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TV-Kritik: Anne Will : Handeln Großmächte moralisch?

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Anne Will Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Das taten Amerika, Russland oder China selten. Aber es ist gut, wenn an diese alte Erkenntnis bisweilen erinnert wird. So geschehen in der Syrien-Debatte bei Anne Will.

          5 Min.

          Früher war angeblich alles besser. Deshalb erinnert sich niemand mehr an den Sturz des Regimes der Roten Khmer in Kambodscha. Das kommunistische Vietnam war im Jahr 1978 in das Nachbarland einmarschiert, um die nun wirklich entsetzliche Barbarei der „Steinzeitkommunisten“ aus Phnom Penh zu beenden. Der Jubel über diese in moralischer Perspektive sicherlich begründbare Intervention hielt sich aber außerhalb des damaligen Ostblocks in enge Grenzen. Der Westen verurteilte diese völkerrechtswidrige Intervention scharf. China griff sogar seinerseits kurze Zeit später Vietnam an, um es mit einem Zweifrontenkrieg zu bedrohen.

          In den Nachbarstaaten Kambodschas fanden dagegen die Massenmörder der Roten Khmer Unterschlupf, um gegen die vietnamesische Besatzungsarmee einen Guerillakrieg zu beginnen. Sie fürchteten Vietnam als regionale Hegemonialmacht. So wurde Kambodscha zum Spielball der Großmächte, letztlich agierten die Vereinigten Staaten mit China gegen die Sowjetunion und Vietnam. Unversehens wurden damit Massenmörder zu Verbündeten, in diesem Fall von Washington und Peking.

          Vom Moralisten zum Realisten – und zurück

          Die Kambodschaner hatte übrigens nie jemand nach ihrer Meinung gefragt. Etwa ob sie im Jahr 1970 von Amerika in den Vietnamkrieg hineingezogen werden wollten. Das ist nur ein Beispiel unter vielen. Eigentlich gab es in der Weltgeschichte keinen einzigen Fall, wo man Großmächten keine Doppelmoral oder gar noch Schlimmeres vorwerfen konnte. Daran muss man heute aber erinnern, wenn man die Debatte über den Krieg in Syrien verfolgt. Dort erscheint plötzlich der historische Normalfall als einzigartig. Die Zivilbevölkerung wird nicht nach ihrer Meinung gefragt, Großmächte handeln nicht aus Barmherzigkeit und Friedensverhandlungen werden am Ende auf dem Schlachtfeld entschieden. Deshalb war die Sendung von Frau Will gestern Abend ein Lichtblick.

          Dort ging es zwar durchaus auch um Moral, nämlich um die Folgen dieses Krieges für die Zivilbevölkerung. Dafür stand vor allem der Arzt und Exil-Syrer Marwan Khoury, der sich als „humanitären Aktivisten“ bezeichnete. Menschen wie Khoury sind das Gegengewicht zu den Kalkülen der Großmächte. Aber eine Frage konnte er nicht beantworten, obwohl Khoury von dem „syrischen Volk“ sprach, das eines nicht mehr wolle: Das bisherige Regime. Aber wer soll die von ihm bevorzugte Nachkriegsordnung in Syrien durchsetzen? Eine Ordnung ohne den Despoten Assad und ohne die Machtübernahme von Dschihadisten, mit dem IS an der Spitze.

          Der Journalist Kurt Pelda sprach daher lieber von der „Nicht-Dschihadistischen Opposition“. So kam niemand auf die Idee, es in Syrien mit Anhängern westlicher Demokratievorstellungen zu tun zu haben. Dabei entwickelte Pelda eine interessante These. Die politische Erfahrung hätte gezeigt, dass solche Krisen nur durch die Schaffung eines militärischen Gleichgewichts gelöst werden könnten. Deshalb kann sogar die Unterstützung von Massenmördern in Kambodscha eine gute Idee sein. Wir erinnern uns. Aber zum einen hat dieses Gleichgewicht in den vergangenen Jahren in Syrien durchaus funktioniert, sonst wäre dieser Krieg schon längst beendet worden. Zum anderen bedeutete es die weitere Eskalation mit den entsprechenden Opfern unter der Zivilbevökerung.

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