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TV-Serie „No Offence“ : Die Straßen von Manchester

Dieses Trio macht seinen Weg: Joanna Scanlan, Alexandra Roach und Elaine Cassidy (von links) spielen in einem Team. Bild: ZDF und Dan Joseph

In der britischen Serie „No Offence“ geben drei Frauen den Ton an. Sie müssen einen Serienmörder stoppen und stehen dabei unter Beobachtung. Weil sie allen zeigen wollen, was sie draufhaben.

          Dinah und ihr Bekannter liefern sich im Taxi eine feurige Szene. Mit jeder Frau in der Bar habe er geflirtet, faucht sie ihn an, nur sie habe er ignoriert. Bevor sich der Galan rechtfertigen kann, findet er sich auf dem Bürgersteig wieder. Über den rennt Dinah nur eine Minute später allerdings auch selbst. Sie reißt sich im Auto die Pumps von den Füßen und spurtet, die Polizeimarke in der einen, die Handschellen in der anderen Hand, einem wegen Doppelmordes Gesuchten hinterher. Der wirft einen Blick nach hinten und grinst – er ist nämlich schneller. Zu langsam allerdings ist er für den Bus, der ihn überrollt. Schon ist die Verfolgungsjagd zu Ende. Detective Dinah Kowalska (Elaine Cassidy) entfernt sich auf leisen Sohlen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Serie „No Offence“ setzt mit einem Schockeffekt ein, und mit Schocks geht es weiter. Denn nachdem binnen eines halben Jahres zwei Mädchen mit Down-Syndrom ums Leben gekommen sind – es waren vermeintliche Unfälle –, und ein drittes vermisst wird, ist Dinah Kowalska klar, dass es die Polizei von Manchester mit einem perfiden Serienmörder zu tun hat. Folgen will ihrer Theorie zunächst niemand, nicht ihre vierschrötige Chefin Vivienne Deering (Joanna Scanlan) und schon gar nicht Polizeichef Darren Maclaren (Colin Salmon), doch als schließlich alle einen Blick auf das Flugblatt geworfen haben, das: „Wo ist Cathy?“, fragt, setzt sich die Einsicht durch, dass Dinah das richtige Gespür hatte.

          Da war doch die Sache mit dem Bus

          Ihre Beförderung zum Sergeant kann sie sich allerdings abschminken, ihrer Chefin liegen nämlich Aufnahmen der Verkehrskamera von der Kreuzung vor, an der in der Nacht zuvor die Sache mit dem Bus passierte. Befördert wird dafür Dinahs Kollegin Joy Freers (Alexandra Roach), die ebenso intelligent wie gehemmt ist und der erst einmal schlecht wird, wenn sie anderen sagen soll, wo es langgeht. Detective Inspector Vivienne Deering ist das reichlich egal.

          Ihr wird nur übel, wenn sie vor der Dienstbesprechung das Mund- mit dem Intimspray verwechselt. Sie führt ihre Abteilung im John-Wayne-Stil und freut sich, wenn sie den männlichen Kollegen in der Mittelchefetage zeigen kann, wo der Hammer hängt. Dabei zählt sie auf ihre beiden weiblichen Detectives. Die Männer in der Truppe sind entweder wie Spike Tanner (Will Mellor) fürs gutmütige Moderieren oder wie der ältere Kollege im Obdachlosenlook Randolph Miller (Paul Ritter) für Genie-Einfälle nach Art von Sherlock Holmes zuständig.

          Sieht nach Konfrontation aus, ist es aber nicht: Spike Tanner (Will Mellor) und Dinah Kowalska (Elaine Cassidy) besprechen einen Fall.

          Der Produzent und Drehbuchautor Paul Abbott nimmt in „No Offence“ also einen zeitgemäßen Rollentausch vor. Die Frauen sind echte Kerle. Alleinerziehende Mutter, Schwester, Tochter, Geliebte oder Ex-Frau sind sie natürlich auch. Sie sind schlagfertig, sympathisch, überfordert, unfähig und werden stets von allen Seiten belagert: echte Heldinnen sozusagen, die hinter einem Verbrecher besonderen Kalibers her sind, den sie erst in der letzten der acht Folgen der ersten Staffel zu fassen kriegen sollen. Bis dahin stellt er eine konstante Gefahr dar, bis dahin haben die Ladies von der Manchester Metropolitan Police noch eine ganze Reihe anderer Fälle und auch privater Probleme zu lösen – ganz genau so, wie man das von einer mit in sich abgeschlossenen Episoden arbeitenden Serie kennt.

          Die hat auch sonst alles, was man von einem routinierten Produzenten wie Paul Abbott, dessen Werkverzeichnis den Umfang eines Telefonbuchs hat, erwarten kann. Die Figuren folgen gängigen Mustern (ernster Cop, komischer Cop, Draufgängerin, Mauerblümchen)), sind als Sympathieträgerinnen und hinreichend komplex angelegt. Die eingestreuten Gags zählen zur Sorte hart, aber herzlich; Klischees werden leicht karikiert und dann doch wieder erfüllt; die einzelnen Fälle gehören der Kategorie Schwerverbrechen für Abgeklärte an; und der übergeordnete Spannungsbogen hält. Das fand das britische Publikum so ansprechend, dass der Privatsender ITV inzwischen die zweite Staffel von „No Offence“ in Auftrag gegeben hat, die das ZDF dann sicherlich wieder bei ZDFneo zeigen wird, das inzwischen auch ein Spartenkanal für britische Krimiserien geworden ist. Deren Hang zur Ironie zeigt sich hier freilich am deutlichsten im Titel: „No Offence“ – nichts für ungut! Ungut ist in diesem Manchester-Revier nämlich ziemlich viel.

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