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TV-Serie „Im Knast“ : Rein will niemand, raus erst recht nicht

  • -Aktualisiert am

Glücklich hinter Gittern: Die drei unfreiwilligen Freunde Manni (Tristan Seith, Mitte), der Graf (Manuel Rubey, rechts) und Erdem (Denis Moschitto) Bild: ZDF/Stefan Erhard

Eine Tüte Gemischtes für Feinschmecker: ZDFneo setzt seine aparte Knast-Serie fort, und die wird immer besser.

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          Es geht voran mit der Resozialisierung. Eingebuchtet wurden die drei knuffigen ZDFneo-Häftlinge schon vor zwei Jahren, und zwar wegen alltäglicher Delikte: Diebstahl aller Art, Tackerangriff auf das Skrotum des Chefs, Immobilienbetrug im Luxussegment. In der zweiten Staffel der kleinen, feinen Serie „Im Knast“ machen Erdem Azimut (Denis Moschitto), Manfred Schuster (Tristan Seith) und Alexander Vontrab (Manuel Rubey) nun Fortschritte in Richtung Konsistenz des Rollenprofils.

          Im Gegensatz zu den früheren Folgen, die ziemlich amüsant waren, aber doch allzu viele flapsige Gast- und Nebenrollen aufboten, um die drei Knallköpfe, die hinter Gittern zu besten Freunden wurden, von Slapstick zu Slapstick zu jagen, vertraut man diesmal ganz auf die Figuren selbst – und das mit Erfolg. Weitere Handlungsbögen können sich aufbauen, und Konflikte werden ausgespielt bis zum bittersüßen Ende. Bemühte Gastauftritte gibt es freilich immer noch. Dabei ist diese Buddy-Komödie längst gut genug, um auch ohne Schützenhilfe von Christine Urspruch oder Sonya Kraus auszukommen.

          „Hast du nicht aufgepasst in Therapiedings?“

          Schön überdreht sind die allesamt prächtig gespielten Charaktere nach wie vor. So ringt der straßenköterschlaue Deutschtürke Erdem mit seinem Gangsta-Ego weiterhin die deutsche Grammatik nieder und erkennt dabei blitzschnell jede Chance. Etwa die, gar kein Verbrecher zu sein: „Wir sind Opfers von asoziale Umstände. Hast du nicht aufgepasst in Therapiedings?“ Denis Moschitto, ein Kölner mit italienischen und türkischen Wurzeln, der seit „Kebab Connection“ (2005) ein wenig auf die Rolle des Sympathietürken festgelegt scheint, ist in Hochform. Stunden könnte man ihn radebrechen hören. Und das tut man auch, obwohl der Dauerquasseler konstatiert: „Reden is für Weibers.“

          An Hochstapler Vontrab, der Rasierwasser trinkt und alles raucht, was qualmt, perlt Erdems diesseitiges Geplapper freilich ab. Der distinguiert wienernde Dandy im besoffenen Vollzug verleiht der Bande austrische Schnösel-Grandezza – nicht umsonst hat Manuel Rubey schon Falco gespielt. Im Übermut legt er sich aber schon einmal mit den pausenlos gewichthebenden Russen an. In der empfindsamen Seele des ehemaligen Sparkassenfuzzis Manni schlummert hingegen ein Bär, den seine tollpatschigen Freunde immer wieder wecken, aber auch wieder besänftigen.

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          Alle zusammen sind sie das Trio mit vier Herzen, wobei das größte Herz Nora Meindl gehört, der liebenswürdigen Therapeutin, in die unsere Insassen alle gleichermaßen verschossen sind, weshalb leichte Verstöße gegen die Gleichbehandlung das soziale Gefüge bedrohen. Marleen Lohse spielt das so bezaubernd, dass sie als vierte Protagonistin gelten darf. Weniger wichtig sind diesmal die Gegenspieler: der selbstherrliche Gefängnisdirektor (Wilfried Hochholdinger) und die pumpenden Russen.

          Eigentlich nämlich rennen die drei Knackis gegen die Unbill des Lebens an und den großen ungelösten Fragen hinterher: „Warum klebt Kleber nicht an der Innenseite der Tube fest?“ Dass man hinter Gittern sitzt, kommt allenfalls erschwerend hinzu, mitunter sogar befreiend, denn so kann sich Freundschaft von ihrer loyalsten Seite zeigen. Regie führten wieder Daniel Rakete Siegel und Torsten Wacker, doch die Drehbuchbesatzung hat sich geändert. Das Fünferteam unter dem Chefautor Benjamin Karalic machte aus gutem Wortwitz sozusagen noch besseren Satzwitz. Eine freche Kamera (Timo Schwarz), ein perfektes Timing, der zackige Schnitt (Anton Korndörfer) und ein kräftiger Soundtrack zwischen Aggro-Rap und Indie-Rock tun das Ihre für die Rasanz dieser vom Tempo lebenden Serie.

          „Eine Schmierenkommode ist das!“ Aber eine köstliche

          Noras Therapiesitzungen in anthroposophischer Umgebung („schwul“, findet Erdem) tragen viel zu dem Eindruck bei, dass die Helden nach ihrer Reise um die Welt gleichsam von hinten, wie es bei Kleist heißt, ins Paradies gekommen sind. Dieser ummauerte Hortus conclusus ist vielleicht nicht ganz der Garten Eden, aber zumindest sein fernsehtaugliches Pendant. Kleine Aufgaben sind zu lösen von den eingepferchten Primaten, aber für alle Grundbedürfnisse ist gesorgt, so dass die einzige Angst darin besteht, herausgewählt, entlassen zu werden. Was den lieben langen Tag passiert, ist von ausgesuchter Banalität: Mal geht es um Veggie-Wochen in der Gefängnisküche, mal um eine vorübergehende Erblindung nach Pfeffersprayeinsatz.

          Auch der Tunnelbau darf nicht zu kurz kommen, obwohl hier gar niemand abhauen möchte, allenfalls bis zum Kiosk für „eine Tüte Gemischtes“. Ein deutsches „Orange Is the New Black“ wird daraus nicht, soll es aber bitte auch gar nicht. Eine Sitcom, die sich weder überhebt noch verstolpert (wie die einstige RTL-Endlos-Serie „Frauenknast“), sondern sich fröhlich auslebt am Rande des Gaga-Irrsinns, das ist im deutschen Seriennotstandsgebiet schon eine kleine Sensation. Ein Kabinettstückchen. Um es mit Erdem zu sagen: „Eine Schmierenkommode ist das!“ Aber eine köstliche.

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