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TV-Kritik: Der „Duell“-Abend : „Wir haben Koalitionsverhandlungen gesehen“

  • -Aktualisiert am

Das Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz: Was hat es gebracht? Bild: AFP

Wie war das nun mit dem „Duell“? Hat Merkel gewonnen oder Schulz? Die Kommentatoren, Spin-Doktoren und Fernsehjournalisten haben sich darauf ihren Reim gemacht. Wir auch.

          7 Min.

          Warum wollen zwei Drittel der Wahlberechtigen das „TV-Duell“ nicht sehen? Weil sie sich schon entschieden haben? Davon kann keine Rede sein. Warum aber fragen weder Tina Hassel noch Bettina Schausten danach, warum vierzig Millionen Wählerinnen und Wähler das Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz nicht sehen wollen?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Vielleicht geht es darum, wie politische Themen im Fernsehen verhandelt werden. Man kann die Abstinenz von vierzig Millionen Bürgerinnen und Bürgern als Misstrauensvotum gegen die politischen Debatten-Formate des Fernsehens interpretieren. Im Jargon der Spielmacher ist das eine ultrafette Klatsche. Man widmet sich lieber den Dingen, die unter Kontrolle scheinen. Dazu gehört Häme über die peinliche Vorabmeldung (dank einer vorzeitig erfolgten Anzeigenschaltung), dass die SPD etliche Stunden vor dem Ende des Duells Martin Schulz zum Gewinner erklärt.

          Misstrauensvotum gegen das Fernsehen

          Der Raum für den Herausforderer war eng. Wie würde Schulz die Balance zwischen Angriff und Respekt wahren, wie seine eigenen Themen nach vorne bringen? Und welcher Freudsche Fehlleistungsteufel bewegt das ZDF dazu, Frau Merkel zur Titelverteidigerin zu erklären? Das Bild benutzt den sportlichen Wettkampf als Vergleichsmaßstab für das politische Geschäft. Man kann mit guten Gründen Ausdauer, Sitzfleisch und langen Atem zu Sekundärtugenden von Berufspolitikern erklären. An diesem Abend steht nur etwas anderes im Mittelpunkt, nämlich die Frage, wie in 95 Minuten ein Verständnis konkurrierender Politikkonzepte zustande kommt oder nicht.

          Auch diese Frage scheint die Gastgeberinnen der Berliner Studios nicht zu interessieren. Sie beseelt Sehnsucht nach etwas Überraschendem, obschon sie aufgrund ihrer beruflichen Beobachtungen so etwas so gut wie ausschließen könnten. Die Sehnsucht beleuchtet insgeheimen Verdruss am Gegenstand ihrer Berichterstattung.

          Ein imaginärer Boxring

          Dass Schulz „angeschlagen in die Runde geht“, „den Haken setzt“, „Merkel zur Seite tänzelt“, solche Bilder verwandeln das TV-Studio in Adlershof in einen imaginären Boxring, den es nicht nur aus Fairnessgründen gar nicht geben darf. So verwandeln sich die Vorabberichte und Einspieler in bloße PR für die kommende Sendung. Wer aber PR betreibt, ohne ein Gespür für den Bedeutungsraum der eigenen Worte zu zeigen, zerlegt das eigene Produkt, noch bevor es an die Frau oder den Mann gebracht werden kann. Es geht um Argumente, um konkurrierende politische Ideen und Konzepte.

          Michael Spreng, 2002 Edmund Stoibers Berater, setzt im Gespräch mit Tina Hassel darauf, dass Schulz den direkten Dialog mit der Kanzlerin sucht und so dem starren Reglement der Debatte etwas Spielerisches hinzufügt. Er erinnert an das ungefähre Reden der Kanzlerin. Klare Hauptsätze seien nicht ihre Stärke. Ein Einspieler zeigt Frau Merkel bei einer Kundgebung in Bitterfeld. Das erinnert an eine Szene mit Helmut Kohl, der in Halle nur mit Mühe davon abgehalten werden konnte, auf randalierende Eierwerfer loszugehen. Frau Merkel schafft es von der Bühne aus, mit Worten Distanz zu Pöblern herzustellen.

