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TV-Kritik : Nahtloses Nichtwissen

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger und ihre Gäste Bild: WDR/Max Kohr

Was weiß man über die zukünftige Politik Donald Trumps? Sowohl beim Brennpunkt als auch bei Sandra Maischberger lautet die Antwort: fast nichts.

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          Die ersten Glückwünsche kamen aus Moskau und Paris. Marine Le Pen sieht nach dem Brexit mit Donald Trumps Wahlsieg einen weiteren Sargnagel in der alten Weltordnung, die sie gerne im nächsten Jahr als französische Präsidentin gänzlich zu Grabe tragen möchte. Putin gratulierte aus anderen Gründen.

          Der Präsident des Europäischen Parlaments spricht von einem Kulturkampf des Landes gegen die Städte und der Präsident der Europäischen Kommission freut sich diebisch über eine vergiftete Formulierung, die nichts Gutes verheißt: Niemand kenne Trump. „Wir werden ihn kennenlernen, er uns aber auch.“ Das klingt für die Verhältnisse eines Funktionärs aus dem Großherzogtum Luxemburg etwas starckdeutsch.

          Die Bundeskanzlerin spricht von verbindenden Werten zwischen Deutschland und Amerika: Demokratie, Freiheit, Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung. Auf der Basis dieser Werte bietet sie dem künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika enge Zusammenarbeit an. Ein kühler Willkommensgruß auf dem politischen Parkett. Er wäre noch kühler ausgefallen, wenn sie, was richtiger gewesen wäre, nicht von Werten, sondern von Prinzipien gesprochen hätte.

          Der Bundesaußenminister spricht vom Hassprediger und warnt vor Alleingängen, wenngleich die wenigen Andeutungen, die man von Trump bisher gehört hat, dazu führen könnten, dass sich einige europäische Länder sicherheitspolitisch bald allein gelassen fühlen könnten.

          Niemand kennt Leute aus Trumps engerem Umfeld. Das ist ungewöhnlich für Politiker, die aus Parteifamilien kommen, aber nachvollziehbar, weil ein Teil von Trumps erfolgreicher Strategie darin bestand, sich von wesentlichen Teilen der eigenen republikanischen Partei zu distanzieren. Immerhin kennt man drei Leute, die ihm verbunden sind: den angeschlagenen Gouverneur von New Jersey Chris Christie, den früheren Bürgermeister von New York Rudy Giuliani und Newt Gingrich, den einstigen Gegenspieler Bill Clintons.

          Kein richtiger Willkommensgruß

          Vorher an diesem langen Abend hatten Jürgen Trittin und Hans Ulrich Gumbrecht im Deutschen Theater an Churchills Satz erinnert, die Amerikaner täten immer das Richtige, nachdem sie alles Andere probiert hätten. Auch kein richtiger Willkommensgruß. Unstrittig scheint, dass der Wahlkampf das ohnehin seit langem gespaltene Land noch tiefer gespalten hat. Die erste kurze Rede Trumps entsprach der rhetorischen Pflicht, das Land zu einen. Ob er dieses Versprechen einlöst, bleibt abzuwarten. Auf dem Weg zur Bühne kam Trump an einem Journalisten von Al Jazeera vorbei, der ihm eine Frage stellen wollte, aber nur sehr barsch zu hören bekam, dass er nicht mehr im Geschäft sei.

          Am Abend nach der langen Wahlnacht klärt sich der Blick auf die Lage. Ina Ruck vom ARD-Studio in Washington resümiert Trumps Wahlkampagne. Welche Versprechen kann er einhalten? Wird er Handelsverträge kündigen? Spielt der Kongress mit? Schaffen die Republikaner Obamas Gesundheitsreform ab? Was wird mit der Mauer an der mexikanischen Grenze? Ist die Klimaschutzpolitik zum Scheitern verurteilt?

          Jörg Schönenborn resümiert, wer Trump gewählt hat: Seine Wähler würden von Abstiegsängsten geplagt. Sie bewerteten ihre wirtschaftliche Lage schlechter als die Wähler Hillary Clintons. Sie fühlten sich von Trump verstanden. Trump wirke emotional glaubwürdiger als Clinton. Erstaunlich ist, dass mit keiner Silbe auf die beiden Außenseiterkandidaten der Grünen und der Libertären eingegangen wird, deren Kandidaturen maßgeblich zur Niederlage Clintons beigetragen haben.

