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TV-Kritik: „Maischberger“ : Repression als Geschäftsmodell?

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger (Mitte) diskutiert mit Gästen in ihrer Sendung am 22. März 2017 über das Thema „Cannabis und Kokain: Sollen Drogen freigegeben werden?“ Bild: WDR

Welchen Nutzen hat eine liberale Drogenpolitik? Hilft sie, Abhängigkeit und gesundheitliche Probleme zu vermeiden? Oder ist Repression wirksamer?

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          Es geht nicht um diese oder jene Substanz. Es geht auch nicht um die Mär von „Einstiegsdrogen“. Was sagt die Statistik des Bundeskriminalamtes von 1226 Drogentoten im Jahr 2015? Was unterscheidet diese Zahl von 200 Toten täglich wegen der Folgen des Alkoholmissbrauchs, was von 300 Toten täglich infolge von Tabakkonsum?

          Genuss hat Folgen. Das klingt trivial, ist aber alles andere als trivial. Wie gehen Politik und Gesellschaft mit dieser Frage um? Offenbar nicht so aufgeklärt, wie es möglich wäre. In Portugal, in Uruguay und in acht amerikanischen Bundesstaaten lässt sich beobachten, welche Folgen eine liberale im Unterschied zu einer repressiven Drogenpolitik hat. Die kontrollierte Abgabe von Cannabis lässt Steuereinnahmen sprudeln und trocknet das Geschäftsmodell von Kartellen aus. Es bleibt abzuwarten und zu prüfen, welche gesundheitlichen Folgen diese Freigabe für die Konsumenten hat, womit nicht, wie in Deutschland, nur schwerkranke Schmerz-, Krebs- und MS-Patienten gemeint sind, sondern auch gesunde volljährige Verbraucher.

          Das Gegenmodell dazu ist derzeit in den Philippinen zu beobachten. Präsident Rodrigo Dutarte eskaliert den Krieg gegen die Drogen durch Todeskommandos. Eines Tages wird das ein Fall für den Internationalen Strafgerichtshof sein.

          Ohnmacht in Kauf genommen

          Längst ist bekannt, wie der „war on drugs“ begann. John Ehrlichman, einer der Watergate-Klempner des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon, hat davon 1994 berichtet. Für die Wahl Nixons brauchten sie 1968 einen Trick gegen die Hippies, die gegen den Vietnamkrieg protestierenden Studenten und gegen die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Sie erfanden den Krieg gegen die Drogen. Fast 50 Jahre später sind die Folgen dieses Krieges zu besichtigen. Die Geschäftsmodelle der Kartelle florieren. Korruption blüht. Repression als alltäglicher Kleinkrieg der Polizei gegen Dealer und gegen die Beschaffungskriminalität kratzt fast folgenlos an der Oberfläche herum. So sieht in Kauf genommene Ohnmacht aus. Unerfreulich.

          Der Fernsehreporter Jenke von Wilmsdorff hat unter ärztlicher Aufsicht harte Drogen am eigenen Leib getestet. Ein Einspieler zeigt ihn im LSD-Rausch. Kein schönes Bild. Natürlich hatte er andere Bilder im Kopf, als sie beim Zuschauer ankommen. Er erfuhr, ärztlich begleitet, eine andere Seite seines Bewusstseins. Der Medizinjournalist Werner Bartens resümiert die Wirkung von LSD als Pegelmanagement körpereigener Glückshormone. Für die TV-Serie „Das Jenke-Experiment“ erprobte von Wilmsdorff in einem Langzeitversuch ganz unterschiedliche Drogen, unter anderem auch, welche Folgen ein über einen Monat konstanter Alkoholpegel von einem Promille hat. Die Reportagen waren aufschlussreich. In der freien Wildbahn des Drogenkonsums sind kontrollierte Bedingungen die Ausnahme. Wer Drogen konsumiert, tut das auch nicht als Stellvertreter eines TV-Publikums.

          Ein Schuss Heroin für die Redaktionskonferenz

          Jörg Böckem hat als Pauschalist für den Spiegel gearbeitet und war von Heroin abhängig. In der Mittagspause gab er sich auf der Redaktionstoilette den Schuss. Er beschreibt diese Erfahrung als brutalen Kraftakt. Es sei um eine Balance gegangen. Am Ende stand nicht mehr der Genuss im Vordergrund, sondern nur der Kampf gegen Angst, Schmerz und Verzweiflung. Haben Kollegen das mitbekommen? Vermutlich – so wie den rauchzart-frischen Atem der Alkoholiker. Man nimmt es wahr und schaut meist weg.

          In der Leistungsgesellschaft erfüllen die mit ärztlicher Verordnung verabreichten Drogen oder die bei Dealern besorgten die gleiche Funktion: dem Druck standzuhalten und performativ Hochleistung zu erbringen. Diese Drogenkarrieren haben wenig mit adoleszenten Drogen-Versuchen gemeinsam.

          Abgetragenes Glaubensbekenntnis

          Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) findet Aufklärung wichtig und erzählt von den drei Säulen Prävention, Repression, Hilfe und Beratung. Das klingt wie ein etwas abgetragenes Glaubensbekenntnis. Es weicht der Realität um den Preis aus, Fehler auf Dauer zu wiederholen, ein Ritual, das um keinen Preis in Frage gestellt werden darf. In Bayern gibt es die meisten Drogentoten in Deutschland, und da sind die Alkohol- und Nikotin-bedingten Todesfälle nicht mitgezählt.

          Der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan ist realistischer als Frau Huml. Er erklärt den Krieg gegen die Drogen für gescheitert. Repression fördere nur die Geschäftsmodelle der Drogen-Kartelle. Der Kriminalbeamte André Schulz gibt Annan recht. Die totale Repression sei de facto nicht durchzusetzen. Die Polizei bekämpfe bestenfalls Symptome. Die beschlagnahmten Mengen von ein paar hundert Kilo stehen in einem grotesken Missverhältnis zum Verbrauch von eins bis vier Tonnen täglich. Der Krieg gegen die Drogen verkommt zu einem Kleinkrieg gegen die Konsumenten. So heroisch lässt sich auch gegen Windmühlen kämpfen.

          Chronischer Optimierungsdruck

          Werner Bartens weitet den Blick. Was unterscheidet den Cellisten unter Betablockern, den Fahrrad-Profi mit EPO-Doping und den Viagra-gestählten Orgasmus vom schmutzigen Heroin-Schuss in der Bahnhofstoilette? Chronischer Optimierungsdruck hat seine Schattenseiten, von der Vorschule bis zum perfekten Sterben.

          Die zweifache Mutter Sabrina Kästner erzählt leider ziemlich glaubhaft von ihrer Crystal-Meth-Abhängigkeit. In ihrer Jugend habe sie alles ausprobiert, was ging und was eben da war. In Weimar gab es mehr, als ihr gut tat. Die fatale Wirkung von Freundinnen führt nun aber nicht zur Freundschaftsprävention. Am Ende habe sie nur noch schlafen wollen. Das ist der Teufelskreislauf mit Hermann-Göring-Pillen, Fliegermarzipan oder Hausfrauenschokolade, wie Crystal Meth früher genannt wurde.

          In die Drogenpolitik kommt erst Bewegung, wenn endlich zwischen Gebrauch und Abhängigkeit unterschieden wird. Die Gleichsetzung ist empirisch nicht haltbar.

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