          Was Generalsekretäre sagen, weiß jeder

          Was die Generalsekretäre Heil und Tauber vor und nach der Sendung zu sagen haben, ist so vorhersehbar wie uninteressant. Warum verschwendet man die Zeit des Publikums damit? Das gilt auch für Doppelinterviews mit Dietmar Bartsch, dem Fraktionsvorsitzenden der Linken im Bundestag, und mit Michael Kellner, dem Bundesgeschäftsführer der Grünen. Die beiden scheinen schon vor dem Duell zu wissen, wie es ausgehen wird. Bartsch sieht lieber das Endspiel der Volleyballer, Kellner vermisst den Klimaschutz als Thema. Weil weder Frau Merkel noch Herr Schulz in der Stunde vor dem Duell darauf erpicht sind, den Telerat von Bartsch und Kellner zu suchen, stellt sich die Frage, welcher Logik diese Doppelinterviews folgen. Die Antwort ernüchtert: Sie beachten den Proporz und machen ihn zugleich egal. Sie geben den Grünen und den Linken Gelegenheit, ihren Gospel loszuwerden. Das war es dann. Schade!

          Weder Frau Hassel noch Frau Schausten beleuchten die politischen Kampagnen der Union und der SPD. Dass die Union symbolisch entleert mit Herzchen und Raute für ihre Spitzenkandidatin wirbt und Martin Schulz sich für seine Themen abrackert, reicht nur zu oberflächlichen Einspielern von Kundgebungen.

          Im „heute journal“ zählen am Ende nicht die Halbzeitwerte der Forschungsgruppe Wahlen, sondern die Gesamtbewertung von mehr als tausend Befragten. Erst einmal kommen mit Peter Dausend („Die Zeit“) und Robin Alexander („Die Welt“) zwei Beobachter zu Wort, die „ihre“ Kandidaten hochjubeln. Dausend sieht Schulz „auf Augenhöhe“ mit Merkel, Alexander bewertet Frau Merkel als souverän, konzediert Schulz Punkte in der Türkeikritik, hält ihm aber vor, die Parteilinie der SPD zu den EU-Beitrittsverhandlungen zu verlassen. Ob Schulz im Fall einer Niederlage Parteichef bleibt, hängt davon ab, wie er im Vergleich zu Steinmeier und Steinbrück abschneidet. Der sozialdemokratische „Blues der Vergeblichkeit“ (Dausend) wird ihm so oder so zu schaffen machen. Im Gespräch mit Vertretern der kleineren Parteien kritisiert Nicola Beer (FDP) zurecht, dass Bildung und Digitalisierung vernachlässigt worden seien. Zuschauerstimmen aus Freiburg, wo die Landeszentrale für politische Bildung ein „Public Viewing“ veranstaltet hat, klingen verhalten vage.

          „Wenn`s dicke kommt, wird einer von beiden Kanzler“

          Dass Angela Merkel oder Martin Schulz die Debatte gewonnen habe, davon kann schließlich nicht die Rede sein. Ein Befund sieht valide aus: der Kandidat hat aufgeholt. 51 Prozent der Befragten sagen, Schulz habe besser als erwartet abgeschnitten. Ein Achtungserfolg. Die Resonanz auf Twitter war erhellender als die Selbstreflektion bei ARD und ZDF: Jan Böhmermann twitterte: „Merkel leitet die Runde super. Schulz scheint auch zufrieden.“ Der Berliner Autor Bov Bjerg resümiert: „Wenn´s ganz dicke kommt, wird einer von den beiden Kanzler.“

          Eine Fernsehdebatte hat noch keine Wahl entschieden, nachfolgende Gesprächsrunden darüber auch nicht. Ansonsten hätte Donald Trump nicht die amerikanische Präsidentenwahl gewonnen. Die Fernsehdebatten mit seiner Konkurrentin Hillary Clinton hatte er nach Meinung der meisten Beobachter klar verloren. Insofern muss niemand befürchten, Anne Wills Nachbetrachtung des „TV-Duells“ könnte auf den Ausgang der Bundestagswahl einen messbaren Einfluss nehmen.

