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TV-Kritik „Tatort: Fegefeuer“ : Geiselnahme in der „Tagesschau“

Henrik Lütten (Niels Bruno Schmidt) leitet einen Polizeieinsatz im Fernsehstudio. Bild: NDR/Gordon Timpen

Ist es eine gute Idee, den „Tatort“ mit einem Verbrechen in dem Studio beginnen zu lassen, in dem kurz zuvor die Nachrichten der ARD verlesen wurden? Der Krimi mit Til Schweiger, der wegen der Anschläge von Paris verschoben wurde, treibt ein gewagtes Spiel mit der Realität.

          Jetzt wissen wir, warum die ARD den „Tatort“ mit Til Schweiger verschoben hat. Die Episode „Fegefeuer“ beginnt mit einer Geiselnahme – im Studio der „Tagesschau“. Wo eben noch Jan Hofer die letzte Meldung verlas und zur Wettervorhersage überleitete, schaut nun Judith Rakers in die Mündung einer Kalaschnikow. Nur der Vorspann des „Tatorts“ trennt die Szenen - auf den die Krimimacher ursprünglich verzichten wollten. Von der Idee nahmen sie zum Glück Abstand.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Mit Judith Rakers gerät die „Tagesschau“-Redaktion in die Hände einer bewaffneten Gruppe, die angibt, dies sei eine Aktion des „tschetschenisch-islamischen Befreiungskampfs“. Die Forderung: Firat Astan, Chef eines kurdischen Kriminellen-Clans, soll ihnen übergeben werden. Den jedoch hat niemand anderes in Gewahrsam als der LKA-Beamte Nick Tschiller, dessen Ex-Frau gerade von Astan erschossen worden ist. Man muss nicht unbedingt annehmen, dass Tschiller es für sinnvoll hält, seinen Erzfeind den vermeintlichen Tschetschenen lebendig zu übergeben.

          Dass es sich bei diesen nicht um Islamisten handelt, ist relativ schnell klar. Sie gehören allerdings auch nicht zur russischen Mafia, sondern wohl eher zum Geheimdienst FSB, der bei Bedarf nicht nur gedungene Killer mit Drahtseil, sondern eine dem Sondereinsatzkommando der deutschen Polizei täuschend ähnliche Truppe per Hubschrauber absetzen kann, mitten in Hamburg. Bei dem Einsatz, um den es hier geht, sind alle Mittel recht. Es geht um den Hamburger Hafen, den Verkauf desselben an die Russen, und es geht um den erpressbaren Innensenator Revenbrook (Arnd Klawitter), der im Krisenstab sitzt und Befehle gibt, den Tschillers Kollegin Ines Kallwey (Britta Hammelstein) aber, als sie den Nachweis für seine Russen-Connection hat, unverblümt zum Rücktritt auffordert. Revenbrook springt jedoch lieber gleich vor laufenden Kameras über die Brüstung.

          Eine irre Odyssee

          Währenddessen kutschiert Nick Tschiller seinen Passagier Firat Astan, der den großen Deal verhindern könnte und deswegen als Faustpfand gebraucht wird, in einer irren Odyssee durch Hamburg und schießt sich den Weg mit einer Panzerfaust frei. Astan könnte Tschiller, Tschiller könnte Astan in dieser Nacht bei mehreren Gelegenheiten töten. Doch die beiden retten sich stattdessen gegenseitig und führen Männergespräche. Schließlich liefert Tschiller Astan halbwegs lebendig in Handschellen ab. Die Geiseln kommen frei. Suspendiert ist Tschiller, er soll auch den Schaden bezahlen.

          Seiner Tochter bringt er nun das Schießen bei, Firat Astan wird an die Türkei ausgeliefert. Für den nächsten Schweiger-„Tatort“, der schon in vier Wochen, am 4. Februar, nicht im Fernsehen, sondern im Kino läuft, dürfte somit für einen hinreichenden Spannungsbogen zwischen Hamburg, Istanbul und Moskau gesorgt sein. Im Kinotrailer jedenfalls sehen wir Nick Tschiller und seinen Kumpel Yalcin Gümer (Fahri Yardim) mit dem Mähdrescher durch die Moskauer Innenstadt fahren. Sie suchen einen Parkplatz.

          Klingt das überdreht? Unglaubwürdig? Von allen guten Geistern verlassen? So ist es. Mit Teil vier tritt die Tschiller-Astan-Saga, als welche der „Tatort“ mit Til Schweiger von Beginn an angelegt war, in das Stadium hollywoodesker Übertreibung ein. Kurdische Clans, türkische Clans, der russische Geheimdienst, ein korrupter Senator, eine Minderjährige, die zur Prostitution gezwungen wird und sich die Pulsadern aufschlitzt, eine eiskalte Killerin, die türkische Regierung, die einen Sündenbock für einen nicht aufgeklärten Anschlag braucht – alles hängt mit allem zusammen. Die Verschwörung, die sich der Drehbuchautor Christoph Darnstädt ausgedacht hat, kann gar nicht groß genug sein. Sie gerät ein wenig zu groß, so groß, dass man, während sich Nick Tschiller durch Hamburg ballert, bei den Erklärungen zur Sache, welche die Beteiligten nebenbei abgeben, endgültig den Überblick verlieren kann.

          Die Orientierung hätten die Zuschauer auch schon um 20.15 Uhr verlieren können, beim nahtlosen Umschalten von der echten „Tagesschau“ in das „Tagesschau“-Studio des „Tatorts“. Was den Krimimachern zunächst als famose Echtheitsanmutung in den Sinn gekommen sein dürfte, erschien bei der zunächst geplanten Ausstrahlung im vergangenen November in einem anderen Licht - nachdem islamistische Attentäter in Paris 130 Menschen ermordet und es bei ihrem Massaker darauf angelegt hatten, dass noch viel mehr Menschen bei der Liveübertragung des Fußballspiels zwischen Deutschland und Frankreich im Stade de France ums Leben kommen sollten.

          Eine Geiselnahme im Nachrichtenstudio – stundenlang live übertragen, Terroristen, die Menschen vor laufender Kamera eine Schusswaffe an den Kopf halten; während im Hintergrund die Polizei ihre Optionen wägt: Das ist das Szenario an diesem Abend, das zeigt, dass die Sache mit der gewollten Anbindung an die Realität angesichts der realen Nachrichtenlage schnell gefährlich werden kann und es sich plötzlich verbietet, damit zu spielen. Das dürften sich in Zeiten des Terrors künftig nicht nur die Macher des „Tatorts“ überlegen. An dessen Ende taucht dann auch noch Thomas Roth von den „Tagesthemen“ auf.

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