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TV-Kritik: Wetten, dass..? : Ein Monument deutscher Fernsehgeschichte fällt vom Sockel

  • -Aktualisiert am

Bald ausgelacht: Moderator Markus Lanz, die US-amerikanische Schauspielerin Cameron Diaz und der deutsche Modedesigner Guido Maria Kretschmer in „Wetten, dass..?“ Bild: dpa

Die Zukunftsfähigkeit der Sendung galt als Staatsaffäre - jetzt ist die Frage endlich entschieden. „Wetten,dass..?“ ist aus der Zeit gefallen. Das zeigte sich auch am Samstagabend.

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          Über den letzten Satz von Markus Lanz, so Christian Sievers im „heute journal“, werde Deutschland sicher reden. Das wird niemand bezweifeln - ein Monument der deutschen Fernsehunterhaltung ist nach diesem einen Satz vom Sockel gefallen. Das ZDF stellt „Wetten, dass..?“  im Herbst ein. Die Überraschung war geglückt, wenn auch die Anzeichen nicht zu übersehen waren. Ein überregionales Boulevardblatt orakelte schon in seiner Samstagsausgabe über die Ablösung des Moderators. Die Gäste erschienen wie zu einer Trauerfeier in Schwarz, mit Ausnahme der amerikanischen Schauspielerin Cameron Diaz. Gästen aus Übersee die Monumente deutscher Fernsehunterhaltung zu vermitteln, ist wohl auch kaum möglich. Sie wollen ihre neuesten Produkte in der bis zum Ende des Jahres wichtigsten europäischen Unterhaltungsshow bewerben. Das ist ein nüchternes Interesse, bei dem Sentimentalität keinen Platz hat. Letztere muss man sich erwerben, wofür diese Sendung ein so gutes wie unterhaltsames Beispiel gewesen ist.

          Abstieg begann schon vor Lanz

          „Wetten, dass..?“ hat seltsamerweise niemanden kalt gelassen. Seine Zukunftstauglichkeit galt als eine Art Staatsaffäre, die immer mit dem gebotenen Ernst zu verhandeln gewesen war. Dabei begann der Abstieg schon vor Markus Lanz. Auch Thomas Gottschalk hatte nicht nur mit sinkenden Einschaltquoten zu kämpfen gehabt, sondern vor allem auch mit dem verblassenden Mythos, den die Sendung umgab. Sie war ein Relikt aus der Frühzeit des Fernsehens, in der sich im ganzen Land noch die Familien vor dem Fernsehgerät als einer Art modernen Altar versammelten. Die samstägliche Unterhaltung hatte man sich nach der wöchentlichen Arbeitswoche wohl verdient.

          Das brachte gestern Abend der Entertainer Hape Kerkeling zum Ausdruck. Er feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag und schilderte jene Kindheit, die alle Babyboomer erlebt hatten. Samstag wurde gebadet, man bekam von der Mutter den frischen Frottee-Schlafanzug verpasst, und durfte Samstagabends länger aufbleiben. Ob nun die „Hitparade“ oder später am Abend Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Frankenfeld: „Wetten, dass..?“ war das jüngste Format in dieser Reihe – und das einzige, das noch bis in die Gegenwart funktionierte.

          Show machten die anderen

          Es war das Genre dieser Generation, die noch das erlebt hatte, was Soziologen als die Mittelschichtsgesellschaft der Nachkriegszeit charakterisierten. Deren Kriterium war Homogenität mit weitgehend identischer Sozialisation. Vom Familienmodell mit Vater, Mutter und zumeist mehreren Kindern bis hin zur Arbeitswelt - alle westdeutschen Babyboomer können von diesem Gemeinschaftsgefühl erzählen, das wiederum die ansonsten schwer greifbare Leidenschaft im Umgang mit einer ansonsten einfach gestrickten Unterhaltungssendung wie „Wetten, dass...?“ erklärt. Diese Generation formulierte Erwartungen, die nichts anderes waren als die Suche nach einer untergegangen Welt. Daran musste nicht nur ein Moderator wie Markus Lanz scheitern, dessen gestern wieder bewiesenen begrenzten Möglichkeiten als Entertainer noch hinzukamen.

          Unterhaltung ist Schwerarbeit, die aber nur funktioniert, wenn man sie ihr nicht ansieht. Das zu beweisen ist Lanz nie gelungen. Er arbeitet sich sprichwörtlich durch die Sendung, obwohl er gestern Abend kaum etwas falsch machen konnte. Hape Kerkeling und Guido Maria Kretschmer sorgten allein aus sich heraus für einen unterhaltsamen Abend, weil sie eines gemeinsam haben: Authentizität, die ohne Häme auskommt, davon abgesehen haben beide Humor und Spontaneität. Wer kann schon, wie Kretschmer als Juror von „Shopping Queen“ auf „Vox“, Frauen mit Charme schlechten Geschmack diagnostizieren, ohne dass diese deshalb vor Scham im Boden versinken müssen? Frauen müssen für Kretschmer eines vor allem nicht sein, um schön zu sein: jung und schlank. Die Mütter aber sollten „auch noch auf sich achten“, sagte Lanz, und während man bei Gottschalk in solchen Fällen die Ironie heraushören konnte, meinte sein Nachfolger es offensichtlich wirklich so. Aber das war nicht die einzige Peinlichkeit, die er sich leistete. Die Homosexualität von Kerkeling und Kretschmer sind kein Geheimnis, aber Lanz ging damit in einer Weise um, die eher an die Verklemmtheit in den Jugendjahren der Babyboomer erinnerte.