          Anne Wills Nachbetrachtung des „TV-Duells“ mit Franz Müntefering

          Aber solche Sendungen vermitteln einen Eindruck vom bisherigen Wahlkampf, der schließlich nicht zuletzt von den Erwartungen des Publikums geprägt wird. Diese leben nicht zuletzt von der Erinnerung an die bisweilen mit großer Erbitterung ausgetragenen Konflikte vergangener Zeiten. Man denke nur an die Schlachten um die Ostpolitik im Jahr 1972 oder die zwischen den Kanzlerkandidaten Helmut Schmidt und Franz-Josef Strauß acht Jahre später. Im Vergleich dazu ist dieses „TV-Duell“ eine nahezu harmonische Angelegenheit. Von „einem Feuerwerk“ ist nichts zu sehen, um das mit den Worten Thomas Gottschalks zu formulieren. Nur knallt es dann halt auch, zudem stinkt es infernalisch. Die Zuschauer erleben auch keine Schlammschlacht, wie man es aus amerikanischen Wahlkämpfen gewohnt ist.

          „Wann umarmen sich die beiden?“

          Der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wiest auf diesen Unterschied hin. Ihm gefällt an diesem Duell, wie bei uns noch mit „Anstand und Umgangsformen“ miteinander umgegangen wird, sagt er, um allerdings gleich die fehlende Polarisierung zwischen beiden Kontrahenten zu beklagen. Er habe sich in der ersten Stunde manchmal die Frage gestellt, „wann sich die beiden umarmen.“ Diese Gefahr bestand in den Vereinigten Staaten nicht. Dafür knallte und stank es.

          Thomas Gottschalk will bei einem solchen Duell mehr Feuerwerk.

          Man kann nicht beides haben: Gottschalks Feuerwerk und Guttenbergs Anstand mit den entsprechenden Umgangsformen. Nun spricht ein früherer CSU-Politiker auch immer vor seinem parteipolitischen Hintergrund. Die CSU braucht in Bundestagswahlkämpfen die Polarisierung, um als eigenständiger politischer Akteur wahrgenommen zu werden. Dieser Wahlkampf ist keineswegs so, wie es in dem „TV-Duell“ den Anschein hat. Die Berliner „Spiegel“-Korrespondentin Christiane Hoffmann spricht von dem einen Drittel der Wähler, das sich in diesem Duell nicht wiederfinde. Die Kanzlerkandidaten der Union und der SPD repräsentieren auch nicht mehr zwei rivalisierende politische Lager, die einst als „schwarz-gelb“ oder „rot-grün“ die Regierungsalternative darstellten. Die beiden Flügelparteien AfD und Linke haben diese Struktur längst aufgebrochen.

          Für Feuerwerk ohne Anstand ist die AfD zuständig

          Zudem muss die Bundeskanzlerin in diesem Wahlkampf eine neue Erfahrung machen. Sie polarisiert, anstatt von ihrem Image als gewissermaßen überparteiliche Vertreterin des gesunden Menschenverstandes zu profitieren. Diese Ablehnung ist nicht zuletzt für AfD-Wähler eine entscheidende Motivation. Dort ist das von Gottschalk vermisste Feuerwerk zu erleben, wobei Anstand und Umgangsformen wohl eher eine marginale Rolle spielen. Frau Hoffmann sprach von einer „latenten Wechselstimmung“ in Deutschland, die aber Martin Schulz bisher nicht für sich nutzen könne. Es ist auch noch nicht vergleichbar mit dem Überdruss an der Kanzlerschaft Helmut Kohls, die der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering erwähnt. Sie führte 1998 zum triumphalen Wahlsieg Gerhard Schröders.

          Trotzdem wird im „TV-Duell“ eben doch deutlich, was beide Parteien als das wahlentscheidende Thema definieren.

