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TV-Sondersendungen zu Halle : Der Täter wollte Juden töten

  • -Aktualisiert am

Trauer in Halle. Bild: Daniel Pilar

Die Nachrichten über zwei Morde und das Attentat auf die Synagoge in Halle sind zunächst verwirrend. Das zeigt sich auch in den Sondersendungen des Fernsehens. Nur einer weiß mal wieder ganz genau, was läuft.

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          Jan Böhmermann firmiert im ZDF offiziell als Satiriker. Doch dürfte es wohl kaum jemanden geben, dem nach den beiden Morden, dem Anschlag auf die Synagoge und ein Döner-Restaurant in Halle nach Satire zumute ist. So wird es wohl kein Scherz gewesen sein, was Jan Böhmermann an diesem Mittwochabend via Twitter über den Täter mitteilte: „Einzeltäter since 1933“.

          Böhmermann meinte das ernst. Er dokumentiert, wie gut er sich als Indikator für die Vereinfachung des politischen Diskurses eignet. Es gibt nämlich niemanden, der die Naziherrschaft als die eines Einzeltäters beschreiben würde. Die Bemerkung ist als Polemik gedacht, verfehlt aber ihren kritischen Sinn. Im Geschichtsunterricht hat Jan Böhmermann offenbar eine Menge nicht mitbekommen.

          Mit Informationshäppchen das Interesse befriedigen

          Der ZDF-Clown steht symptomatisch für den Umgang mit solchen Ereignissen. Die Berichterstatter des ZDF machten es sich nicht so leicht. Sie mussten kurz nach der Tat über ein Geschehen berichten, dessen Umstände selbst der Polizei noch nicht bekannt sind. So sind sie auf Informationshäppchen angewiesen. Zugleich müssen sie das große Interesse der Zuschauer befriedigen. Die wollen sehr schnell alles wissen, selbst wenn noch niemand etwas Genaues wissen kann. Zudem existiert das überragende Bedürfnis nach einer sofortigen politischen Einordnung. Die Instrumentalisierung setzt ebenfalls unmittelbar ein.

          So konnten es etwa die Rechten bei der Amokfahrt mit einem LKW in Limburg vor ein paar Tagen kaum abwarten, die syrische Herkunft des Täters herauszustellen. Oder die fehlende Einordnung als Terroranschlag zu skandalisieren, obwohl es daran durchaus berechtigte Zweifel gibt. In Halle dagegen lief das Spiel anders herum. Da warteten viele im Netz nicht lange, Polizei und Staatsanwaltschaft Kumpanei mit Rechtsextremisten zu unterstellen. Nach der Logik extremer Einordnung gibt es nämlich keinen Einzeltäter. Linke und rechte Politaktivisten interessiert weder die Aufklärung der Tat, nicht der Täter, nicht die Opfer.

          Berichterstatter sind gut beraten, diese Reflexe nicht zu bedienen. Und das taten sie nicht – ob im „Brennpunkt“ der ARD, im „ZDF-Spezial“ oder in der RTL-Sondersendung vor der Länderspielübertragung: Die Journalisten versuchten, den Zuschauern zu vermitteln, was passiert war. Es ergab sich nämlich erst am Abend ein klareres Bild. Den Tag über gab es verwirrende Informationen über einen oder mehrere Täter; über verschiedene Tatorte. Niemand wusste, ob es sich nicht sogar um eine Anschlagserie mit koordinierten Angriffen handelte. Erst verhältnismäßig spät wurde bekannt, dass der Rechtsextremist seinen Angriff auf die Synagoge in Halle via Livestream übertragen hatte. Er orientierte sich an dem Massenmörder im neuseeländischen Christchurch. Es ging ihm um den Anschlag als Botschaft. Damit legte er zugleich ein umfassendes Geständnis ab.

          Hier zeigte sich, wie unbeholfen Medien in solchen Fällen wirken können. So sprechen die Berichterstatter bisweilen von einem mutmaßlichen Täter, obwohl die Unschuldsvermutung durch das umfassende Geständnis des Täters obsolet geworden ist. Seinen Namen zu verschweigen, ist genauso sinnlos. Es sei denn, man erkennt in der Namensnennung einen Dienst am Bedeutungsrausch des Täters.

          So sind wir alle Zeugen eines Schwerverbrechens geworden. Das Ziel des Anschlags war die Synagoge in Halle. Der Täter wollte Juden töten. Er wollte unter den Gläubigen in der Synagoge ein Massaker anrichten. Juden in Europa, in Deutschland zumal, werden jeden Tag von Antisemiten aus allen Lagern bedroht, von solchen, die meinen, sie handelten im Namen einer Religion und von solchen, die der Ideologie anhängen, deren Herrschaft keineswegs ein „Fliegenschiss“ in der deutschen Geschichte war, sondern zu einem verheerenden Weltkrieg und zu einem Menschheitsverbrechen führte, dem sechs Millionen Juden zum Opfer fielen. Daran erinnert haben zu wollen, mag man Jan Böhmermann zugute halten. Doch macht er es sich zu leicht und lenkt vom Problem ab. Von der deutschen Politik ist zu hoffen, dass sie die Dramatik des Antisemitismus in seinen vielfältigen, weit in den Alltag reichenden und extremen Ausformungen in unserer Gegenwart begreift.

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