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TV-Kritik: Uli Hoeneß : Auf den Prozess folgt das Talkshow-Tribunal

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Kritik am Prozess

Prantl artikulierte sein Unverständnis über ein Gericht, das die Beweisaufnahme schloss, ohne die Hintergründe dieser recht seltsamen Tatumstände aufzuklären. Am Dienstag war noch jeder Beobachter von einer Aussetzung des Prozesses ausgegangen, nur damit sie am Mittwoch erfahren, das sei nicht mehr nötig. So blieb noch nicht einmal mehr Zeit zur Verblüffung. Plötzlich hielten das alle Prozess-Beobachter für selbstverständlich. Wie die 155 Millionen Euro auf dem Vontobel-Konto von Hoeneß. Wichmann machte durchaus deutlich, worum es gehen könnte. Um „Schwarze Kassen“, weitere Konten bei anderen Schweizer Banken, die Involvierung anderer Akteure außer Hoeneß.

Darüber wird aber nach dem Abschluss des Verfahrens keine Beweisaufnahme mehr stattfinden, so Prantl. Es gab übrigens niemanden, ob nun bei Frau Illner oder bei Beckmann, der der Revision der Verteidigung beim BGH große Chancen einräumt. Eine Aufhebung des Urteils mit der Aussicht, Hoeneß vor einer Haftstrafe zu bewahren, sei gering. Trotzdem wäre eine rechtliche Konkretisierung der Frage wünschenswert, so der Konsens, wie die Wirksamkeit einer Selbstanzeige in Zukunft zu definieren sei. Das ist bekanntlich auch das Argument der Verteidigung zugunsten der Revision.

Frage nach dem Realitätsbezug

Widersprüche gehören überhaupt zu den Merkwürdigkeiten dieses Verfahrens. So wäre eine erfolgreiche Revision sicherlich zu begrüßen. Sie ermöglichte eine neue Beweisaufnahme, um die zahllosen Indifferenzen aufzuklären. Das wäre durchaus im Sinne des Angeklagten. Es kann ja normal sein, am Tag mehr Transaktionen durchzuführen als professionelle Devisenhändler, oder auf einem Konto liquide Mittel in Höhe von 155 Millionen Euro zu halten. Nur braucht man keinen Prozess, um das aufzuklären, sondern kann das sogar außergerichtlich veranlassen. Aber wenn die Verteidigung die Wirksamkeit der Selbstanzeige durchsetzen will, stellt sich die Frage nach ihrem Realitätsbezug.

So sprach nicht nur der Steueranwalt Thomas Wenzler bei Frau Illner von einem „sehr milden“ Urteil und es gäbe „für weitaus weniger durchaus eine ähnliche Strafe“. Darin waren sich die meisten Beobachter einig und äußerten ihren Respekt für die Verteidigung, die, so Wenzler, „in der Champions League“ spiele. Ein Freispruch oder eine Bewährungsstrafe wäre juristisch nicht begründbar gewesen. Weder die beiden Steuerrechtler, noch die Journalisten oder ein ehemaliger Steuerfahnder wie Frank Wehrheim bei Beckmann, hielten das Urteil für zu hart.

Feigen musste Fehler korrigieren

Die mögen sich alle irren, selbst was die Revision beim BGH betrifft, aber ist es wirklich möglich, dass ein überall hochgelobter Anwalt wie Hanns Feigen seinem Mandanten falsche Hoffnungen etwa auf eine Bewährungsstrafe macht? Hoeneß vermittelte gestern diesen Eindruck, obwohl er ein Jahr Zeit hatte, sich auf diese Situation vorzubereiten. Wenzler benannte das Dilemma von Feigen als die Verwaltung „von Missständen“, die das frühere Team von Hoeneß hinterlassen habe. Nur wissen wir nicht, welche das eigentlich sind. Weiß es Hoeneß?

So versuchten Frau Illner und Beckmann etwas zu erklären, was wir noch gar nicht verstanden haben. Vielleicht sollten wir auch erst einmal unsere Verblüffung über das verarbeiten, was in den  vergangenen vier Tagen in München geschehen ist. Wissen tun wir nämlich nur eins: Hier hat ein Mensch die Kontrolle über seine Biographie verloren. Man sollte Uli Hoeneß wünschen, dass er sie wiederfindet. Die Entscheidung darüber fällt allerdings nicht der BGH.

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