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TV-Kritik: „Maischberger“ : Die doppelte Petry

  • -Aktualisiert am

Frauke Petry muss ihre neue Rolle erst noch finden. Bild: WDR/Max Kohr

Maischberger hatte mit Frauke Petry eine gescheiterte Parteivorsitzende zu Gast. Die hat nun Probleme mit ihrem Rollenverständnis: Einerseits argumentierte sie schon als früheres Mitglied, andererseits noch als AfD-Chefin.

          Die Bundesvorsitzende der drittstärksten Partei im Deutschen Bundestag kündigt ihren Austritt an. Außerdem noch der Landesvorsitzende des größten Landesverbandes, der zufälligerweise mit ihr verheiratet ist. Beide haben Doppelmandate. Sie sitzen in einem Landtag, außerdem noch im Bundestag oder im Europaparlament. Eine in der deutschen Parlamentsgeschichte wahrscheinlich einzigartige Konstellation. Das wäre ein guter Grund die betreffende Politikerin einzuladen, gerade in einer Talkshow. Nur sie einzuladen, ohne sich ernsthaft mit den Hintergründen dieses Vorganges zu beschäftigen, ist sinnlos.

          Kunst des Archäologen

          Das geschah gestern Abend. Frau Maischberger hatte Frauke Petry in der Sendung. Ein echter Knüller. Es kommt nicht jeden Tag vor, was am Montag nach der Bundestagswahl in der Bundespressekonferenz passierte. Dort erklärte die Bundesvorsitzende der AfD nach einem grandiosen Wahlsieg ihren Verzicht auf die Mitgliedschaft in der Fraktion. Einen Tag später zudem ihren beabsichtigten Austritt aus der Partei. Daraus ergeben sich viele interessante Fragestellungen. Etwa ob und wie dieser Austritt den Charakter dieser Rechtspartei verändert. Fällt sie jetzt endgültig den Rechtsradikalen in die Hände? Ist das der Beginn eines Erosionsprozesses oder konsolidiert sich diese Partei nach dem Ende eines monatelangen Machtkampfes? Darüber hätte man reden müssen. Die AfD sitzt schließlich mit dreiundneunzig Abgeordneten im Reichstag.

          Worüber man aber mit Frau Petry nicht reden muss, ist über das Thema dieser Sendung: „Wutwahl: Haben die Volksparteien ausgedient?“ Sie ist ohne den Rückhalt ihrer Partei keine relevante politische Akteurin. Und als Beobachterin ist sie ebenfalls ungeeignet. War sie doch bis zum Wahlabend eine der zentralen Protagonistinnen dieser sogenannten „Wutwahl.“ Entsprechende Schwierigkeiten hatte Frau Petry mit ihrem Rollenverständnis. Manchmal argumentierte sie als Repräsentantin ihrer früheren Partei, um anschließend als das frühere Mitglied aufzutreten.

          Das ist Frau Petry kaum vorzuwerfen. Frau Maischberger hatte nicht den Mut über das zu reden, worüber ihr Gast tatsächlich etwas zu sagen hat. Über ihre Erfahrungen mit der AfD und ihre Schlussfolgerungen aus einer gerade einmal vier Jahre alten Parteigeschichte. Dazu kam es aber nicht, weil Frau Maischberger darüber in Wirklichkeit gar nicht reden wollte. Hat sich doch in der öffentliche Debatte eine bizarre Logik breit gemacht. Nämlich der AfD nicht zuviel Aufmerksamkeit zu widmen, obwohl man gleichzeitig deren Einzug in den Bundestag als eine historische Zäsur begreift. Das ist zwar unlogisch, aber dokumentiert die Hilflosigkeit im Umgang mit der AfD.

          Immerhin konnten sich die Zuschauer in der Kunst des Archäologen üben, um sich aus lauter Bruchstücken ein Bild zusammenzusetzen. So kritisierte Gregor Gysi den Zeitpunkt der Bekanntgabe des Parteiaustritts als Wählertäuschung. Das wäre ein Beitrag zur grassierenden Unglaubwürdigkeit der Politik. Gysi setzt damit aber ein gewisses Vertrauen in eine Politikerin wie Frau Petry voraus. Das hört sich aus der Perspektive eines linken Politikers fast schon verwegen an. Hält er doch deren Partei für „rassistisch und nationalistisch“. Insofern sollte sich der Missmut über den Glaubwürdigkeitsverlust des AfD-Führungspersonal in engen Grenzen halten.

          Überzeugender war eine andere Feststellung Gysis. Frau Petry hätte erst den früheren AfD-Vorsitzenden Bernd Lucke „weg gemobbt“, nur damit ihr zwei Jahre später das gleiche passierte. Frau Petry sah die Gründe für die Differenzen mit Lucke bezeichnenderweise nicht in den programmatischen Unterschieden, womit dieser Machtkampf wohl anders erklärt werden muss. Wichtiger waren allerdings die Anmerkungen des früheren Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi (SPD). So fragte er Frau Petry etwa nach der Programmatik ihrer früheren Partei. Was sie davon immer noch für richtig hielte. Sie nannte als Kritikpunkt etwa deren in Teilen  „sozialdemokratisches“ Verhältnis zum Sozialstaat. Nur geht es gar nicht um die am Sonntag arg gerupfte Sozialdemokratie. Petrys Rivale Alexander Gauland verteidigte den konservativen Sozialstaat schon immer vor den Zumutungen der Globalisierung. Gauland ist gerade kein Wirtschaftsliberaler wie Lucke, sondern kommt aus der Tradition des klassischen deutschen Konservativismus.

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