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TV-Kritik: Uli Hoeneß : Auf den Prozess folgt das Talkshow-Tribunal

  • -Aktualisiert am

Uli Hoeneß und seine Frau Susanne auf der Fahrt zum Gericht Bild: dpa

Bei Illner und Beckmann waren sich die Experten einig: Der Richter ließ Milde walten. Doch Hoeneß hat die Kontrolle über seine Biographie verloren.

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          In dieser Nacht fragt man sich, was Uli Hoeneß in seinem Haus am Tegernsee jetzt macht. Man braucht nicht sehr viel Einfühlungsvermögen, um sich vorzustellen, wie ein schwer angeschlagener Mann versucht, nach dieser persönlichen Katastrophe wieder den Boden unter seinen Füßen wiederzufinden. Schlafen wird er nicht können. Wer kann das schon nach einem solchen Absturz? Ob er den Fernseher angestellt hat, wo es auf allen Kanälen nur um ihn geht? Sicher nicht. Dort könnte er lediglich sehen, wie ein vollständiger Kontrollverlust über die eigene Biographie aussieht. Die beiden Sendungen von Maybrit Illner und Reinhold Beckmann waren dafür nur zwei Beispiele. Gestern wurde zwar ein Urteil verkündet, aber im Grunde wissen wir immer noch nicht, was eigentlich passiert ist. Weiß es Uli Hoeneß?

          Es gibt keinen vergleichbaren Fall

          Es ging dabei weder bei Frau Illner, noch bei Beckmann um Schadenfreude oder gar Häme. Selbst seine Kritiker ließen es nicht an Respekt, und, man darf es sagen, an Mitgefühl für den zu einer Haftstrafe verurteilten Angeklagten missen. Es dominierte etwas anderes: Das Erstaunen über das, was die Öffentlichkeit in diesen vier Tagen erfahren hat. Selbst die in beiden Sendungen eingeladenen Fachleute, ob nun Steueranwälte oder ehemalige Steuerfahnder, waren sich einig, einen vergleichbaren Fall noch nicht erlebt zu haben.

          Zwar gab es seit den Recherchen des „Stern“ im Januar vergangenen Jahres jene Meldung von den „hunderten Millionen“, die auf den Schweizer Konten von Hoeneß liegen sollten. Aber das schien zuerst sogar deren Chefredakteur Dominik Wichmann „unvorstellbar“, wie er bei Frau Illner deutlich machte. Er schilderte zudem die Reaktion von Hoeneß auf diese Berichterstattung. Wie dieser gegenüber dem Herausgeber des „Stern“ alle Vorwürfe abstritt – und sich jetzt vier der fünf Punkte von Hoeneß als Lügen herausgestellt hätten.

          Ein Gerichtsverfahren ist immer auch eine Inszenierung. In diesem Stück wurde das Unvorstellbare banalisiert. 3,5 Millionen. 18,5 Millionen. 27,5 Millionen. Kontostand: 155 Millionen. Zu zahlende Steuerschuld plus Zinsen: Bis zu 50 Millionen. So ähnlich werden die Bundesligaergebnisse in der Tagesschau um 20:00 Uhr verkündet. Und wie Heribert Prantl, Innenpolitik-Chef der „Süddeutschen Zeitung“, bei Beckmann betonte, es handelt sich um den „best case“. Es könnte sogar schlimmer sein.

          Arbeit für drei Profis für drei Monate

          Nicht nur Prantl wunderte sich über dieses Eilverfahren. Der Fachanwalt für Steuerstrafrecht, Karsten Randt, erläuterte nämlich, was die ominösen 70.000 Seiten Bankunterlagen mit 50.000 Transaktionen bedeuten. Arbeit für „drei Profis für drei Monate“. Das Münchner Landgericht schaffte das an „einem Nachmittag und einem Abend“, so Prantl. Das Gelächter war groß – und blieb einem doch im Halse stecken. Es dokumentierte die Absurdität dieser Situation.

          Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung bewiesen ansonsten die Fähigkeit zum Konsens. Man zog an einem Strang, um das Verfahren im geplanten Zeitrahmen abzuschließen. Ohne große Debatten einigte man sich gestern auf 28,5 Millionen Euro Steuerschuld. Man hatte am Mittwoch (wir erinnern uns: 27,5 Millionen) den Solidaritätszuschlag vergessen. Das kann schon passieren, wenn man in zwei Tagen 70.000 Seiten lesen muss. Die ursprünglich ebenfalls angeklagten Verlustvorträge von Hoeneß ließ man ebenfalls einvernehmlich unter den Tisch fallen.

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