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TV-Serie „Sherlock“ : Faust im Staubmantel

  • -Aktualisiert am

Auf dem Gipfel: Holmes (Benedict Cumberbatch, rechts) und Watson (Martin Freeman) Bild: ARD Degeto/BBC/Hartwood Films 20

Grips ist einfach sexy: Mehrfach wurde die BBC-Serie „Sherlock“ als beste Serie aller Zeiten betitelt. In der neuen Staffel kommt der Titelheld allerdings in Teufels Küche.

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          „Brainy is the new sexy“: Der geheimnisvollen Irene Adler, die Sherlock Holmes und John Watson soeben wie dumme Schuljungs hat aussehen lassen, als sie die beiden nackt in ihrer Wohnung empfing, gehen die Worte so verführerisch über die Lippen, dass sogar der nahezu herzlose Meisterdetektiv betört zur Fidel greift. Das Brainy-Bekenntnis, leider die einzig albern übersetzte Zeile in der deutschen Fassung - „Grips finde ich einfach sexy“ -, darf zugleich als Erfolgsgeheimnis der genialen BBC-Serie gelten.

          Schon die erste Staffel der ins heutige Großbritannien versetzten, rasanten Arthur Conan Doyle-Adaption riss das Publikum hin und ließ die Kritik betört zur Fidel greifen. Die von der ARD prominent plazierte zweite Staffel - Christi Himmelfahrt und Pfingsten - ist noch furioser, komplexer und geschlossener: ein hochintelligentes, bis ins letzte Detail stimmiges Spiel mit der Vorlage, formal, kameratechnisch und schauspielerisch umwerfend sexy.

          Ein kurioser Todesfall im Grünen

          Nehmen wir nur diesen Nebenschauplatz aus der ersten Folge, an dem ein kurioser Todesfall im Grünen zu klären ist: In der Bildsprache dieser einen Szene - Miss Adler und Sherlock laufen rekonstruierend in der eingefrorenen Szene umher - steckt mehr innovative Kraft als in achthundert Folgen „Tatort“ zusammengenommen. Aufregend neue Perspektiven gibt es hier reihenweise. Gerne wird durch Scheiben gefilmt, werden Spiegelungen und Displays integriert. SMS-Botschaften rasen so schnell über den Bildschirm, dass man nur Fetzen erahnt: die Überforderung als Stilmittel. Was alles möglich ist, hatte man, verschüttet unter Krimi-Fließband-Ramsch, beinahe vergessen.

          Die Erzählung schließt nahtlos an den Cliffhanger der ersten Staffel an, beginnt also in jenem Schwimmbad, in dem Sherlock auf seinen Erzrivalen Moriarty trifft. Ein Duell der Giganten hebt an, gerät während der etwas schwächeren „Hunde von Baskerville“-Adaption ein wenig in den Hintergrund und erreicht seinen Höhepunkt im „Reichenbachfall“, dem Meisterwerk unter den neuen Episoden. Dem Weltenträtseler entgleitet darin aus Egozentrik das eigene Abbild, so dass er zuletzt gar ein Beispiel dafür abgibt, dass man im Fahrstuhl der Revolverblätter so schnell nach oben wie nach unten fährt.

          Auch diese Staffel endet mit einem Cliffhanger, und der ist so ungeheuerlich, dass er seit der englischen Erstausstrahlung zu Beginn dieses Jahres in unzähligen Internetforen heiß diskutiert wird. Gezielt nämlich haben sich Autor Steve Thompson und Regisseur Toby Haynes in eine ähnliche Situation gebracht wie einst Arthur Conan Doyle, der seinen Helden freilich aus Überdruss sterben ließ. Klar scheint nur: Die seit der ersten Folge in Sherlock verschossene Pathologin Molly Hooper, eine der wenigen neu erfundenen Figuren, spielt eine zentrale Rolle bei diesem Coup. Bis dahin gibt es reichlich schlagfertigen Wortwitz zu genießen.

          Dialektisch gebrochener Aufklärer-Ethos

          Sherlock ist ein charmant verpeilter Hochleistungsautist, der, eine Art Mensch gewordenes Internet, in Google-Tempo kombiniert, aber zuverlässig versagt, wo es um Emotionen geht. Watson hat seinen Afghanistan-Einsatz weitgehend verwunden und ist nun hauptsächlich als Aufschreibesystem Sherlocks tätig. Sein Blog wird fleißig gelesen, auch die übrigen Medien verschweigen die Erfolge des eitlen Ermittlers aus 221b Baker Street nicht. Und so begegnen wir diesmal zwei Prominenten im Medienstress, was hintersinnig den Umstand spiegelt, dass Benedict Cumberbatch und Martin Freeman durch diese Serie zu Superstars wurden - Fanorganisationen wie die „Cumberbitches“ inklusive.

          Die Hypermodernität scheint ein wenig zurückgenommen, die Helden dürfen sich etwas viktorianischer geben: mehr Tee, Mantel und Geistesblitz als Elektronikenthusiasmus. Auch im Labor des St. Bartholomew’s Hospital (ein Conan-Doyle-Schauplatz) geht es nicht mehr ganz so futuristisch zu. Zudem scheute man diesmal altehrwürdige Orte wie den Buckingham Palast oder die Battersea Power Station nicht. Dafür ist das Aufklärer-Ethos jetzt dialektisch gebrochen. Sherlock, gelangweilt vom Alltäglichen, sei es gut oder böse (reihenweise weist er Fälle ab), ist eine Art Faust, dem nichts lieber ist als Teufelspakte. Und tatsächlich bringt er mit seiner brachialen Rationalität mehr Unordnung in die Welt als er beseitigt, ja er spielt gar dem Terrorismus in die Hände.

          Mehrfach wurde „Sherlock“ als „beste Serie aller Zeiten“ bezeichnet. Ob dem so ist oder nicht, auf jeden Fall zählt sie zu dem wenigen, was man nicht verpassen sollte in diesem Fernsehjahr.

          Ein Skandal in Belgravia läuft am 17. Mai, um 20.15 Uhr; Die Hunde von Baskerville am 27. Mai, um 21.45 Uhr; Der Reichenbachfall am 28. Mai, um 21.45 Uhr; jeweils im Ersten.

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