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TV-Serie „Occupied“ : Sollen wir uns nicht einfach unterwerfen?

  • -Aktualisiert am

Ministerpräsident Jesper Berg (Henrik Mestad) muss sich entscheiden: Kollaboration oder Widerstand? Bild: Aksel Jermstad

Das könnte der Thriller des Jahres sein: In der temporeichen Serie „Occupied“ wird Norwegen von Russland besetzt. Formiert sich dagegen Widerstand?

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          Der norwegische Ministerpräsident ist zu gut für diese Welt. Alles will er richtig machen, seit der Norden einen verheerenden Sturm erlebte. Wenn es eines Zeichens bedurfte, von den fossilen Brennstoffen abzurücken, war es jene Naturkatastrophe, die Hunderte Landsleute das Leben kostete.

          Im spezifisch norwegischen Vorreiter-Gestus - und wie weiland Angela Merkel die Atomkraftwerke - legt er die Öl- und Gasindustrie seines Landes still, um im Klimawandel ein Zeichen zu setzen. Der Arbeitsmarkt und die Steuereinnahmen? Halten das ja wohl aus. Zum einen besitzt das reiche Norwegen einen Pensionsfonds, in dem ein Teil der Öleinnahmen für die Ewigkeit gebunkert wurde; das ist bekannt. Zum anderen steht ein neues Thoriumkraftwerk im Gelände, das Jesper Berg als Kulisse seiner großen Rede dient. Er verspricht, das Land werde weiterhin mit Energie versorgt.

          In der norwegischen Serie „Occupied“ freilich, die von dem Kriminalschriftsteller Jo Nesbø angeregt wurde und so rasant anfängt, dass man den Mund nicht mehr zukriegt, erweist sich der idealistische, vielleicht etwas abgehobene Ministerpräsident Jesper Berg (Henrik Mestad) als ziemlich naiv. Kurz nach der Rede im Kraftwerk, die Sätze wie „Die Zeit für fossile Brennstoffe ist vorbei“ in die Geschichtsbücher bringen sollte, zerrt ein maskiertes Einsatzkommando den Ministerpräsidenten in einen Hubschrauber, er ist so lächerlich beschützt wie das gesamte, verflucht langgezogene Land und verschwindet auf und davon.

          Die Ängste des Durchschnittsnorwegers

          Als man Berg wiederfindet, ausgesetzt im verschneiten Wald, ist die Energiewende Geschichte: Die Russen haben die Bohrinseln und die Gasfelder besetzt. Sie machen die Drecksarbeit für eine EU-Kommission, deren Skrupellosigkeit selbst von den braven Schweden geteilt wird. Irgendwer muss schließlich das allgemeine Weiter-so garantieren, damit man die Autos nicht auf Elektrobetrieb umstellen muss.

          Das eilig zusammengerufene Kabinett kommt unterdessen zu der Erkenntnis, dass der norwegische Verteidigungsminister nur dann für die Verteidigung zuständig ist, wenn keine Großmacht anklopft. Also gibt man klein bei, ein bisschen so wie im April 1940, als Norwegen von deutschen Truppen besetzt wurde. Der Vergleich hinkt, weil es damals schon Kämpfe gab, aber „Occupied“ beginnt nicht grundlos mit einer Folge namens „April“.

          Den Nerv der Zeit treffend

          In diesem Szenario wird alles aufgefahren, was der Durchschnittsnorweger so fürchtet: die Russen, die Europäische Union und ein Bodyguard, der am Tag X den Hubschrauber mit dem Auto verfolgen muss. Der kurzzeitig entführte Ministerpräsident versucht derweil alles, um die russischen Sondereinheiten auf den Bohrinseln nicht als Besatzungstruppen erscheinen zu lassen. Er weiß, dass Norwegen seit dem Austritt Amerikas aus der Nato allein ist, verschweigt den unfreiwilligen Hubschrauber-Ausflug, knickt öffentlich ein, um die drohende Totalinvasion abzuwenden: „Das hier können wir sowieso nicht aufhalten.“

          Und so wie die Welt zurzeit tickt, trifft das einen Nerv. Regie führte Erik Skjoldbjærg, der 1997 für einen der besten norwegischen Spielfilme, den Polarkreis-Thriller „Insomnia“, verantwortlich war. Gemeinsam mit Karianne Lund schrieb er auch das „Occupied“-Drehbuch. Schon die krachende Titelmusik von Sivert Høyem sagt: festhalten, hier geht es zur Sache.

          Denn in Norwegen gärt es, während sich die Russen in den Restaurants breitmachen und schrittweise den Staat unterwandern. Partys des Ministerpräsidenten werden kaum noch besucht. Der Personenschützer des Ministerpräsidenten, der mit einer Richterin verheiratete Hans Martin Djupvik, muss sich vor Russlands Botschafterin werfen. Und überhaupt, diese Erkenntnis ist nicht Journalisten wie Thomas Eriksen vorbehalten, dessen Redaktion als einzige von der Sache mit dem Hubschrauber weiß: Es deuten ebenso viele Hinweise auf eine Vertiefung der Kollaboration wie auf den erwachenden Widerstandsgeist. Schneewittchen, ick hör dir trapsen.

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