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TV-Kritik : Nahtloses Nichtwissen

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Aus Harvard erzählt Cathryn Clüver ähnlich vage wie die deutschen Korrespondenten, dass man über die Trump-Agenda nichts Genaues sagen könne. Ob Trump seine Pläne im Kongress durchbekommt, ist trotz republikanischer Mehrheit in beiden Häusern keineswegs sicher.

Trumps Leitidee „America first“ klingt etwas auftrumpfend, war aber schon immer Maßgabe amerikanischer Politik. Nicht einmal Henry Kissinger weiß etwas. Soviel zum gesammelten Nichtwissen am Ende eines ARD-Brennpunkts. Das gilt auch für Volker Schwenck aus Kairo. Ob Trump den Islamischen Staat in Grund und Boden bomben wird oder darauf setzt, dass Putin das auch alleine kann, bleibt ebenso abzuwarten.

Merkel meldet Zweifel an

Immerhin kommt die Bundeskanzlerin noch einmal zu Wort, als sie vorsichtigen Zweifel daran anmeldet, dass Menschen sich nicht mehr für Fakten interessierten. Wunder über Wunder: Nur vier Prozent der befragten Deutschen hätte Trump gewählt. 57 Prozent haben Sorgen um das deutsch-amerikanische Verhältnis. 80 Prozent glauben, dass Trump Amerika weiter spalten werde. So weit so schlecht.

Sandra Maischberger übernimmt und begrüßt Thomas Roth, Oskar Lafontaine, Alice Schwarzer, den amerikanischen Autor Eric T. Hansen, die deutsch-amerikanische PR-Dame Nadja Atwal und Bild-Mann Julian Reichelt. Ist die Wahl Trumps eine Revolution? Um diese Frage zu beantworten, könnte man Lenins Definition heranziehen: wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen. Davon kann nach Trumps Erfolg keine Rede sein. Als Angehöriger des Establishments hat er die verbreitete Wut gegen das Establishment in Zustimmung für sich verwandelt. Frau Atwal ist darauf stolz, Thomas Roth besorgt. Oskar Lafontaine behauptet etwas vollmundig, die amerikanischen Wähler hätten die Schnauze voll von gekaufter Politik.

Stellvertretend für viele Leute, die eine lange Nacht vor den Fernsehern verbracht haben, befiel Thomas Roth die Sorge vor einem Sieg Trumps, als Florida verloren ging. Trump habe die amerikanische Gesellschaft radikalisiert. Bild-Mann Reichelt vertritt die steile These, Trumps Erfolg sei Obama zu verdanken. Roth weist das unter Hinweis auf die republikanische Blockade und den Hass der Tea Party im Kongress zurück.

Lafontaine bezeichnet Clinton als korrupte Terroristin

Oskar Lafontaine erprobt wie ein in die Jahre gekommener Bühnenrecke die rhetorischen Formate seiner Partei für den nächsten Bundestagswahlkampf. Mit Clinton habe eine korrupte Terroristin verloren. Trumps Wähler hätten das politische System der Vereinigten Staaten insgesamt abgewählt. Das sehen die Kongressabgeordneten und Senatoren vermutlich anders.

PR-Frau Atwal glaubt tatsächlich, Trump sei gegen das Establishment angetreten, weil sie die Kampagne mit der Wirklichkeit verwechselt. Roth widerspricht ihr scharf. Trump sei durch das Fernsehen, also mit den Medien und nicht gegen sie groß geworden. Dass zwei Tageszeitungen in New York  und in Washington sich für Frau Clinton aussprachen, als Manipulation durch die Medien zu brandmarken, hat auch nur wenig mit Realität zu tun. Unwirsch reagiert Atwal auf den Vorhalt, dass Trump auch vom Klu Klux Klan unterstützt worden sei, ein unerfreulicher Sponsor in einem Land, das in diesem Jahr einen Rückfall in die Rassenunruhen der 60er Jahre erlebt hat. Eric T. Hansen macht auf einen blinden Fleck in der amerikanischen politischen Kultur aufmerksam, von dem Trump profitiert habe. Weder Politik noch etablierte Medien interessieren sich für die ökonomischen Verlierer. Das gehe AfD-Anhängern in Deutschland ähnlich. Auch diese These wirkt nicht besonders belastbar.

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