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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Sondierungen mit Testosteron-Überschuss

  • -Aktualisiert am

Bei Maybrit Illner ging es auch um ein mögliches Jamaika-Bündniss Bild: ZDF/Jule Roehr

Drei mögliche Minister einer wahrscheinlichen Jamaika-Koalition prallten bei Maybrit Illner aufeinander. Die Sendung zeigte: Die Verhandlungen dürften äußerst hitzig werden.

          Die Bildung einer Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen wird von der Mehrheit der Bürger positiv gesehen. Auf diesen Folgeauftrag nach dem Wahlsonntag reagieren FDP und CSU etwas schwerhörig. Die SPD erweist der Demokratie einen Gefallen, indem sie sich in der Opposition erneuert und auf den Ernstfall einer Ablösung der Kanzlerin vorbereitet. Es wäre fatal gewesen, wenn sie abermals in eine große Koalition eingetreten wäre und damit der AfD die Rolle der Oppositionsführerin überlassen hätte.

          Wolfgang Kubicki gibt an diesem Abend den beinharten Zocker. Armin Laschet zeigt, wie viel er von Rita Süssmuth gelernt hat. Joachim Herrmann weiß offenbar nicht, dass er manchmal von den Kameras wie eine Grinsekatze im Großformat eingefangen wird. Sein Grinsen ist kontextfrei. Cem Özdemir spielt an diesem Abend einen etwas melancholischen Pater Brown, der auf die ersten Beichten seiner künftigen Partner wartet. Zu den Absurditäten der Lage gehört, dass Martin Schulz den Wahlkampf erst am Abend seiner Niederlage begann und dass die Kanzlerin die Verantwortung für ihre Fehler in Gottes Namen übernimmt.

          Her Majesty´s Most Loyal Opposition

          Natürlich hat niemand etwas falsch gemacht. Es wäre ein Kardinalfehler, so etwas zu gestehen. Wer um die politische Macht kämpft, sieht nur die Fehler der anderen. Armin Laschet findet es gut, dass die FDP wieder im Bundestag sitzt, auch wenn es, wie schon 2009, zu Lasten der Union gegangen ist. Gesine Schwan, Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, macht der Kanzlerin nicht zum ersten Mal den Vorwurf, über Alternativen zu ihrer Politik nicht zu diskutieren. Schwan beschreibt zutreffend die Rolle der Opposition, die jederzeit dazu bereit sein müsse, die Regierungsverantwortung zu übernehmen.

          Joachim Herrmann scheint ernsthaft zu glauben, dass der Verlust der CSU irreführenden Prognosen in der Woche vor der Wahl zuzuschreiben sei. Wolfgang Kubicki kann an diesem Abend vor Kraft nicht laufen und verhöhnt die Rolle der Opposition auf eine Weise, die weder ihm noch seiner Partei gut zu Gesicht steht. Wo sind die Nachfolger von Ralf Dahrendorf und Gerhart Baum in dieser Testosteron-FDP?

          CSU auf Schlingerkurs

          Für den Erfolg der AfD gibt es viele Erklärungen und naturgemäß keine Schuldigen. Sie hat von allen Parteien Stimmen gewonnen, am meisten aber von bisherigen Nichtwählern, wovor Wilhelm Heitmeyer in seinen Studien „Deutsche Zustände“ seit langem gewarnt hat. Die CSU hat in der vergangenen Legislaturperiode als regierende Oppositionspartei agiert, will daran aber nicht erinnert werden. Das spricht dafür, dass sie ihren Schlingerkurs fortsetzen wird.

          Joachim Herrmann steckt in einem Dilemma. In Bayern mag er als starker Politiker gelten. Im Bund ist er eine Schachfigur Horst Seehofers und wirkt auf die ihm zugedachte Rolle ebenso schlecht vorbereitet wie seine Parteifreunde Hans-Peter Friedrich, Alexander Dobrindt und Peter Ramsauer zuvor. Die Absicht der CSU, ihre „offene rechte Flanke“ zu schließen, ersetzt die Analyse, warum sie so hohe Verluste eingefahren hat, durch Kraftmeierei. Rechtsextreme bekämpft man aber nicht, indem man ihr Vokabular übernimmt.

          Wolfgang Kubicki betrachtet die AfD bloß als Stein im Schuh der Demokratie, keineswegs als Krise der Demokratie. Die Kommunikations- und Politikwissenschaftlerin Andrea Römmele nimmt die Medien gegen den Vorwurf in Schutz, sie hätten die AfD groß gemacht. Sie hätten bloß ihren Job gemacht, hart in der Sache und fair im Ton gezeigt, wofür die Partei stehe.

          Was die AfD als neuen Ton in den Bundestagswahlkampf eingebracht habe, sei ihr„Negative Campaigning“ gewesen. Darauf schienen die Medien schlecht vorbereitet gewesen zu sein und wirkten daher unfreiwillig als dessen Verstärker. Den Wahlkampf bewertet Römmele als inhaltsleer. Dass Merkel als Kanzlerin geschwächt sei, betrachtet sie als unvermeidliches Abnutzungsphänomen.

          Im Minenspiel hat Cem Özdemir an diesem Abend gewonnen, denn jetzt richtet sich sein versonnen melancholischer Blick auf Joachim Herrmann, als wollte er, fast brüderlich, ihm auf die Schulter klopfen und einen guten Heimweg wünschen. Neuwahlen hält Frau Römmele für unwahrscheinlich, das gelte auch für eine schwarzgelbe Minderheitsregierung.

          Es fehlt Vertrauen

          Dass in Illners Runde drei potenzielle Minister sitzen, macht die Lage nicht aussichtsreicher. Noch ist kein Vertrauen zueinander erkennbar. Die größten Hindernisse liegen aufgrund der Schwäche der CSU einstweilen im Verhältnis der Unionsparteien. Armin Laschet hat bei Rita Süssmuth auch die Kunst des vergifteten Kompliments gelernt. Er rühmt Seehofer als Verhandlungspartner und macht ihm Komplimente für das erfolgreich regierte Bayern.

          Die Kompromisslinien sind dennoch klar umrissen. Grüne und Liberale einigen sich schnell über ein Einwanderungsgesetz. Schwierig wird es in der Europapolitik. Christian Lindners Brandrede gegen Emmanuel Macron zielte auf Wähler aus dem einstigen Lucke-Flügel der AfD, muss daher nicht beim Nennwert genommen werden. Schwieriger wird es, wenn die CSU den Kurs ihres glücklosen Innenministers Hans-Peter Friedrich fortsetzen wollte und sich ähnlich taub für einen europäischen Interessensausgleich zeigt wie die Polen und Ungarn.

          Cem Özdemir mahnt, niemand könne Interesse daran haben, dass Macron scheitere. Frau Schwan sieht – bibelfest – in Lindners Rede einen Verstoß gegen das achte Gebot. Kubicki hält Macrons Rede zu 80 Prozent für vereinbar mit dem Programm der FDP. Nur die Wahnidee, dass Deutschland alles bezahlen solle, passt nicht ins weichgezeichnete Bild. Bei der CSU muss Manfred Weber noch einige dicke Bretter bohren, bis sie europapolitisch in Jamaika ankommt.

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