https://www.faz.net/-gsb-8w7rt

TV-Kritik: Maybrit Illner : Warum Erdogan viele Türken in Deutschland nervt

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner mit ihren Gästen Bild: ZDF/Jule Roehr

Die deutsch-türkischen Bürger in Deutschland sind heterogener als viele glauben, zeigte die gestrige Illner-Sendung. Auch Erdogan hat das nicht erkannt – und sich verzockt.

          Jedes Land hat seine spezifischen Traditionen. Bei uns ist es ein Staatsverständnis mit einer hoch entwickelten Bürokratie. Als sich die Deutschen nach mehreren Jahrzehnten politischer Debatte endlich als Einwanderungsland definierten, schritten sie entsprechend zur Tat. Sie setzten Integrationspolitik auf die Tagesordnung und beauftragten die Verwaltung mit deren Umsetzung. Die Politik schuf die gesetzlichen Voraussetzungen, setzte Integrationsbeauftragte ein und stattete alle möglichen Förderpläne mit den entsprechenden Geldmitteln aus. Das alles wurde mit der erforderlichen wissenschaftlichen Begleitung kombiniert, um Schwachstellen dieser Integrationspolitik rechtzeitig zu erkennen. In einem Land, wo sogar die Zivilgesellschaft zum Kerngeschäft staatlichen Handelns gehört, kann ein solcher Ansatz nicht wirklich überraschen. Er hat seine Vor- und Nachteile. Sie entdeckt man wahrscheinlich erst, wenn man einmal in anderen Ländern ohne diese Tradition gelebt hat.

          Gästeliste als Zeichen gelungener Integration

          Paul Ziemiak, Bundesvorsitzender der Jungen Union, zog ein frustrierendes Fazit dieser Integrationspolitik. Wir ständen „vor einem Scherbenhaufen“, so seine Antwort auf das Thema der Sendung: „Türken in Deutschland – spaltet Erdoğan das Land?„. Darüber diskutierten gestern Abend ein Einwanderer aus Polen namens Ziemiak, die Journalistin Canan Topçu und der Bundesvorsitzende der Grünen Cem Özdemir. Zur Besichtigung waren zudem der deutsch-türkische AKP-Abgeordnete Mustafa Yeneroğlu und der Dortmunder Hochschullehrer Ahmet Toprak eingeladen. Außerdem noch Franziska Giffey (SPD): Die Bezirksbürgermeisterin aus Berlin-Neukölln gilt als Expertin für die Scherbenhaufen der Integrationspolitik. In Wirklichkeit war diese Gästeliste die Widerlegung dieser These. Sie war ein Beispiel für eine funktionierende Integrationspolitik. Es diskutierten nicht „die Türken“ mit „den Deutschen“ über ihr Zusammenleben. Vielmehr stritten sich Einwanderer darüber, wie sie in diesem Land leben wollen.

          Dass es dabei Meinungsverschiedenheiten gibt, sollte niemanden überraschen. Die gibt es bekanntlich auch unter Deutschen, selbst wenn deren Stammbaum bis zu den Germanen zurückreichen sollte. So trafen gestern Abend säkulare Muslime auf einen politischen Islam, wie ihn der AKP-Abgeordnete Yeneroğlu aus Ankara vertritt. Damit waren Konflikte programmiert, die in der Sendung entsprechend zum Ausdruck kamen. Hier wurde allerdings zugleich deutlich, wieso Ziemiak offensichtlich in einer klassischen deutschen Tradition sozialisiert worden sein muss. Er kann die gegenwärtigen Konflikte innerhalb der türkisch-stämmigen Gemeinschaft wohl nur unter einer Voraussetzung als „Scherbenhaufen“ definieren: Wenn er Integrationspolitik auf Verwaltungshandeln reduziert, etwa vergleichbar mit der Bebauungsplänen einer Stadtverwaltung. Die Politik macht Zielvergaben, die Bürokratie setzt sie um und schließlich haben wir lauter integrierte Einwanderer, so wie sonst adrette Einfamilienhäuser unsere Städte bereichern.  

          Tatsächlich ermöglichen aber erst Konflikte Integration als Selbstverständigungsprozeß. Alle Gäste schilderten die tiefen Zerwürfnisse unter den türkisch-stämmigen Deutschen. Wie sich über das türkische Verfassungsreferendum Freunde, Familien und Nachbarn zerstritten haben. Frau Topçu schilderte jene Situationen, wo sie lieber die Politik als Gesprächsthema vermeidet, um keine zusätzlichen Gräben zu schaffen. Sie diagnostizierte drei Gruppen unter „den Türken“ in diesem Land. Manche hätten die Nase voll davon, wie die AKP ihre innenpolitischen Konflikte nach Deutschland exportiert. Andere kämpften gegen die Präsidialverfassung als Weg in die Diktatur. Schließlich gäbe es diejenigen, die den türkischen Staatspräsidenten unterstützten. Es gibt eben nicht „die Türken“, wie Toprak deutlich machte. So hätten von den etwa drei Millionen türkisch-stämmigen Einwohner in Deutschland bei den letzten Parlamentswahlen lediglich dreihundertausend tatsächlich die AKP gewählt.

          Weitere Themen

          Der Rest ist Propaganda

          Erdogans Akademiker : Der Rest ist Propaganda

          Wer dachte, eine Tagung des Zentrums für Türkeistudien in Essen würde die Lage der Universitäten am Bosporus kritisch beleuchten, sah sich getäuscht: kein Wort von Erdogans Säuberungen, nur Lob für den Potentaten.

          „Dschinn“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Dschinn“

          „Dschinn“ läuft ab Donnerstag, den 13. Juni auf Netflix.

          Kein Mut in Sicht

          TV-Kritik „Anne Will“ : Kein Mut in Sicht

          Deutschland driftet auseinander: Im Westen wird das Land grün, im Osten blau. Bei Anne Will geht es darum, ob die Bundesregierung noch den Willen und die Kraft hat, mit überzeugender Politik zu antworten. Das Ergebnis der Debatte ist ernüchternd.

          Topmeldungen

          Iran-Konflikt : Amerika schickt weitere Soldaten in den Nahen Osten

          Die Spannungen zwischen Iran und Amerika nehmen zu. Zwar betont man in Washington, man suche nicht die Konfrontation mit Teheran – dennoch verstärkt Amerika seine Truppen im Nahen Osten. Eine Ankündigung des Irans verschärft die Lage weiter.
          Ehemaliger Lebensmittelladen in Loitz: Der Solidaritätszuschlag dient in erster Linie zur Finanzierung der Kosten, die die deutsche Wiedervereinigung verursacht hat. (Archiv)

          Wortbruch der Union : Soli-Schmerzen

          Dass ein Teil des Soli bleibt, dürfte für die Betroffenen finanziell zu verschmerzen sein. Nicht aber der Wortbruch der Union – und das bittere Gefühl, dass ihr Sondereinsatz für das Land nicht einmal wertgeschätzt wird.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.