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TV-Kritik: Anne Will : Atlantikschwimmer, verlassen

  • -Aktualisiert am

Thema bei Anne Will (m.): „Staatsmann oder Sicherheitsrisiko – Kann Donald Trump Außenpolitik?“ Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Unter Anne Wills Gästen gab es keinen Verteidiger Donald Trumps, aber subtile Unterscheidungen, welche Konsequenzen die europäischen Staaten aus den Gipfeltreffen der letzten Woche ziehen sollen.

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          Herbert Achternbuschs Film „Die Atlantikschwimmer“ liefert das Zitat zur Beschreibung der Lage: „Du hast keine Chance, aber nutze sie.“ Dass sich Europa auf die eigenen Interessen besinnen solle, ist nicht erst seit dem November 2016 Gemeinplatz. Worin bestehen diese Interessen? Worüber sind die Europäer sich einig? Worin nicht? Plötzlich ist Amerika weit weg, der Atlantik zu groß für eine Brücke und die deutschen Exportüberschüsse werden auch von europäischen Partnern kritisch beäugt.

          Dass der amerikanische Präsident in seiner Rede vor dem Denkmal aus Trümmern des World Trade Centers die Beistandsverpflichtung nach Artikel 5 des NATO-Vertrags nicht bekräftigte, wirkt wie ein Fortfall der Geschäftsgrundlage. Die NATO wird deshalb kein Papiertiger. Sie verliert aber etwas Entscheidendes: das symbolisch Verbindliche. Das Sichverlassenkönnen wandelt sich zum Gefühl des Verlassenseins. Europa allein zu Haus. Die Partei Willy Brandts erweckt unterdessen den Eindruck, als befasse sie sich vorrangig mit der Inneneinrichtung des Landes, während die Kanzlerin die Dramatik nüchtern konstatiert. Die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft ist „ein Stück weit vorbei“.

          Ruppiger Trump

          Wer den amerikanischen Alltag kennt, wer wahrgenommen hat, wie höflich, wie freundlich, wie besorgt und wie besonnen Passanten auch in dichtem Gedränge die Gabe beherrschen, andere nicht anzurempeln, und wie besorgt sie wirken, wenn auch nur ein gegenteiliger Eindruck entstanden sein könnte, ohne dass eine Berührung stattgefunden hat, der kann sich ausmalen, wie Donald Trumps ruppiges Beiseiteschieben des Ministerpräsidenten von Montenegro in Amerika angekommen ist. Das Anfassen wirkt unfassbar, das rüpelhafte Verhalten nicht akzeptabel. Die Schockstarre wird durch das GIF der Szene nicht umgangen, sondern eher verlängert.

          Trump setzt auf das Bild, weil es eine Botschaft transportiert. Es ist vorbei mit dem „free lunch“ der europäischen Kostgänger. Der Rüpel bringt die Underdogs unter seinen Wählern zum Jubeln. Er vollzieht symbolisch die Selbstermächtigung des Pöbels, der sich im höchsten politischen Amt Amerikas angekommen sieht. Indem er diese Idee zulässt, zerstört Trump die Idee der repräsentativen Demokratie selbst. Interessenausgleich, Rücksicht, Diplomatie, Umgangsformen werden Schnee von gestern.

          Zu recht kontrastiert Christoph von Marschall, langjähriger Amerika-Korrespondent des Tagesspiegels, den Kontrast zum Auftritt Barack Obamas beim Kirchentag in Berlin. Trump sei politischer Novize. Er habe noch nicht begriffen, dass er infolge seines Amtes keine Macht mehr über das eigene Bild habe. Darüber bestimmten andere. Deshalb werde es langsam gefährlich für ihn. Für die amerikanische Philosophin Susan Neiman kommt Trump bei seinen Anhängern gut an. Sie sieht aber zunehmenden Widerstand im Land. Ältere Damen belagerten ihre Kongressabgeordneten. Town Halls verwandelten sich in Tribunale. Studenten nehmen die Tradition aus den sechziger Jahren wieder auf und engagieren sich für die Registrierung schwarzer Wähler.

          So geht es nicht mehr weiter

          Norbert Röttgen wundert sich nicht über Trumps Auftritt in Brüssel. Er sieht mit Zuversicht das System der Checks and Balances am Werk, das nun in Gang komme. Auch Republikaner im Kongress fühlten sich durch Trump peinlich berührt. Solche Wochen könne es nicht mehr viele geben. Gehe das aber so weiter, werde es nicht mehr weiter gehen. Das klingt wie eine chinesische Beschwörung.