          Er ist nicht in der Lage, auf Situationen spontan zu reagieren, spielerisch mit Konventionen umzugehen, geschickt jene Klippen zu umsegeln, die eine fast dreistündige Livesendung zwangsläufig mit sich bringt. Es gab eine bezeichnende Szene: Die Schauspielerin Annette Frier sollte trotz gewonnener Wette ihren Einsatz einlösen, der darin bestand, auf einer Art Hochleistungstrampolin herumzuspringen. Doch während seine Gäste versuchten, diese zweifellos peinliche Übung mit einer gewissen Souveränität zu überstehen, sprang Lanz wie ein Derwisch auf dem Gerät herum, so, als müsse er selbst eine Wette gewinnen. Lanz will Leistung beweisen. Nur ist das keine Unterhaltung.

          „Wetten, dass..?“ als Marketingmaschine

          Genauso wenig war dem Format die Modernisierung bekommen, die man nach Gottschalks Abgang versucht hatte. „Wetten, dass..?“ war eigentlich eine Art Kindergeburtstag. Es gab immer Wetten, die nach zwei Kriterien funktionierten: Entweder bewies man Kraft und Geschicklichkeit oder zeigte erstaunliche Gedächtnisleistungen. Die Kandidaten waren aber immer nur das Beiwerk in der Show des Thomas Gottschalk, genauso wie die Gäste und das auf dem Tisch bereit liegende Konfekt.

          Bei Lanz wurden die Wettkandidaten mit Einspielern vorgestellt und der Gewinn zu einer Frage stilisiert, ob die Tochter ein Pferd, Emden Geld für ein Museum oder die Familie einen Skiurlaub bekommt. Solche Anreizsysteme verderben jeden Kindergeburtstag, wie alle Eltern wissen. Sie bringen den Ernst des Lebens dort hin, wo er nicht hingehört. Natürlich werden sich Nick und Tom gestern Abend wie alle Kinder vor der Sendung gefragt haben, welchen Preis sie für ihre Kinderwette bekommen. Nur muss man das deshalb gleich zeigen? In dieses Bild passte „Wetten, dass..?“ als Marketingmaschine, in der das ZDF Hollywoodstars und am Ende sogar die Kandidaten ihre Produkte feil boten ließ, und wenn es nur sie selbst waren. „Deutschland ist verrückt nach Cameron Diaz“. Ein Satz, den in dieser Unbekümmertheit wahrscheinlich nicht einmal deren PR-Berater formulieren würden. Dieser Satz bringt das Problem auf den Punkt, und nicht das Product Placement, für das der Sender in der Vergangenheit kritisiert worden war. Denn Schleichwerbung lebt bekanntlich davon, dass man sie nicht bemerkt. 

          Eine Scheinblüte vor der Sommerpause

          Das ZDF hat im Lauf der Jahre das eigentliche Erfolgsgeheimnis von „Wetten, dass..?“ vergessen: Einen Kindergeburtstag mit der völlig unwahrscheinlichen Erwartung zu senden, stundenlang nicht gelangweilt zu werden. Das Format war unmodern, im besten Sinne harmlose Familienunterhaltung. Hier mussten Kandidaten eben noch nicht in Warhols berühmten 15 Minuten um ihre Zukunft kämpfen, wie es überall sonst heute der Fall ist, in Casting-Shows, im Dschungelcamp oder in den zahllosen Quizformaten. Ob die Zuschauer das heute noch sehen wollen, ist eine andere Frage. Das ZDF wollte sie gestern Abend noch einmal positiv beantworten. Mit Gästen, die das möglich machen, mit der unkonventionellen Ina Müller als Co-Moderatorin in Emden, und spannenden Wetten. Auf Musikeinlagen konnte man dabei mit Ausnahme von Anastacia weitgehend verzichten, deren Brustkrebserkrankung Lanz, das muss man ihm lassen, angemessen zur Sprache brachte.

          Aber all das war eine Scheinblüte. Man kann eben nicht jedes Mal Kerkeling und Kretschmer einladen. Selbst Frau Diaz vermochte ihr Erstaunen über das Monument deutscher Fernsehunterhaltung professionell zu verbergen, was für Gäste aus Hollywood schon eine Leistung ist. Zur Sendung das kleine Schwarze anzulegen, konnte aber wohl nicht einmal einen Modedesigner wie Guido Maria Kretschmer überzeugen. Trauerfarbe anzulegen haben aber bei der letzten Ausgabe von „Wetten, dass..?“ am 13. Dezember die deutschen Babyboomer Anlass. Ihre Kindheitserinnerungen gehören dann endgültig einer untergegangenen Welt an. Sie sind jetzt selbst alt geworden, was an sich schon eine schmerzliche Erkenntnis ist.

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