dem Land drohe.

          Im andern Kanal fällt dann bei „Face the Nation“ ganz zum Schluss des Interviews mit McCain doch noch der Name Snowden. Was sind die Lehren, die Amerika aus der Affäre zu ziehen hat? Putin habe sein wahres Gesicht gezeigt, antwortet McCain. Der russische Präsident sei nicht an besseren Beziehungen zu den Vereinigten Staaten interessiert. Überwachungsmethoden stehen überhaupt nicht zur Debatte. Amerika hat andere Sorgen.

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