          Der Historiker Michael Wolffsohn rechnet fest mit einem Impeachment, wenngleich so ein Verfahren sehr lange dauern werde. Warum hält Wolffsohn die Nahostreise Trumps für einen Erfolg? Die Bilder aus Saudi-Arabien sind bestenfalls bestürzend. Später relativiert Wolffsohn seinen Befund und prognostiziert, dass aus Saudi-Arabien infolge innenpolitischer Konflikte ein scheiternder Staat wie Libyen werden könne, mit zu vielen Waffen, die in die falschen Hände kommen können.

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          Klaus von Dohnanyi interpretiert Trumps Reisewoche als innenpolitischen Vorgang. Trump liefere, was er versprochen habe. Problematisch findet er die Rolle des NATO-Generalsekretärs. Jens Stoltenberg hätte nach Trumps Rede in Brüssel sofort zurücktreten müssen. Er habe es nicht einmal fertig gebracht, eine Diskussion herbeizuführen. Dass Trump den Iran quasi in die Ecke stelle, wiederhole Fehler der amerikanischen Außenpolitik. Die Debatte über außen- und sicherheitspolitische Folgen von Trumps Politik für Deutschland und Europa will von Dohnanyi aus dem Wahlkampf heraushalten, ein erstaunliches Plädoyer, das die deutschen Wähler zu Unmündigen erklärt. Kanzlerin Merkel sagt in einem bayerischen Bierzelt dagegen, dass die Europäer ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen müssen. Das ist zwar vage formuliert, lässt aber die Entschlossenheit der Kanzlerin erkennen, genau darüber auch im Wahlkampf zu reden.

          Den Westen neu erfinden

          Die strategischen Differenzen zwischen Europa und Amerika beschreibt von Dohnany so kalt wie treffend. Amerika sei eine kontinentale Insel, weit weg von den Kriegsschauplätzen, während Europa für die Amerikaner Brückenkopf für Interventionen auf dem eurasischen Kontinent sei. Sein Plädoyer für Diskussionen in Freundschaft wirkt im Kontrast zu dem Befund etwas lahm.

          Norbert Röttgen fände ein Ende der transatlantischen Partnerschaft eine extrem schlechte Botschaft, geht dann aber sogleich über zur Geschäftsordnung, die geopolitischen Interessenunterschiede zu bestimmen. Er sieht die Herausforderung darin, den Westen neu zu erfinden. Ob es gelingt, die transatlantische Partnerschaft vor der Präsidentschaft Trumps zu retten? Das Undenkbare, hier wird es fühlbar.

          Gute Politik ist unberechenbar

          Michael Wolffsohn sieht die historische Zäsur, hält es aber für eine schwierige Aufgabe, die europäischen politischen Interessen zu definieren. Etwas schnippisch erinnert er daran, dass die Aufnahme der Sendung in einem TV-Studio in Berlin-Adlershof letztlich den Amerikanern zu verdanken sei. Wolffsohn hält die deutsche Öffentlichkeit für außen- und sicherheitspolitisch desinteressiert. Da mag er sich täuschen. Kurios, dass er die israelische Politik Europa als Vorbild empfiehlt. Israel sei zwar vital von den Vereinigten Staaten abhängig, habe aber seine Interessen selbst definiert und strategische Entscheidungen ohne Konsultationen mit den Amerikanern getroffen. Wolffsohn hält Unberechenbarkeit für ein wesentliches Merkmal guter Politik. Wie unberechenbar bewertet er die Lieferung von Waffen für über 100 Milliarden Dollar in ein Land, das sich infolge seiner innenpolitischen Konflikte in ein Pulverfass verwandelt?

          Der Ausblick wirkt düster. Es geht nicht um die Frage, ob „Trump Außenpolitik kann“. Es geht darum, ob Trump sein Versprechen am Tag der Amtseinführung in die Tat umsetzt. Er hat dem politischen Establishment den Krieg erklärt. Nun zeigt das Establishment – wie eine Wiederaufnahme aus Zeiten der Inquisition – seine Instrumente. Dass diese nur langsam zu wirken beginnen, könnte Trump als Einladung zu Abenteuern missverstehen. Kaum wahrscheinlich, dass er, wie Susan Neiman hofft, eines baldigen Tages einfach keine Lust mehr auf Politik hat und aus freien Stücken zurücktritt. Trump wirkt immer mehr wie eine Figur, die geführt wird. Nur wohin, das ist noch unklar.

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