          Aus Harvard erzählt Cathryn Clüver ähnlich vage wie die deutschen Korrespondenten, dass man über die Trump-Agenda nichts Genaues sagen könne. Ob Trump seine Pläne im Kongress durchbekommt, ist trotz republikanischer Mehrheit in beiden Häusern keineswegs sicher.

          Trumps Leitidee „America first“ klingt etwas auftrumpfend, war aber schon immer Maßgabe amerikanischer Politik. Nicht einmal Henry Kissinger weiß etwas. Soviel zum gesammelten Nichtwissen am Ende eines ARD-Brennpunkts. Das gilt auch für Volker Schwenck aus Kairo. Ob Trump den Islamischen Staat in Grund und Boden bomben wird oder darauf setzt, dass Putin das auch alleine kann, bleibt ebenso abzuwarten.

          Merkel meldet Zweifel an

          Immerhin kommt die Bundeskanzlerin noch einmal zu Wort, als sie vorsichtigen Zweifel daran anmeldet, dass Menschen sich nicht mehr für Fakten interessierten. Wunder über Wunder: Nur vier Prozent der befragten Deutschen hätte Trump gewählt. 57 Prozent haben Sorgen um das deutsch-amerikanische Verhältnis. 80 Prozent glauben, dass Trump Amerika weiter spalten werde. So weit so schlecht.

          Sandra Maischberger übernimmt und begrüßt Thomas Roth, Oskar Lafontaine, Alice Schwarzer, den amerikanischen Autor Eric T. Hansen, die deutsch-amerikanische PR-Dame Nadja Atwal und Bild-Mann Julian Reichelt. Ist die Wahl Trumps eine Revolution? Um diese Frage zu beantworten, könnte man Lenins Definition heranziehen: wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen. Davon kann nach Trumps Erfolg keine Rede sein. Als Angehöriger des Establishments hat er die verbreitete Wut gegen das Establishment in Zustimmung für sich verwandelt. Frau Atwal ist darauf stolz, Thomas Roth besorgt. Oskar Lafontaine behauptet etwas vollmundig, die amerikanischen Wähler hätten die Schnauze voll von gekaufter Politik.

          Stellvertretend für viele Leute, die eine lange Nacht vor den Fernsehern verbracht haben, befiel Thomas Roth die Sorge vor einem Sieg Trumps, als Florida verloren ging. Trump habe die amerikanische Gesellschaft radikalisiert. Bild-Mann Reichelt vertritt die steile These, Trumps Erfolg sei Obama zu verdanken. Roth weist das unter Hinweis auf die republikanische Blockade und den Hass der Tea Party im Kongress zurück.

          Lafontaine bezeichnet Clinton als korrupte Terroristin

          Oskar Lafontaine erprobt wie ein in die Jahre gekommener Bühnenrecke die rhetorischen Formate seiner Partei für den nächsten Bundestagswahlkampf. Mit Clinton habe eine korrupte Terroristin verloren. Trumps Wähler hätten das politische System der Vereinigten Staaten insgesamt abgewählt. Das sehen die Kongressabgeordneten und Senatoren vermutlich anders.

          PR-Frau Atwal glaubt tatsächlich, Trump sei gegen das Establishment angetreten, weil sie die Kampagne mit der Wirklichkeit verwechselt. Roth widerspricht ihr scharf. Trump sei durch das Fernsehen, also mit den Medien und nicht gegen sie groß geworden. Dass zwei Tageszeitungen in New York  und in Washington sich für Frau Clinton aussprachen, als Manipulation durch die Medien zu brandmarken, hat auch nur wenig mit Realität zu tun. Unwirsch reagiert Atwal auf den Vorhalt, dass Trump auch vom Klu Klux Klan unterstützt worden sei, ein unerfreulicher Sponsor in einem Land, das in diesem Jahr einen Rückfall in die Rassenunruhen der 60er Jahre erlebt hat. Eric T. Hansen macht auf einen blinden Fleck in der amerikanischen politischen Kultur aufmerksam, von dem Trump profitiert habe. Weder Politik noch etablierte Medien interessieren sich für die ökonomischen Verlierer. Das gehe AfD-Anhängern in Deutschland ähnlich. Auch diese These wirkt nicht besonders belastbar.

