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TV-Serie „The Durrells“ : Insel der Seligkeit

  • -Aktualisiert am

Gestatten, Familie Durrell: English Breakfast sieht anders aus. Bild: ITV/Sony

Die hierzulande fast übersehene Serie „The Durrells“ ist ein Meisterwerk des Eskapismus und ein Triumph des britischen Humors. Sie ist, was wir jetzt brauchen: ein Urlaub voller Sonne, Liebe und Vogelkot.

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          Verzweifeln wir nicht. Remedia mit einer Wirksamkeit von hundert Prozent (einzige Nebenwirkung: blödes Lächeln) sind immer noch möglich, sogar von jenseits des Kanals. Die Rede ist von der ganz und gar bezaubernden ITV-Familienserie „The Durrells“ (2016 bis 2019), einem Stimmungsaufheller, der den armen Briten sogar durch das Brexit-Desaster half. Bei uns wurde die freie Verfilmung von Gerald Durrells autobiographischen Romanen jedoch kaum wahrgenommen. Zum Abschluss der Ausstrahlung auf dem Sony Channel (alle Folgen auf Abruf; DVD-Boxen erhältlich) sei daher betont: Diese Quadratur der Insel ist exakt das, was wir, pandemiemüde und urlaubsreif, jetzt brauchen.

          Die vier Staffeln umfassende Serie spielt nicht einfach nur auf Korfu, wo die fünfköpfige, vaterlose Durrell-Familie ab 1935 für einige Jahre lebte. Sie erfindet Korfu neu. In der behutsamen, fast nie auf platte Culture-Clash-Pointen hinauslaufenden Regie von Steve Barron, Roger Goldby, Edward Hall und Niall MacCormick gibt sie dem heute von Touristen überrannten Eiland seine alte Poesie zurück. Und sie tut das, von Simon Nye begnadet gut geschrieben und von einem überragenden Ensemble schlichtweg zum Verlieben gespielt, mit herrlich britischem Humor, mit einem zugewandten und doch punktgenau treffenden Witz, der die hinreißend schönen Bilder vor (beinahe) jedem Kitschverdacht rettet und unbedingt in der englischen Originalfassung genossen werden sollte. Wer nach wenigen Folgen nicht im Geiste auf gepackten Koffern sitzt, dem ist nicht zu helfen.

          Dabei handelt „The Durrells“ nur vordergründig vom Auswandern, eigentlich aber vom Ankommen, vom Sieg der Familie in ihrer freiesten, modernsten, alles inkludierenden Form, die das Fremde mit entwaffnender Herzlichkeit umarmt. So ist dieses Meisterwerk des Eskapismus zugleich eine Feier des Kosmopolitismus, des europäischen Gedankens in seiner strahlenden Urform, und das in voller Übereinstimmung mit den Überzeugungen der Durrells, die sie immer wieder kundtaten. Am lautesten tat das der berühmteste von ihnen, Lawrence Durrell, ein Autor von Weltgeltung, der etwa 1959 der „Paris Review“ sagte, seit seinem achtzehnten Lebensjahr sei er glühender Europäer, ganz anders als seine Landsleute: „I think it is a grave national defect that we aren’t Europeans any more.“

          Hier aber, unter der Sonne des Südens, darf man es noch sein. Die der Tristesse von Bournemouth entflohenen Durrells lassen sich in einer atmosphärischen Villa am Meer nieder, die der junge Gerry (Gerald), im späteren Leben ein berühmter Zoologe und Tierfänger, nach und nach in einen Garten Eden verwandelt. Pelikane und Flamingos tapern bald als vollwertige Familienmitglieder durch Haus und Garten, auch Schildkröten, Schweine, Schafe, Schlangen, Otter, ein Faultier, eine Eule, zwei Lemuren und so fort. Im Zentrum der charmant individualistischen Familie, die vielfach mit der konservativen griechischen Kultur kollidiert, aber so gut wie immer einen heiteren Ausgleich findet, steht die von Keeley Hawes umwerfend gespielte Witwe Louisa, die hier, anders als in der Vorlage, eindeutig die Protagonistin abgibt und die Männerherzen der Insel höherschlagen lässt.

          Ihr ältester Sohn Larry (Lawrence), der auf Korfu zu sich als Schriftsteller findet, ohne von der Familie damit allzu ernst genommen zu werden, ist nicht nur ein avantgardistisch infizierter Intellektueller, sondern auch der Vertraute Louisas, der, so gut es geht, die Stelle des Ehemanns und Vaters einnimmt, mit seiner durchaus selbstironisch gebrochenen Eros-Obsession aber selbst in dieser äußerst liberalen Familie für Augenrollen sorgt. Josh O’Connors flamboyant kluge, entzückend eingebildete Verkörperung Larrys, deutlich sympathischer als in der Vorlage, trägt viel zur besonderen Aura der Serie bei, wie gerade jene leicht (sehr leicht) in Richtung Rosamunde Pilcher neigenden Folgen der vierten Staffel zeigen, in denen er fehlt. Die Queen höchstpersönlich ließ ausrichten, als Fan der „Durrells“ freue es sie sehr, dass just O’Connor den jungen Charles in „The Crown“ spiele (wofür er verdientermaßen einen Golden Globe erhielt).

