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TV-Serie „Kessler ist...“ : Bosbach auf der Spur

  • -Aktualisiert am

Personalunion: Michael Kessler und Wolfgang Bosbach vor der Fotowand. Bild: ZDF / Mike Christian

Er wird zum Stachel im Fleisch der Union: Michael Kessler verwandelt sich in Wolfgang Bosbach – und kommt dem Neinsager im Interview beinahe auf die Schliche.

          Nein, der Satz mit der Fresse fällt nicht. Schon das zeigt, welchen Takt Michael Kessler in seinen ziemlich aparten „Kessler ist ...“-Porträts an den Tag legt. Kaum ein anderer Film über Wolfgang Bosbach hätte wohl auf den berühmten Ausraster des damaligen Kanzleramtsministers Ronald Pofalla anlässlich von Bosbachs Nein zur Aufstockung des Euro-Rettungsschirms im Oktober 2011 verzichtet. Dass der CDU-Politiker aus Bergisch Gladbach bei Köln heute vor allem als Dissident in den eigenen Reihen wahrgenommen wird, thematisiert diese behutsame biographische Annäherung aber durchaus.

          Etwas kurz kommt allenfalls Bosbachs Partisanen-Medienstrategie, also sein Weg durch die Talkshow-Institutionen der Republik, nachdem er bemerkt hatte, dass an der Spitze der neuen CDU kein Platz für ihn frei war. So ist „Wobo“ – ganz anders als Ronald Pofalla, der als Bahn-Vorstand quasi unsichtbar wurde – heute omnipräsent. Erst recht nach der Ankündigung, sich aus gesundheitlichen Gründen zurückzuziehen: ein permanenter Stachel im Unions-Fleisch.

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          Es gehört zum Prinzip dieser Sendung, die Recherche mit abzubilden: Interviews mit dem jeweiligen Gegenüber sowie mit dessen Weggefährten und Verwandten. Den reizvollen Höhepunkt bildet das Interview des Gasts mit sich selbst, wobei der oder die Geladene dem sich anverwandelt habenden Kessler gegenübersitzt. Optisch ist die Bosbach-Kopie nur einigermaßen gelungen, weil man dieses tief ins Gesicht eingegrabene Spitzbubenlächeln so leicht nicht nachbilden kann. Rhetorisch aber ist der Moderator eine Wucht: Das alles klingt nach Bosbach-O-Ton, imitiert perfekt diese Eigenheit, floskelhaft und direkt zugleich zu sprechen. Ein Bildschirmprofi wie Bosbach nämlich hat auf jede Frage perfekt vorgestanzte, austariert joviale Antworten parat. Und doch sind viele davon grundehrlich, sowohl in Bezug auf die politische Ausrichtung – „Nicht alles, was unter modern verkauft wird, ist auch besser als das Traditionelle“ – als auch auf die eigenen gesundheitlichen Probleme: „Ich rechne jetzt in viel kürzeren Zeiträumen.“

          Kessler verleiht seinem ‚Bosbach‘ eine melancholische Aura. Wir sehen einen Politiker, der sich als „verbrannt“ wahrnimmt, der zugunsten der Politik seine Familie vernachlässigt hat („ich war kein guter Vater“) und nach drei Jahrzehnten auf der Überholspur die Reißleine zieht. Wäre Bosbach Gast in Michael Kesslers brandneuer, etwas quatschiger Interviewsendung, die in wenigen Tagen startet und inmitten von Deutschlands Auto-Dämmerung Gespräche in gastspezifisch ausgewählten Fahrzeugen vorsieht, wäre wohl ein völlig verbeulter Porsche mit hängender Stoßstange angemessen. Das alles verdichtet sich zu der Frage: „War es das alles wert?“ Die Reaktionen des Gasts lassen keine Rückschlüsse darauf zu, wie seine Antwort auf diese Frage ausfällt.

          Der eigentliche Höhepunkt dieser Folge aber ist etwas ganz anderes, nämlich das Gespräch mit Wolfgang Bosbachs Mutter Else, die trotz hohen Alters nicht nur geistig topfit ist, sondern auf schönste Art Humor mit Direktheit verbindet. Wie sie ihren Sohn beschreibt, den schlechten Schüler, den die Bedrohung des Paragraphen 218 (Verbot des Schwangerschaftsabbruchs) durch die SPD überhaupt erst in die Politik getrieben habe, das lässt hinter dem vertrauten Politiker tatsächlich den Menschen hervortreten, genauer den Jungen, der Bosbach irgendwie geblieben ist: „Er brauchte Action!“ Schon als Kind habe gegolten: „Immer, wenn der’n Ball sieht, fliegt der Verstand mit weg.“

          Bis heute will er etwas beweisen, vielleicht ja doch, dass es das alles wert war. So schleppt er immer noch Woche für Woche einen Stapel Zeitungen zu seiner Mutter, die in seinem Auftrag stundenlang alle Artikel, in denen der Filius erwähnt wird, ausschneidet und einklebt: „Dreißig Ordner inzwischen“, amüsiert sich Else Bosbach. So wird es zum Archiv, das einem der letzten konsequenten Neinsager in Deutschland gewidmet ist, dessen größte Leistung darin besteht, die Jasager zu besseren Rechtfertigungen gezwungen zu haben. Pure Action. Er wird fehlen, wenn er tatsächlich geht. Wenn.

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