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NSU-Dokumentation : Vom Alltag eines Mördertrios

Beate Zschäpe gibt kaum etwas über sich preis. Eine Dokumentation versucht, Licht in ihr Privatleben zu bringen. Bild: dpa

Was bringt drei junge Menschen dazu, mordend durchs Land zu ziehen? Die ZDF-Dokumentation „NSU privat: Innenansichten einer Terrorzelle“ spekuliert, welche Motive die Gruppe antrieben.

          3 Min.

          Was tun, wenn die Angeklagte schweigt und man das Rätsel lösen und wissen will, was sie antreibt? Was sie angetrieben hat als Mitglied des Terrortrios namens „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU), dem zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge zur Last gelegt werden? Man geht – jenseits der Beweislage – auf Motivsuche. Und fängt beim Gefüge der Neonazi-Gruppen an. Genau das tun Rainer Fromm und Udo Frank in ihrer Dokumentation „NSU privat: Innenansichten einer Terrorzelle“. Die Autoren versprechen viel, geraten dabei leider auch ins unangemessen Spekulative.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Neonazis trinken, prügeln und begehen Straftaten: Wir sehen betrunkene junge Männer und Frauen, die T-Shirts mit „Mengele“-Schriftzug tragen, mit kleinen Schnapsflaschen ein großes Hakenkreuz geformt haben und sich in frivolen Posen zeigen. Ein Politologe unterstreicht, was das Gefüge neonazistischer Gruppen bestimme: der Hang zu „Gewalt, Gewaltlust und Sexuallust“. Auch der NSU, die Terrorzelle von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, sei davon bestimmt gewesen, sagt der Film.

          Immer wieder Andeutungen

          Motivforschung also: Über die Gruppe und ihre von Fremdenhass getriebenen Mordtaten wissen wir inzwischen vieles. Doch bietet sich eines noch an, um die Zuschauer zu packen und dem Titel „NSU privat“ irgendwie gerecht zu werden: die „Sexuallust“. Beate Zschäpe, die Frau mit den zwei Männern. „Wer ist diese Frau?“, fragt eine Stimme aus dem Off. Damit beginnt der Versuch eines Psychogramms. Videoaufnahmen zeigen Beate Zschäpe als hübsche Vierzehnjährige, wie sie mit den Jungs des Jugendclubs in Jena kokettiert. Ein vermummter Mann in Neonazi-Montur sagt, sie habe auch gerne mal Männern die Hand auf den Oberschenkel gelegt. „Sie war kein Kind von Traurigkeit.“ Wie hätten es die Autoren wohl dargestellt, wäre die Konstellation der Gruppe umgekehrt gewesen? Auch als Zügellosigkeit oder eher Herrschergebaren? Gibt es kein anderes Erklärungsmuster für die Rolle, die Beate Zschäpe innerhalb des NSU einnahm? Deutung und Andeutung gehen Hand in Hand.

          Ein seltener Einblick in das Privatleben der NSU-Angeklagten: Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, aufgenommen im Jahr 2004
          Ein seltener Einblick in das Privatleben der NSU-Angeklagten: Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, aufgenommen im Jahr 2004 : Bild: dpa

          Auch ein Sozialwissenschaftler kann – wie sollte es anders sein – nicht mehr offenbaren als das, was an gängigen, auf Zeugenaussagen basierenden Charakterisierungen als gesichert gilt. Er beschreibt Zschäpe als freundlich, lustig, aber auch dominant, aggressiv und gewaltbereit. Ihre Briefe aus der Haft, geschrieben an einen ebenfalls inhaftierten Neonazi, nimmt der Experte allerdings für bare Münze („Sie warnt sogar vor sich selbst“). Dann weist er umgehend darauf hin, wie hochgradig manipulierend Beate Zschäpe mit Männern umgehe. Auf ihrem Computer sei kinderpornographisches Material sichergestellt worden, heißt es im Film sodann. Noch so eine Andeutung. Angesichts der Brandspuren ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft Zwickau nicht herauszufinden, ob die Festplatte Zschäpe, Böhnhardt oder Mundlos zuzuordnen ist. Die Staatsanwaltschaft hat die strafrechtliche Verfolgung „beschränkt“, da die Strafe, die Zschäpe für dieses Delikt zu erwarten hätte, hinter dem zu erwartenden Strafmaß in dem Prozess in München weit zurücksteht.

          Perfekte Biederkeit als jahrelange Deckung

          Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh hat da aufgrund genauer Beobachtung profundere Interpretationsansätze zu bieten. Sie hebt die „obsessiven Züge“ des NSU hervor. Das zeigten allein schon die „Ausspäh“-Listen, auf denen die Täter minutiös festhielten, welche potentiellen Opfer nicht in Frage kämen („zu alt“) oder welche Tatorte geeignet seien („gute Zufahrtswege“). Dass die Terrorgruppe keine isolierte Insel im braunen Sumpf war, wissen die Anwälte der Nebenkläger zu erläutern. Sinnfällig wird dies mit Bildern von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt bei Aufmärschen und Gelagen, von mutmaßlichen Helfern wie Ralf Wohlleben oder André E.: Die Fotos schweben, durch ein Gespinst aus Drähten verbunden, dreidimensional im Raum – alles hängt mit allem zusammen, über Jahre hinweg, unentwirrbar.

          Auf den immer wiederkehrenden „Sex and Crime“-Anstrich hätte die Dokumentation „NSU privat“ gut verzichten können, interessant wird sie, wenn sie ohne Brimborium auskommt: Auf zum Teil unveröffentlichten Bildern sehen wir Szenen des Zusammenlebens der drei NSU-Täter in ihrer Wohnung, aufgenommen von ihren eigenen Überwachungskameras. Sie zeigen Beate Zschäpe, die Wäsche aufhängt, oder Mundlos und Böhnhardt, wie sie den Wohnungsflur fegen, nachdem ein Besucher seine Schuhe nicht vor der Haustür ausgezogen hatte: perfekte Biederkeit, hinter der ein Mordtrio über Jahre in Deckung ging, mitten in der Gesellschaft.

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