https://www.faz.net/-gsb-7q0ru

TV-Kritik: Maischberger : Warum trinken wir eigentlich Alkohol?

  • -Aktualisiert am

Zwang zur Selbstdisziplinierung

Beim Alkoholiker wird der Kontrollverlust total, weil er seine Wahlfreiheit verliert, so Lütz. Während man vor 50 Jahren noch im Alkohol das Problem gesehen hätte, versuchen ihm Therapeuten wie Lütz heute wieder seine Autonomie wiederzugeben, die er verloren hat. Es gäbe nicht den Alkoholiker, so Lütz, sondern sie seien untereinander so verschieden wie alle andere Menschen. Buchstäblich jeder kann davon betroffen werden, unabhängig von Herkunft oder Sozialisation. Der Alkohol werde, so Lütz, „gefährlich, wenn er wichtiger wird als das, was wirklich wichtig ist im Leben.“ Etwa die Familie oder der Beruf. Die soziale Funktion des Alkohols ist in unserem Kulturkreis eben nicht nur das Genussmittel, wie Olivia Jones in aller Unschuld meinte, sondern seine Fähigkeit zum zeitweisen Ausbruch aus dem Zwang zur Selbstdisziplinierung, ohne den diese Gesellschaft nicht existieren kann.

Ein interessantes Beispiel waren dafür Hannelore und Petra Belschner. Die Mutter Hannelore erlebte das Glas Cognac, übrigens vor Jahrzehnten auf Ratschlag ihres Arztes, als Doping zur Bewältigung des Alltags, während die Tochter Petra später die familiären Folgen wiederum im Suff ertränkte. Beide wurden praktisch über Nacht „trocken“, was nicht nur Lütz erstaunt haben wird. Aber, so Petra Belschner, sie habe beim letzten Glas gewusst, es sei vorbei und warum sie den Alkohol gebraucht hatte. Spannend wurde es aber als Lütz sie fragte, wie sie danach „die Leere gefüllt“ habe, die der Verzicht auf den Alkohol hinterlassen habe. Eine plausible Antwort darauf gab es nicht. Sie muss jeder selbst finden, was keineswegs nicht nur für Alkoholiker gilt. Letztere können ihr nur nicht mehr ausweichen. Das ist der Unterschied.

Spielsucht als Problem

Borowka erlebt heute die Spielsucht als ein drängenderes Problem als den klassischen Alkoholismus. Er nannte die Smartphones als Beispiel. Man kann sich sicher sein, dass die meisten Nutzer diesen Gedanken als absurd zurückweisen. Sie schädigen niemand, sind leistungsfähig in Schule und Beruf, funktionieren in allen Lebenslagen. Das traf zwar alles auch auf Borowka zu, aber bekanntlich wird nicht jeder „zum härtesten Verteidiger der Bundesliga“. Sind sie süchtig, wie Borowka meint? Zumeist wird ja von ratlosen Sittenwächtern wie Frankenberger der schon gehörte maßvolle Umgang gepredigt. Nur sollte man sich die Frage stellen, ob heute überhaupt noch sicher ist, was „wirklich wichtig ist im Leben.“

Von Sucht, so konnte der Zuschauer  gestern Abend von Lütz lernen, kann man nur reden, wenn davon noch eine Vorstellung existiert. Sobald das niemand mehr weiß, wäre unter dieser Prämisse das Suchtthema erledigt. Insoweit ist das verbreitete Komasaufen unter Jugendlichen ein Indiz dafür, dass virtuelle Welten keineswegs ein Ausbruch aus der Welt des permanenten Zwangs zur Selbstdisziplinierung sind. Diese verkörpern sie vielmehr in Perfektion. Mit dem Rausch, so ist zu erwarten, wird man in dieser Gesellschaft weiterhin versuchen, diesen Zwängen für einen Augenblick zu entkommen. Und in Bayern wird man das schließlich als Folklore verkaufen, wie es die Brauereierbin Kathrin Meyer gestern Abend eindringlich vermittelte. Immerhin sollte man dann das Auto stehen lassen. Aber die Ergebnisse dieses Rausches nicht in soziale Netzwerke zu kommunizieren, muss diese Generation noch lernen. Ansonsten hilft wahrscheinlich wirklich nur noch ein Promillegrenze für die Bedienung von Smartphones.

Weitere Themen

Modernes Leben

TV-Kritik: Maischberger : Modernes Leben

In Sandra Maischbergers erster Sendung nach der Sommerpause geht es um drängende Fragen unserer Zeit. Nicht jede Debatte erweist sich als zielführend. Ausnahme: Das Gespräch mit Joachim Gauck.

Blumenmeer im Brüsseler Rathaus Video-Seite öffnen

Internationale Flower-Show : Blumenmeer im Brüsseler Rathaus

Alle zwei Jahre verschönern rund 30 internationale Floristen das gotische Gebäude mit opulenten Blumenkreationen. Sie dekorieren 13 historische Räume vom Boden bis zur Decke mit mehr als 100.000 Blumen.

Topmeldungen

Berlin im Juli 2017: Überschwemmung auf der Märkischen Allee nach einem Unwetter

Schwierige Stadtplanung : Schwamm drunter!

Starkregen und Hochwasser bringen Städte immer wieder an ihre Grenzen. Sie müssen sich anpassen – denn der Klimawandel dürfte das Problem noch verschärfen.
Olaf Koch, 49, ist seit sieben Jahren Vorstandsvorsitzender des Handelskonzerns Metro.

Metro-Chef Koch im Interview : Ist Ihr Job noch sicher?

Metro-Chef Olaf Koch hat eine feindliche Übernahme durch den tschechischen Milliardär Křetínský abgewehrt, doch die Probleme bleiben. Wie geht es mit dem Handelskonzern und ihm selbst weiter?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.