          Lafontaine fühlt sich durch Hansen dazu ermuntert, weiter seine Wahlkampfrhetorik zu trainieren. Das große Geld sei mit der Wahl des Milliardärs abgewählt worden. Darauf muss mal erst mal kommen. Als Kronzeugen beruft er sich auf Jimmy Carters Zitat, die Vereinigten Staaten seien ein korruptes Oligarchensystem. Frau Atwal sekundiert mit ungebremstem Hass auf die demokratische Kandidatin, als befinde sie sich immer noch im Kampagnenmodus.

          Maßgeblicher seien, sagt Thomas Roth, andere Details, an vorderster Stelle die Bankenreform durch Bill Clintons Glass Steagall Gesetz, das zur Finanzkrise geführt habe, und das Citizens United Urteil des Obersten Bundesgerichts, das anonymen Spendergruppen riesigen Einfluss auf Politik und die Wahlkampffinanzierung ermöglicht hat.

          Wahlsieg Trumps undenkbar

          Warum unterschätzt Lafontaine die persönliche Macht des amerikanische Präsidenten? Barack Obama hat mit Executive Orders über sechs Jahre am Kongress vorbei regiert. Vor einem Jahr, meint Thomas Roth, sei ein Wahlsieger Trump noch undenkbar gewesen. Den Boden für seine Kandidatur hat die Radikalisierung der Tea Party bereitet. Trump konnte an den Parteigliederungen der Republikaner vorbei mit gnadenlosen Vereinfachungen Boden gewinnen, eine weitere Parallele zu europäischen rechtspopulistischen Parteien.

          Lafontaine erklärt ihren Erfolg mit einem Versagen der Sozialdemokratie und Sozialisten. Das Beispiel Frankreichs belege, dass die politisch heimatlos gewordene Arbeiterschaft inzwischen den Front National wähle. Ihre Interessen würden parteipolitisch nicht mehr repräsentiert. Die Rückkehr zum Nationalismus sei so erfolgreich, weil das Wohlstandsversprechen der Europäischen Union gebrochen worden sei. Hinzu kommt, wie Schwarzer einwirft, die wachsende Sorge vor dem politisierten Islam, sie sei Wasser auf den Mühlen der Rechtspopulisten, weil andere Parteien und die Medien darauf nicht eingegangen seien. Ein weiteres Mal widerspricht Thomas Roth dem einfach geschnitzten Feindbild. Natürlich hätten Journalisten bundesweit sich mit dem rechten Rand und seinen Ausläufern befasst, bis hin zu durchaus bedrohlichen persönlichen Erfahrungen.

          Anti-Typ Trump

          Welche Folgen hat die Wahl Trumps für das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Russland? Wird Trump die Beziehungen zu Russland verbessern? Putin wirkt persönlich geschickter als Trump, bei dem man noch gar nicht weiß, welche Interessen ihn tatsächlich bewegen. Ohne ernsthafte Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und Russland kommt es in Syrien nicht zum Frieden. Ganz vergessen scheint, dass es unter dem Präsidenten Medwedew beim G8-Gipfel 2009 in London schon eine weitreichende Wiederannäherung gegeben hat, die durch Putin abgebrochen worden ist. Ob das nur daran liegt, dass er ein ehemaliger Geheimdienstagent sei, wie Julian Reichelt behauptet, klingt eher zweifelhaft.

          Was wird aus der Westbindung? Ist Trump an guten Beziehungen zur EU interessiert? Maischberger erinnert an die gespannten Beziehungen zwischen Helmut Schmidt und Jimmy Carter, an Gerhard Schröders Konflikt mit George W. Bush. Die Beziehung zwischen Kanzlerin Merkel und Trump läuft abermals auf ein Konfliktmodell hinaus. Trump wirkt wie ihr Anti-Typ, bei dem man nicht weiß, worauf er hinauswill. In diesem Verhältnis, das noch keins ist, scheint Überheblichkeit nicht hilfreich zu sein, egal von welcher Seite. Vielleicht wirkt sich die Wahl Trumps, in letzter Minute, auf die europäische Union wie ein Segen aus, wenn sie, nicht nur in Antwort auf Trump, glaubhaft zu einer Idee fände, wofür sie künftig steht.

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