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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Der gewählte Dilettant

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Maybrit Illner Bild: Imago

Bei Maybrit Illner beginnt das Rätselraten über Trumps künftige Politik. Dass man nichts über ihn wisse, stimmt nicht. Trotzdem waren wohl selbst die Gründungsväter der Vereinigten Staaten auf einen solchen Fall nicht vorbereitet.

          Das Interregnum zwischen der Wahl eines amerikanischen Präsidenten Anfang November und seiner Amtseinführung am 20. Januar kommenden Jahres ist der Höhepunkt in jeder Legislaturperiode. Die viel geschmähte Hauptstadt Washington kommt dann richtig auf Touren. Alle möglichen Interessengruppen versuchen auf die neue Regierung Einfluss zu nehmen. Zudem sind tausende neue Jobs in der Regierung zu besetzen, wo die rechtzeitige Kontaktaufnahme wichtig ist. Der Höflichkeitsbesuch des kommenden beim scheidenden Präsidenten ist dagegen ein Protokolltermin, wo die Krawatten der Herren und die Kleider der Damen noch am Interessantesten sind. Letzterer ist schließlich schon längst zur lahmen Ente geworden.

          „Rassist und Sexist“

          So ist das normalerweise. Mit der Wahl von Donald Trump ist aber scheinbar nichts mehr normal. Denn anstatt im Washingtoner Getümmel fand sich Fred Kempe im Fernsehstudio von Maybrit Illner wieder. Kempe ist Präsident des „Atlantic Council“, einer Washingtoner Denkfabrik, wo aber sicherlich nicht nur gedacht wird. Er war neben der Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) der interessanteste Gast. Das Thema war „Trumps Triumph – Was steht auf dem Spiel?“

          Dazu gab es schon am Mittwoch eine unüberschaubare Zahl an Analysen, die die frühere Geschäftsführerin der Piraten bei Frau Illner dankenswerterweise zusammenfasste. So spart man sich wenigstens die mühsame Lektüre. Trump wäre ein „Rassist und Sexist“, so Katharina Nocun, dem man nicht den gut vorbereiteten Überwachungsstaat in die Hände geben dürfte. In der Tat sind das Befürchtungen, die sich mit Trumps Aussagen nur zu gut begründen lassen und die vor allem die Ängste besorgter Bürger vor einem Kontrollverlust der amerikanischen Demokratie ausdrücken. Das ändert aber nichts an der schlichten Feststellung, dass sogar ein Rassist und Sexist erst einmal regieren muss.

          Wie sich das Trump vorstellt, wird man in den Tagen bis zur seiner Amtseinführung erleben. Gestern Abend wurde allerdings deutlich, wie sehr der Wahlsieg Trumps aus der üblichen Washingtoner Routine herausfällt. Frau von der Leyen brachte ihre Irritation zum Ausdruck. Die frühzeitige Kontaktaufnahme, etwa bei wichtigen Verbündeten, war nämlich bisher die Praxis aller Präsidentschaftskandidaten. Man wollte damit rechtzeitig Irritationen vermeiden oder sich schlicht vorstellen. Von Trump, so die Verteidigungsministerin, war allerdings zu keinem Zeitpunkt etwas zu hören. Dafür hatte sein Wahlkampfteam Kontakte mit Russland, wie Moskau mittlerweile selbst bestätigt hat. Kempe nannte es „den größten Skandal, dass Russland auf Seiten Trumps interveniert hat.“ Der Skandal wäre aber nicht die Einflussnahme Moskau, sondern die Kollaboration eines Präsidentschaftskandidaten mit einer auswärtigen Macht. Leider wurde dieses Thema nicht weiter vertieft.

          „Was ein Präsident laut Gesetz darf und was nicht.“

          Niemand scheint Trump zu kennen. So meinte Frau von der Leyen seltsamerweise sogar, er wäre in Geschäftskreisen völlig unbekannt. Der in Amerika lebende Unternehmer Martin Richenhagen bestätigte zwar diesen Eindruck. Wer aber etwa die Trump-Biographie von Michael D'Antonio gelesen hat, kann das allerdings nicht bestätigen. Der gewählte Präsident der Vereinigten Staaten ist seit mindestens dreißig Jahre eine Person des öffentlichen Lebens. Es gibt wenige Menschen über die man soviel weiß. Trotzdem ist er als Politiker völlig unbekannt.

          So wurde in der Sendung deutlich, was das bedeutet. Kempe fragte als Kenner der Washingtoner Szene ernsthaft, wo Trump „bei den Menschenrechten und der Demokratie steht“. Und Richenhagen meinte, dieser müsse lernen und verstehen, „was ein Präsident laut Gesetz darf und was nicht.“ Es wurde tatsächlich über einen zukünftigen Präsidenten und nicht über den Moderator einer Fernsehshow geredet.

          Richenhagen sprach zudem von den „monarchischen Anwandlungen“ Trumps. Eine interessante Feststellung, die in den Vereinigten Staaten zu einer abermaligen Lektüre der „Federalist Papers„ führen sollte. Diese gehören zu den wichtigsten Gründungsdokumenten des Landes, die vor allem das System aus „Checks and Balances“ begründeten. Deren ausdrückliches Ziel war die Verhinderung solcher monarchischen Bemühungen eines potentiellen Despoten.

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