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TV-Kritik: Maischberger : Warum trinken wir eigentlich Alkohol?

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Sandra Maischberger Bild: dpa

Der Alkohol ist bis heute eine kulturell akzeptierte Droge. Aber warum ziehen uns Schnaps und Bier eigentlich so sehr an? Die Gäste bei Maischberger fanden darauf überraschend unterschiedliche Antworten.

          Der Cognac zum Kaffee gehörte früher zumeist dazu. Wer schon etwas älter ist, kann sich noch an die Klappfächer in den obligatorischen Schrankwänden erinnern, wo sich Spirituosen aller Art befanden. In den Büros war der Alkohol zumeist ein täglicher Begleiter, ob erst zum Feierabend oder schon davor. Zwar wurden alkoholisierte Autofahrer bestraft und mit dem sogenannten „Säuferbalken“ im Führerschein bis Ende der 1970er Jahre als solche kenntlich gemacht. Nur hielt man trotzdem das Fahren unter Alkoholeinfluss für ein Kavaliersdelikt.

          Wenn sich jemand aus dieser Zeit die gestrige Sendung von Frau Maischberger angesehen hätte, müsste er an einer darin formulierten These seinen Zweifel haben. Ist der Alkohol wirklich noch eine Droge, die zum Kulturgut dieser Gesellschaft gehört, wie es dort mehrfach formuliert wurde?

          Tanzen auf den Tresen

          „Unsere liebste Alltagsdroge: Warum brauchen wir Alkohol?“, so lautete das Thema. Der klassische Schnapstrinker gilt heute als ausgestorben, genauso wie der Alkoholkonsum im Betrieb. Der Pro-Kopf Verbrauch an reinem Alkohol geht seit Jahren zurück. Von 12,1 Liter im Jahr 1990 auf 9,6 Liter bis heute. Trunkenheitsfahrten werden mit guten Gründen moralisch geächtet. Das wäre ein guter Anlass gewesen, um gestern Abend zu fragen: Warum brauchen wir immer weniger Alkohol – und wie hat sich der Umgang mit dieser sogenannten „Kulturdroge“ verändert. Leider hat man diese Frage nicht gestellt, sondern sich auf die klassische Debatte über den Alkoholmissbrauch beschränkt.

          Dabei könnte die Antwort einen Hinweis darauf geben, wie sich diese Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat – und damit der kulturelle Umgang mit dem Alkohol. So saßen bei Frau Maischberger drei trockene Alkoholiker, ein Abstinenzler, ein ehemaliger Leiter einer Suchtklinik, sowie eine Brauereierbin - und Olivia Jones. Die Travestiekünstlerin formulierte den Konsens in der Sendung. Alkohol als „Genussmittel“ sei in Ordnung, im Gegensatz zum „Betäubungsmittel“. In Maßen genossen, belebe er die Stimmung, wie sie aus ihren drei Bars auf St. Pauli zu berichten wusste. Allerdings sollte trotzdem nicht der Eindruck erzeugt werden, dass solche Stimmung nur mit Alkoholkonsum möglich wäre. Sebastian Frankenberger, Parteivorsitzender der ÖDP und der Abstinenzler in der Runde, tanzt auf Jugendfreizeiten der Katholischen Kirche sogar „auf den Tresen“. Was insoweit seltsam anmutet, weil das „Tanzen auf den Tresen“ jenen Kontrollverlust ausdrückt, den man in unserem Kulturraum gemeinhin nicht durch Autosuggestion erreicht. Frankenberger, so ist zu vermuten, hat ein Alkoholproblem ohne Alkohol.

          Kontrollierter Kontrollverlust als fixe Idee

          Aber in diesem kontrollierten Kontrollverlust als fixe Idee lässt sich die Debatte über den Alkohol in unserer Gesellschaft zusammenfassen. Man sieht zwar den permanenten Zwang zur Selbstdisziplinierung, aber formuliert zugleich das Bedürfnis nach Grenzüberschreitung und verbindet das mit einem Appell an die Vernunft, der das Unvereinbare vereinbar machen soll.

          Beim Alkoholiker wird der Kontrollverlust allerdings zur Regel. Nur hat dieser die gleichen Wahrnehmungsstörungen wie Frankenberger, der meint, er wäre nüchtern der gleiche Mensch wie alkoholisiert. Das war vor allem den drei Alkoholikern, namentlich dem ehemaligen Fußball-Profi Uli Borowka, sowie dem Schriftsteller und Suchttherapeuten Manfred Lütz zu verdanken. Borowka schilderte seine Karriere als Fußballer und Alkoholiker. Wie beides zusammengehörte, er viele Jahre bis zum Zusammenbruch fast perfekt funktionierte. Der Alkohol war keine Krankheit, die ihn befallen hatte, sondern Ausdruck seiner Persönlichkeit. Die Gründe, die ihn zum „härtesten Verteidiger der Bundesliga“ machten, waren die gleichen, die ihn am Ende fast umbrachten. Er war „ein Leistungsträger. Das ist wichtig für diese Gesellschaft“. Und habe „keine andere Meinungen oder Gefühle zugelassen“. Dieser Mechanismus war es, der ihn blind machte für seine Suchtproblematik, trotz des Konsums von einem Kasten Bier, sowie jeweils einer Flasche Wodka und Whiskey. Am Tag wohlgemerkt.

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