https://www.faz.net/-gsb-7o423

TV-Kritik: Wetten, dass..? : Ein Monument deutscher Fernsehgeschichte fällt vom Sockel

  • -Aktualisiert am

Bald ausgelacht: Moderator Markus Lanz, die US-amerikanische Schauspielerin Cameron Diaz und der deutsche Modedesigner Guido Maria Kretschmer in „Wetten, dass..?“ Bild: dpa

Die Zukunftsfähigkeit der Sendung galt als Staatsaffäre - jetzt ist die Frage endlich entschieden. „Wetten,dass..?“ ist aus der Zeit gefallen. Das zeigte sich auch am Samstagabend.

          5 Min.

          Über den letzten Satz von Markus Lanz, so Christian Sievers im „heute journal“, werde Deutschland sicher reden. Das wird niemand bezweifeln - ein Monument der deutschen Fernsehunterhaltung ist nach diesem einen Satz vom Sockel gefallen. Das ZDF stellt „Wetten, dass..?“  im Herbst ein. Die Überraschung war geglückt, wenn auch die Anzeichen nicht zu übersehen waren. Ein überregionales Boulevardblatt orakelte schon in seiner Samstagsausgabe über die Ablösung des Moderators. Die Gäste erschienen wie zu einer Trauerfeier in Schwarz, mit Ausnahme der amerikanischen Schauspielerin Cameron Diaz. Gästen aus Übersee die Monumente deutscher Fernsehunterhaltung zu vermitteln, ist wohl auch kaum möglich. Sie wollen ihre neuesten Produkte in der bis zum Ende des Jahres wichtigsten europäischen Unterhaltungsshow bewerben. Das ist ein nüchternes Interesse, bei dem Sentimentalität keinen Platz hat. Letztere muss man sich erwerben, wofür diese Sendung ein so gutes wie unterhaltsames Beispiel gewesen ist.

          Abstieg begann schon vor Lanz

          „Wetten, dass..?“ hat seltsamerweise niemanden kalt gelassen. Seine Zukunftstauglichkeit galt als eine Art Staatsaffäre, die immer mit dem gebotenen Ernst zu verhandeln gewesen war. Dabei begann der Abstieg schon vor Markus Lanz. Auch Thomas Gottschalk hatte nicht nur mit sinkenden Einschaltquoten zu kämpfen gehabt, sondern vor allem auch mit dem verblassenden Mythos, den die Sendung umgab. Sie war ein Relikt aus der Frühzeit des Fernsehens, in der sich im ganzen Land noch die Familien vor dem Fernsehgerät als einer Art modernen Altar versammelten. Die samstägliche Unterhaltung hatte man sich nach der wöchentlichen Arbeitswoche wohl verdient.

          Das brachte gestern Abend der Entertainer Hape Kerkeling zum Ausdruck. Er feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag und schilderte jene Kindheit, die alle Babyboomer erlebt hatten. Samstag wurde gebadet, man bekam von der Mutter den frischen Frottee-Schlafanzug verpasst, und durfte Samstagabends länger aufbleiben. Ob nun die „Hitparade“ oder später am Abend Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Frankenfeld: „Wetten, dass..?“ war das jüngste Format in dieser Reihe – und das einzige, das noch bis in die Gegenwart funktionierte.

          Show machten die anderen

          Es war das Genre dieser Generation, die noch das erlebt hatte, was Soziologen als die Mittelschichtsgesellschaft der Nachkriegszeit charakterisierten. Deren Kriterium war Homogenität mit weitgehend identischer Sozialisation. Vom Familienmodell mit Vater, Mutter und zumeist mehreren Kindern bis hin zur Arbeitswelt - alle westdeutschen Babyboomer können von diesem Gemeinschaftsgefühl erzählen, das wiederum die ansonsten schwer greifbare Leidenschaft im Umgang mit einer ansonsten einfach gestrickten Unterhaltungssendung wie „Wetten, dass...?“ erklärt. Diese Generation formulierte Erwartungen, die nichts anderes waren als die Suche nach einer untergegangen Welt. Daran musste nicht nur ein Moderator wie Markus Lanz scheitern, dessen gestern wieder bewiesenen begrenzten Möglichkeiten als Entertainer noch hinzukamen.

          Unterhaltung ist Schwerarbeit, die aber nur funktioniert, wenn man sie ihr nicht ansieht. Das zu beweisen ist Lanz nie gelungen. Er arbeitet sich sprichwörtlich durch die Sendung, obwohl er gestern Abend kaum etwas falsch machen konnte. Hape Kerkeling und Guido Maria Kretschmer sorgten allein aus sich heraus für einen unterhaltsamen Abend, weil sie eines gemeinsam haben: Authentizität, die ohne Häme auskommt, davon abgesehen haben beide Humor und Spontaneität. Wer kann schon, wie Kretschmer als Juror von „Shopping Queen“ auf „Vox“, Frauen mit Charme schlechten Geschmack diagnostizieren, ohne dass diese deshalb vor Scham im Boden versinken müssen? Frauen müssen für Kretschmer eines vor allem nicht sein, um schön zu sein: jung und schlank. Die Mütter aber sollten „auch noch auf sich achten“, sagte Lanz, und während man bei Gottschalk in solchen Fällen die Ironie heraushören konnte, meinte sein Nachfolger es offensichtlich wirklich so. Aber das war nicht die einzige Peinlichkeit, die er sich leistete. Die Homosexualität von Kerkeling und Kretschmer sind kein Geheimnis, aber Lanz ging damit in einer Weise um, die eher an die Verklemmtheit in den Jugendjahren der Babyboomer erinnerte.

          Weitere Themen

          Klima-Kunst am Strand Video-Seite öffnen

          Mega-Stau in Miami : Klima-Kunst am Strand

          Kurz vor dem Start der Kunstmesse Art Basel in Miami hat der argentinische Künstler Leandro Erlich am Strand einen Stau mit Autos aus Sand nachgebildet. Damit will er auf das Thema Kimawandel aufmerksam machen.

          Topmeldungen

          Nancy Pelosi am Donnerstag im Capitol in Washington.

          Impeachment-Verfahren : Nancy Pelosi: Donald Trump muss angeklagt werden

          Nancy Pelosi hat als „Sprecherin“ des Repräsentantenhauses angekündigt, dass in der Ukraine-Affäre nun Anklagepunkte gegen Amerikas Präsidenten entworfen werden sollen. Diese sind Voraussetzung für den nächsten Schritt im Impeachment-Verfahren gegen Trump.
          „Man schielt mit begierigem Auge danach, Bürger überwachen zu können", meint Diana Nocker.

          Ist 5G gefährlich? : Bürger, die sich fürchten

          Der neue Funkstandard 5G soll Deutschland in die Zukunft führen. Viele fühlen sich jedoch bedroht und haben Angst. Entsteht eine neue Protestbewegung? Zu Besuch bei besorgten Menschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.