          Die Kanzlerin sieht sich als Krisenmanagerin in unruhigen Zeiten, wie es die Moderatorin Sandra Maischberger formulierte. Ihr Herausforderer muss dagegen deutlich machen, man habe es bei Angela Merkel mit einer unsicheren Kantonistin zu tun, deren Kurswechsel weniger der politischen Klugheit, sondern ihrer Unsicherheit zu verdanken seien. Nicht zuletzt deshalb fordert wohl Martin Schulz im „TV-Duell“ einen härteren Kurs gegenüber der Türkei. Überrascht wirkt vor allem die Kanzlerin, die am Ende durchaus Zweifel an ihrer bisherigen Linie aufkommen lässt. Wahrscheinlich wird das die Wahlen entscheiden: Wem die Deutschen mehrheitlich die Rolle des Krisenmanagers zutrauen.

          Das Nachspiel, das Claus Strunz zum „TV-Duell“ bei Sat.1 gestaltet, nennt sich „Fakten-Check“, ist aber von etwas ganz anderem bestimmt: sich der Bedeutung dieser Fernsehveranstaltung und seiner selbst zu vergewissern. Strunz steigt aus dem Ring, als sei er selbst einer der beiden Matadore gewesen und lässt sich fragen, was denn die entscheidenden Momente des „Duells“ gewesen seien. „Richtige Zankmomente“ will er erkannt haben, in denen Unterschiede zwischen Angela Merkel und Martin Schulz kenntlich geworden seien. Als distanzierter Beobachter würde man sagen, dass es sich bei diesen „Zankmomenten“ um das übliche, von den Kontrahenten jedoch sehr moderat vorgetragene Geplänkel handelt. Etwa, als es um die Rente mit siebzig geht, welche die Bundeskanzlerin ausschließt. Doch ist das wirklich ihr „Maut-Moment“? Scheint es nicht eher so, dass Merkel und Schulz sich an dieser Stelle an einem Punkt – der Maut, nicht der Rente - verhaken, der die Wähler im Augenblick eher peripher interessiert?

          Karl-Theodor zu Guttenberg ist stolz, dass ein solches Duell in Deutschland mit Anstand geführt wird.

          Mit der Einschätzung, dass dieser Abend der wichtigste in der politischen Karriere von Martin Schulz gewesen sein könnte, mag Claus Strunz hingegen Recht behalten. Der Kanzlerkandidat der SPD scheint schließlich angestrengt fokussiert, auch wenn er bei jeder zweiten Frage nicht umhin kann, die nicht vorhandenen Unterschiede zur Bundeskanzlerin zu unterstreichen. Michel Friedman wiederum, in dessen Einschätzungen der „Fakten-Check“ von Sat.1 besteht, wird auf seine erfahrenen Tage als Fernsehkommentator immer weniger aufgeregt und – klüger.

          „Das Land sehnt sich nach einer großen Koalition“

          So kommt ihm angesichts der Ergebnisse der Instant-Umfragen, die auch Sat.1 aufbietet – sie verkünden ein Unentschieden zwischen Merkel und Schulz – in den Sinn, dass sich die Wähler in Wahrheit doch nach der großen Koalition sehnen, die angeblich niemand haben will, und dass Martin Schulz einen sehr guten Vize-Kanzler abgäbe. Beruhigend sei auch, dass keiner der Kandidaten auf populistische Parolen und Ausflüchte setze und auch dies bei den Wählern gut ankomme: „Das Land sehnt sich nach einer große Koalition, die Mehrheit der Gesellschaft will keine Polarisierung“, sagt Friedman und stellt sich vor, dass – wäre er gerade vom Mars gekommen und würde sehen, worum es in diesem Land geht -, er sich dächte: „Mein Gott, sind das kleine Probleme.“ Doch ist Friedman auch der „Maut-Moment“ von Martin Schulz nicht entgangen: Er hat die Frage nach einer möglichen rot-rot-grünen Koalition schlicht ignoriert.

          Friedmans Fazit ist nicht das schlechteste an diesem Abend: „Ich habe heute eine Koalitionsverhandlung gesehen“, sagt er. Dem „Duell“-Mitmoderator Peter Kloeppel von RTL indes möchten wir bei seiner Schlussbemerkung, die er ins Mikro sagt, als schon der Abspann läuft, ausdrücklich nicht beipflichten: „Wir hätten nächsten Sonntag auch Zeit für ein zweites Duell“, sagt er. Das braucht niemand. Wir haben am nächsten Sonntagabend etwas anderes vor.

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