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TV-Kritik: Anne Will : Europa grübelt, ob es Trump applaudieren darf

  • -Aktualisiert am

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Gespräch mit Anne Will. Bild: dpa

Anne Wills Gäste streiten über den Nutzen von Amerikas Militäraktion in Syrien. Verteidigungsministerin von der Leyen bezeichnet den Luftschlag als Warnschuss – und stößt damit auf Kritik.

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          Die Amerikaner melden sich mit widersprüchlichen Signalen zurück. Präsident Donald Trump tut, was er zuvor für Unsinn erklärt hat. Seine UN-Botschafterin hält es für möglich, sich mit Assad zu arrangieren – und behauptet eine Woche später das Gegenteil. Die Russen protestieren scharf, wussten aber vorher Bescheid und setzten ihre Luftabwehr auf syrischem Territorium nicht ein. Wenn die Amerikaner ein Zeichen setzen wollten und damit die Welt vor das Rätsel stellen, was es bedeuten soll, wittern Historiker Morgenluft. Wird der syrische Bürgerkrieg zum Ausgangspunkt eines neuen Großen Spiels? Sein Spielfeld wäre global. Wer mitspielt, scheint klar zu sein: die Vereinigten Staaten, Russland und China. Europa sitzt in der Loge und grübelt darüber, ob es applaudieren darf.

          Die Babys, deren Giftgastod Trump zur Rechtfertigung des Luftschlags erwähnte, erinnern an den Krieg von Präsident Bush dem Älteren gegen den Irak. Damals fabrizierte eine PR-Agentur die Falschmeldung, dass die Iraker in Kuwait Frühgeborene aus den Brutkästen gerissen hätten. In den Jammer über die Opfer des Giftgasangriffs auf die Stadt Khan Scheikhoun mischt sich ein Missklang.

          Ein Gruß aus der Küche

          In der Diskussion bei Anne Will zweifelt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nicht daran, dass der Giftgaseinsatz dem Assad-Regime zuzurechnen sei. Sie erinnert an die Resolution des UN-Sicherheitsrates von 2013, die bei einem abermaligen Einsatz von Giftgas mit einer robusten Antwort drohte. Völkerrechtlich robust aber konnte die Antwort nicht werden, weil Russland nicht mitspielte. Von der Leyen bezeichnet den Einsatz von 59 Marschflugkörpern als Warnschuss. Man könnte ihn auch als teures Getöse bezeichnen, mit welchem die Amerikaner sich zurückmelden, ohne dass darüber bereits auszumachen wäre, welche Ziele sie tatsächlich verfolgen.

          Botschafter a.D. John Kornblum seufzt darüber, dass es komplizierte deutsche Interessen gibt. Ihn hat die Intervention nicht überrascht. Er betrachtet den Luftschlag quasi als Gruß aus der Küche für die Gespräche zwischen den Außenministern Tillerson und Lawrow. Russland habe sich an der Seite Assads in eine Sackgasse manövriert und sei interessiert da raus zu kommen. Er erinnert an das Dayton-Abkommen, mit dem es unter seiner Beteiligung gelang, den Bürgerkrieg in Bosnien zu beenden.

          Jan van Aken, außenpolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, hat selbst Erfahrung als Biowaffeninspekteur der Vereinten Nationen. Er erinnert daran, dass in dem Bürgerkrieg verschiedene Gruppierungen auch Chemiewaffen des Regimes erobert haben. Er findet es falsch, erst zu bomben und dann Fragen zu stellen. Auch im Irak sei es manchen Offizieren gelungen, hier oder da eine Kiste mit Chemiewaffen beiseite zu legen.

          Der Historiker Michael Wolffsohn fragt, warum die russische Luftabwehr in Syrien die amerikanischen Tomahawks nicht abgeschossen hat. Er sieht darin das Vorzeichen eines Deals zwischen Amerika und Russland. Putin sei zu einer Verständigung bereit, wenn die Amerikaner im Gegenzug die Annexion der Krim und die russischen Interessen in der Ostukraine akzeptieren. Der Zeitpunkt des Luftschlags habe auch eine Botschaft an die Volksrepublik China gesandt, sich sicherheitspolitisch an einer Lösung der Krise um Nordkoreas Atomwaffen zu beteiligen.

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