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TV-Serie „I’m Sorry“ : Das kommt uns amerikanisch vor

  • -Aktualisiert am

Was hat sie jetzt schon wieder vom Stapel gelassen? Andrea (Andrea Savage) gerät von einer Erklärungsnot in die nächste. Bild: TNT

In der Comedy „I’m Sorry“ sind Scherze unter der Gürtellinie kein Selbstzweck, sondern politisches Programm. Die Komödiantin Andrea Savage provoziert ihre Mitmenschen, weil sie sagt, was Sache ist. Das ist sehr schön peinlich.

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          Als der amerikanische Satiriker Stephen Colbert vor kurzem die gesammelten Einlassungen des Zehn-Tage-Kommunikationschefs des Weißen Hauses, Anthony Scaramucci, wortwörtlich zitierte, kam CBS aus dem Bepiepsen der „Four-Letter-Words“ gar nicht mehr heraus. Es piepste ohne Unterlass. Noch immer wird man im amerikanischen Fernsehen, Abosender ausgenommen, das Wort „fuck“ nicht hören. Selbst Zitieren begründet keine Narrenfreiheit. Jugendschutz bedeutet Schutz vor unanständigen Worten – was sich sonst im Programm abspielt, in puncto Gewaltdarstellung etwa, ist etwas anderes.

          Zur verbalen Unanständigkeit zählt alles, was im weitesten Sinne mit Sex zu tun hat. Flüche und anatomische Bezeichnungen ohne konsensuell vereinbarte nicht-beleidigende Wortdefinition sind auch tabu, mag sich Präsident Donald Trump so vulgär äußern, wie er will. Spannend wird es am heutigen Montag, wenn der erwähnte Anthony Scaramucci alias „The Mooch“ wie angekündigt in der „Late Show“ von Stephen Colbert auftaucht. Der Sender CBS muss sich wohl auf ein Dauerpiepsen einstellen.

          Kindergeburtstag ist in der Serie „I’m Sorry“ eigentlich immer. Und immer geht irgendwas schief.

          Die Funktion der massenmedial vermittelten Zote als gesellschaftspolitischer Tabubruch wird nur vor dem puritanisch geprägtem Selbstverpflichtungserbe der amerikanischen Medien verständlich. Es ist vermintes Gelände. Der unvergleichliche Larry David hat es in seiner Serie „Curb Your Enthusiasm“ oft betreten. In einer Folge besucht ihn ein Mädchen, das plötzlich seine Tage bekommt und auf diskreter Abhilfe insistiert, was die Figur Larry David in Peinlichkeiten stürzt, bevor er schlussendlich einen Tampon reicht. Das spricht sich herum. Im Nu ist von Grenzüberschreitungen, Kinderschänderabsichten und sexueller Perversion die Rede. David wird in der Nachbarschaft zur Persona non grata.

          Nur wer „Curb Your Enthusiasm“ lustig findet, wird wohl dem feministisch angehauchten Gegenentwurf „I’m Sorry“ einiges abgewinnen können. Die Comedyserie ist, mit brillantem Timing geschrieben, vorwiegend zotig, das aber aus gutem Grund. Die Comedyautorin Andrea Savage reflektiert darin ihren Alltag als „Working Mom“, die sich, ähnlich wie Larry David, von einem Fettnäpfchen des Unsagbaren ins nächste stürzt wie vom Zehnmeterbrett, und natürlich mit den besten, ehrlichsten Absichten.

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          Ihrer kleinen Tochter beschreibt sie beim Restaurantbesuch die Größe einer Vagina bei der Geburt und deren anschließende Rückformierung so anschaulich, dass den Umsitzenden mit weit aufgerissenen Augen der Bissen im Hals stecken bleibt. Auf einer unsäglich bigotten Kinderparty übernimmt sie die moralische Verteidigung einer Mutter, die Pornodarstellerin war. In der Tanzklasse fällt sie mit zweideutig missinterpretierten Aussagen zum Komplex „Body Shaming“ auf und wird als vermeintlich Perverse geoutet. So geht es in einem weiter und fort.

          Man kann Andrea Savages Zustandsbeschreibung der oberen Mittelschicht mit ihrem Postulat der asexuellen Biedermeierlichkeit durchaus peinlich finden oder schlichtweg genial. Die „no-touching-policy“ in amerikanischen Grundschulen bestimmt, dass Kinder sich auch beim Spielen auf dem Schulhof nur an der Schulter berühren dürfen. Wer als Siebenjähriger beim Fangenspiel jemanden unabsichtlich um die Taille fasst, wird für mehrere Tage vom Unterricht suspendiert. Kann man da sinnvoll fragen, ob der Tabubruch, den „I’m Sorry“ bei TNT Comedy zelebriert, notwendig ist, auch wenn vielleicht nicht jeder einzelne Scherz zündet?

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