          Überzeugend stark sind aber auch Milo Parker als eigenwilliger Naturforscher Gerry, Daisy Waterstone als selbstbewusst an Oberflächlichkeiten interessierte Tochter Margo und Callum Woodhouse als stets über die eigenen Ambitionen stolpernder Waffennarr Leslie. Anders als die griechischen Freunde der Familie, so Gerrys Mentor, der höfliche Universalgelehrte Theo (Yorgos Karamihos), oder die Haushälterin Lugaretzia (Anna Savva) – eine Ausnahme bildet nur der fesche, beflissene, den Durrells die ganze Insel zu Füßen legende Taxifahrer Spiros (Alexis Georgoulis, der seit 2019 für Syriza im EU-Parlament sitzt) –, werden die Durrell-Charaktere liebevoll weiterentwickelt. Vor allem aber wirken sie, über Jahre zusammengewachsen, wie eine authentische Familie. Die Chemie zwischen den Figuren hat eine solche Intensität, dass es kaum gespielt zu sein scheint.

          Es ist nicht die erste Verfilmung von Gerald Durrells „My Family and Other Animals“ (1956) – ein ebenfalls von Simon Nye geschriebener Film erschien 2005 –, aber es ist die Version, die das Buch und seine Erweiterungen (1969 und 1978) verdient haben. Der Alltag und die Liebe werden darin zum Abenteuer, und insbesondere die Episoden, in denen am wenigsten geschieht, hinterlassen den stärksten Eindruck. Politik aber bleibt lange außen vor, obwohl wir uns inmitten der aufgeheizten dreißiger Jahre befinden. Dieses trotzige Ignorieren des um sich greifenden Weltenbrands – eine letzte Verteidigung des Paradieses – muss böse enden, und das tut es auch: mit einem tränenreichen Abschied nicht nur von der Insel der Träume, sondern von einem stolpernden, aber noch friedlichen Kontinent. Für Korfu begannen Jahre des Horrors unter italienischer und deutscher Besatzung.

          So frei Gerald Durrell mit seiner Familiengeschichte umging – in Wahrheit war etwa Larry bereits verheiratet und lebte separat –, sind die Wirklichkeitsbezüge allgegenwärtig, was in diesem Märchenkontext verwundert. Es ist beinahe umgekehrt wie in „The Crown“, wo jede Abweichung von der Historie wie ein Unfall wirkt. Hier ist der reale Hintergrund ein faszinierendes Surplus. Das echte Haus der Durrells lag in der Tat ganz ähnlich, viele der kuriosen Besucher und griechischen Freunde hat es tatsächlich gegeben, und auch von Gerrys Privatzoo existieren Fotografien. Jede Familie ist ein Radialsystem; manche aber – wie die Durrells, die in Großbritannien ähnlich bekannt sind wie bei uns die Manns – bilden das Schwerkraftzentrum eines ganzen Universums. Man weiß daher, wie es nach dem überstandenen Krieg weiterging (und es kursieren Gerüchte über eine Fortsetzung der Serie). Gerald schrieb neben den Erinnerungen noch mehrere Dutzend Tierbücher und eröffnete einen Zoo samt Universität auf Jersey; Margo betrieb in Bournemouth eine Pension und schrieb ihre eigenen, amüsanten Memoiren; Leslie versuchte sein Glück mit einem Jagdgebiet in Afrika.

          Die alle überstrahlende Figur bleibt freilich der nebenher für die britische Regierung arbeitende Lawrence, ein Weltenbummler, Lebemann und literarischer Abenteurer auch fürderhin, dessen Stil („Durrealismus“) mit Proust und Joyce verglichen wurde und über den Walter Jens nach dem formal gewagten, exotisch flirrenden „Alexandria-Quartett“ (1957–1960) schrieb, er müsse, wenn es gerecht zuginge, „eines Tages den Nobelpreis erhalten“. Aber wann ging es je gerecht zu? Dass Larry zeitlebens mit Henry Miller befreundet war, was zu einem lesenswerten Briefwechsel führte, nahm Simon Nye auf seine Weise in die Serie auf: Der amerikanische Skandalautor begegnet mehrfach, sagt wenig und ist meist vollständig nackt. Da steht selbst der keineswegs prüden Margo der Mund offen.

          Dieser fröhliche Hedonismus ist durchaus repräsentativ. Will man den Abstand britischer und deutscher Fernsehdramaturgie ermessen, muss man den „Durrells“ nur das denselben Zeitraum abbildende semiphilologische Dokudrama „Die Manns“ (2001) gegenüberstellen. Wo uns Heinrich Breloer zu Nachhilfeschülern macht, als Zuschauer vollkommen getrennt vom Gegenstand, zieht uns die britische Serie mit Sirenensang und sämtlichen verbotenen Reizen mitten in die Handlung hinein. Verführung statt Erziehung. Nach vier Staffeln „Durrells“ war man tatsächlich auf Korfu; diese Serie ist ein veritabler Urlaub. Zu beneiden sind alle, die ihn noch vor sich haben.

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