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TV-Kritik: Günther Jauch : Varoufakis’ Selbstdarstellung

Giannis Varoufakis Bild: dpa

Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis redet bei Günther Jauch viel und sagt wenig. Trotzdem kommt er gut rüber – denn Widerspruch fällt aus.

          3 Min.

          Giannis Varoufakis redet gerne mit Journalisten. 40 Interviews hat Griechenlands neuer Finanzminister Giannis Varoufakis in den vergangenen 30 Tagen gegeben – doch zum deutschen Fernsehzuschauer hatte er noch nie ausführlich gesprochen. Das sollte sich am Sonntagabend ändern, fanden Varoufakis und Günther Jauch, und schon wurde Varoufakis aus Athen zugeschaltet.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der tat, was er oft tut: Er redete Griechenlands Probleme klein. Der aktuelle Geld-Engpass, der die halbe Welt in Atem hält, heißt bei Varoufakis „unbedeutende Liquiditätsprobleme, die Europa nicht auseinandertreiben sollten."

          Lange sprach Varoufakis von großen Zielen für ein gemeinsames Europa, von Völkerverständigung und einem gemeinsamen Haus Europa. Er schilderte die bedrückende Lage von Arbeitslosen, die nach einem Jahr kein Geld vom Staat mehr bekommen, und wie Kinder in der Schule vor Hunger ohnmächtig werden. Doch ob seine Vorschläge Griechenland helfen können, das wurde kaum diskutiert.

          Varoufakis: Wir sind erst kurz im Amt

          Immer wenn Jauch konkret werden wollte, zog sich Varoufakis darauf zurück, dass seine Regierung erst kurz im Amt ist. Dafür habe sie in dieser Zeit schon einige Maßnahmen angestoßen: eine Erhöhung des Mindestlohns, die Wiedereinstellung entlassener Beamter – diese Regierung beginnt nicht mit Ideen, die Griechenland voran bringen.

          Die Reformen, die Griechenland tatsächlich bräuchte, wären nicht mal teuer: Die Steuerverwaltung müsste stringenter werden, der Arbeitsmarkt flexibler, die Bürokratie abgebaut. Vorschläge liegen auf dem Tisch, und zwar nicht nur von der ungeliebten „Troika“. Vollkommen unnötig ist es, dass Hoteliers in Griechenland nach Fertigstellung ihres Hotels bis zu 60 Tage warten müssen, dass ein Kontrolleur ihnen die Lizenz erteilt. Die OECD hat mehr als 1000 Seiten Berichte voller Vorschläge abgeliefert.

          Doch Varoufakis wiederholte seine Forderung nach einem Schuldenerlass für Griechenland, den er „Umschuldung“ nennt. Griechenlands aktuelle Schulden seien nicht tragbar. Dabei verschweigt er, dass das Land nach Schuldenerlassen und Zins-Rabatten nur noch 2,6 Prozent seiner Wirtschaftsleistung an Zinsen zahlt, wie die europäische Denkfabrik Bruegel ausgerechnet hat – viel weniger als Spanien, Irland und sogar Italien, nur wenig mehr als Frankreich oder Deutschland.

          Der Widerspruch blieb schwach

          Alerte Diskussionsgäste hätten auf solche Wahrheiten hingewiesen. Doch der ehemalige Deutschlandfunk-Intendant Ernst Elitz und Bayerns Finanzminister Markus Söder beschränkten sich auf Standard-Phrasen („An Regeln muss man sich halten“), weitgehend ohne auf Varoufakis’ konkrete Sätze einzugehen. Dass die Slowakei Griechenland unterstützt, obwohl die Gehälter dort viel niedriger sind, musste Giannis Varoufakis selbst erwähnen.

          Am aktivsten war Ulrike Herrmann von der „taz“, die als Unterstützerin von Varoufakis gedacht war. Sie schlug vor, Deutschland solle die umstrittene NS-Zwangsanleihe an Griechenland zurückzahlen, um mit dem Geld eine Stiftung für ein gemeinsames Jugendwerk zu gründen. Und sie rechnete vor, dass selbst die reichsten Griechen die Schulden des Landes nicht zurückzahlen können.  „Sie sehen, nicht alle Deutschen sind gegen Griechenland“, sagte Jauch. Ihm blieb nur, die Gegenposition zu Varoufakis selbst einzunehmen – eine Rolle, die ein Moderator in einer Diskussionsrunde kaum selbst ausfüllen kann.

          Immerhin erinnerte Günther Jauch Ulrike Herrmann an den zweiten Teil ihrer Wahrheit: Sie hatte betont, dass viel von dem Geld der Europäer durch Griechenland hindurch an die Banken geflossen war. Jauch erwähnte, dass auf dem Umweg durch Griechenland auch ein griechischer Staatsbankrott vermieden wurde und jederzeit Euros aus den Geldautomaten kamen.

          Doch am Ende konnte Varoufakis rhetorisch glänzen, weil seine salbungsvollen Sätze zu oft unwidersprochen bleiben.

          Und was war mit dem Video?

          Unwidersprochen blieb auch Varoufakis' Behauptung vom gefälschten Video: Günther Jauch hatte einen Ausschnitt aus einem Vortrag gezeigt, in dem Varoufakis Deutschland den Mittelfinger zeigt. Der Minister bezeichnete das als Fälschung. Dabei war das Video von den Veranstaltern des Vortrags selbst auf Twitter verteilt worden – und der Mittelfinger passt hervorragend zu seinen gesprochenen Sätzen. Allenfalls hätte Jauch dazusagen müssen, dass Varoufakis sich auf das Deutschland des Jahres 2010 bezieht.

          Hier ist das Video mit vollem Kontext, die relevante Stelle beginnt nach 40 Minuten.

          Der Macher des Videos, Alessandro del Prete, wurde nach der Sendung bei Twitter auf die Fälschungsvorwürfe angesprochen und verteidigte das Video.

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