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TV-Serie „Gomorrha“ : Sie halten sich für Götter

Männer ohne Gewissen: Ciro (Marco D’Amore, links) lehrt Genny (Salvatore Esposito) das Morden. Bild: Sky/Beta Film

Die Serie „Gomorrha“ fußt auf den Recherchen des Journalisten Roberto Saviano. Sie zeigt, was er „Mechanik des Bösen“ nennt: eine Welt ohne Gnade. Diese zwölf Folgen sind das Ende aller Mafia-Romantik.

          4 Min.

          „Töte ihn!“, schreit der Mann mit der Glatze immer wieder, und Entschlossenheit spannt jeden seiner Züge. Der andere zögert, er ist ein feister Kerl mit Kindergesicht, dem die Jacke um den Leib spannt und die Pistole in der Hand bebt. Doch er ist ein Savastano, der Sohn des Camorra-Bosses Don Pietro. Und wenn Ciro (Marco D’Amore), die rechte Hand seines Vaters, ihn endlich mitmischen lässt im großen Geschäft und er kein Kind mehr ist, dann tut Genny Savastano (Salvatore Esposito), was von ihm verlangt wird. Sein Schuss streckt einen wahllos herbeigepfiffenen Drogensüchtigen nieder. Tot ist das Opfer nicht, aber Genny hat gezeigt, dass er es kann: auf unschuldige Menschen schießen. Ciro erledigt den Rest.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          So einfach ist das, so herrscht die Mafia in Neapel, mit Willkür und Mord, und so wird in „Gomorrha - Die Serie“ auch die letzte Figur, für die der Zuschauer etwas wie Sympathie hätte empfinden können, zu einem Charakter wie alle anderen hier: einem, der kein Mitleid verdient.

          Nach Matteo Garrones preisgekröntem Kinofilm „Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra“ aus dem Jahr 2008 ist die italienische Fernsehserie „Gomorrha“ schon die zweite Adaption von Roberto Savianos Tatsachenroman gleichen Namens. Jahrelang hatte der 1979 in Neapel geborene Journalist und Autor verdeckt recherchiert, um die Machenschaften jener Verbrecherorganisation aufzudecken, die den Kokainhandel weltweit beherrscht und deren Machtkämpfen allein in Kalabrien Hunderte Menschen zum Opfer fielen. Seit das Buch 2006 erschien, wird Saviano von der Mafia mit dem Tod bedroht. Er lebt unter Polizeischutz an geheimen, ständig wechselnden Orten. Seine Arbeit setzte er dennoch fort, zuletzt erkundete er, wie die Camorra Kokain zu Geld macht und es in die legale Wirtschaft pumpt.

          Ananasdosen als Drogenversteck

          Nun also eine Fernsehserie, die zwar in derselben zur Ruine verkommenen Hochhaussiedlung „Vele di Scampia“ spielt wie Garrones schonungslos realistischer Film, aber nicht mehr Savianos nach realen Vorbildern skizzierten Geschichten zeigt. Sondern neue, fiktive Charaktere. In zwölfmal einer knappen Stunde entfaltet die Serie die Geschichte eines erdachten Mafiaclans - und will doch wahrhaftig sein. Weil sie, so Saviano, die „Mechanik des Bösen“ offenlegt. Der Journalist hat an den Drehbüchern von Stefano Bises und anderen mitgearbeitet. Abgehörte Telefonate unter Mafiosi und zahlreiche Details aus der Wirklichkeit sind in sie eingeflossen, von Ananasdosen als Drogenversteck bis hin zu den Amuletten und Ringen, die die Killer küssen, bevor sie ans Werk gehen.

          In „Gomorrha - Die Serie“ ist kein Platz für Mafia-Romantik, keiner für die Lust an der ästhetisch inszenierten Grausamkeit, keiner für Naherholungsgebiete in Form romantischer Nebenhandlungen und auch nicht für heroische Auflehnung. Der federführende Regisseur Stefano Sollima („Romanzo Criminale“) inszeniert ein Panorama des Bösen, das zum Besten und Suggestivsten gehört, was es zurzeit im Fernsehen zu sehen gibt. Den Vergleich mit dem „Gomorrha“-Film muss die Gemeinschaftsproduktion von Sky Italia, Cattleya, La 7 und Beta Film ebenso wenig scheuen wie den mit der HBO-Serie „The Sopranos“.

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