https://www.faz.net/-gsb-7oezc

TV-Kritik: Hart aber fair : Lieber tot als ein Pflegefall

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Plasberg sprach mit seinen Gästen über die Versorgung im Alter, da kam schnell die Angst auf. Ein Gast sinnierte über den Freitod, um die Angehörigen nicht zu belasten. Nur eine Altenpflegerin versuchte zu beruhigen, mit mäßigem Erfolg.

          Während über die „Mütter-Rente“ und die „Rente mit 63“ erbittert gestritten wird, ist die Leistungsausweitung bei der Pflegeversicherung kein Thema. Niemand stellte gestern Abend bei Plasberg das angehobene Leistungsniveau in Frage oder warnte gar vor der Überforderung der Jugend. Der Titel wirkte schon im Vergleich zur Rentendebatte fast schüchtern statt provokant: „Die teure Reform - macht mehr Geld die Pflege besser?“

          Wer fragte schon in den Talk Shows der vergangenen Wochen, ob „mehr Geld die Rente besser macht?“ Dabei sind die Ausgaben in der Pflegeversicherung volkswirtschaftlich nicht anders zu bewerten als die Rente. Sie gelten als Konsumausgaben. Höhere Einkommen, ob nun für Rentner, pflegende Familienangehörige oder professionelles Pflegepersonal, haben in unserem Sozialstaat alle die gleiche Konsequenz. Sie müssen vom Beitragszahler finanziert werden. Ein erstaunliches Phänomen.

          Ein geruhsamer Abend für den Minister

          Die größten Kritiker der Rentenerhöhungen erwarten allerdings zumeist die höchsten Alterseinkommen, sie sind von einem niedrigen Rentenniveau daher nicht betroffen. Den Nutzen der Leistungserhöhungen haben vor allem die Anderen. Die Pflegeversicherung wirkt dagegen offenbar als Angst vor der alternden Gesellschaft wie eine Art Gleichmacher. Jeder kann zum Pflegefall werden oder von einem in der Familie betroffen werden. Das Thema ist heute mit Hilflosigkeit und Überforderung assoziiert, wo es früher noch weitgehend als Privatsache tabuisiert worden war, worauf der Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hinwies. Diese Angst macht großzügig und lässt den Verteilungskampf in den Hintergrund treten. Beim Rentner wird aber kulturell wohl weniger an „Lebensleistung“ gedacht als an die fidelen Senioren, die ihren dritten Jahresurlaub auf Mallorca verbringen.

          Das verschaffte dem Minister einen recht geruhsamen Abend, ohne viel Kritik, und dem Zuschauer eine gute Sendung. Er bekam tatsächlich die Gelegenheit, sich nicht um das Geld zu sorgen, sondern sich mit der Situation der Menschen zu beschäftigen, die Angehörige pflegen. Etwa die Journalistin Martina Rosenberg, die über Jahre ihre Eltern betreute, und schonungslos ihre Überforderung schilderte. Es seien die „kleinen Dinge, die einen kaputt machen“ und in dieser Situation habe man einfach nicht mehr die Kraft, mit der Pflegebürokratie über jede zusätzliche Leistung zu streiten. Geert Müller-Gerbes, als Fernsehmoderator legendär mit seinen Sendungen über den Kundenservice der Telekom geworden, war vor 40 Jahren Pressesprecher des damaligen Bundesministeriums für Familie, Jugend und Gesundheit gewesen. Seine Broschüre „Kindergeld – Dein gutes Recht!“ habe das Ziel gehabt, den Menschen den Zugang zu dieser Sozialleistung zu erleichtern. Der Minister, so Müller-Geerbes, habe damals darauf geantwortet: „Besser sie wissen es nicht.“

          Pflegereform wird zu mehr Bürokratie führen

          Dieses Problem ist keineswegs von gestern, worauf Heike Nordmann hinwies. Sie ist Pflegeexpertin am „Kuratorium Deutsche Altenhilfe“. Frau Nordmann dokumentierte jenen bis heute wirksamen Widerspruch zwischen formalrechtlichen Leistungsansprüchen und tatsächlich in Anspruch genommenen Leistungen in der Pflegeversicherung. Gröhe versprach sogleich Transparenz. Heute werde er seine Vorschläge zur Entbürokratisierung der Pflegeversicherung sogar ins Internet stellen. Aber solche Debatten gab es auch schon vor 40 Jahren. Warum sie immer folgenlos bleiben, wurde gestern Abend deutlich. Die von allen Diskussionsteilnehmern befürwortete Pflegestufenreform wird nämlich bei fünf statt wie heute drei Pflegestufen mehr Regelungsbedarf bedeuten und nicht weniger. Und das ist am Ende die Bürokratie, die in wenigen Jahren wieder von allen im Lande beklagt werden wird. Dass man das alles heute im Internet lesen kann, anstatt in den früheren Loseblattsammlungen, ist wirklich der einzige Fortschritt.

          Die Bürokratieschelte ist, höflich formuliert, unehrlich. So wurde gestern Abend wieder bei Plasberg das alte Thema der finanziellen Gleichstellung der häuslichen mit der professionellen Pflege angesprochen. So von Frau Rosenberg oder Frau Nordmann. Das mag zwar ungerecht sein. Nur glaubt jemand ernsthaft, dass nach einer solchen Gleichstellung die familiäre Pflege nicht nach den gleichen Maßstäben beurteilt werden muss, wie die von Pflegediensten oder Heimen? Wer Familienangehörige in Angestellte der Pflegeversicherung verwandelt, sollte sich die Konsequenzen klarmachen. Die Medien, und die Talk Shows mit ihrer besonderen Schlagkraft an erster Stelle, werden nicht mehr die Überforderung der Familienangehörigen thematisieren. Vielmehr wird dann die Vernachlässigung von Pflegebedürftigen diskutiert werden. Am Ende müssen die von der Pflegeversicherung besoldeten Familienangehörige eine zweijährige Ausbildung nachweisen, um überhaupt noch pflegen zu dürfen. Schließlich wird noch die zunehmende Bürokratie beklagt werden. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.

          Gröhe deutete es nur an. So mutig ist die Politik dann doch nicht. Aber wer Familienbeziehungen zuerst monetarisiert und schließlich professionalisiert, wird von der klassischen Familie als personale Verantwortung der Generationen nichts übrig lassen. Allein diese kommt ohne Bürokratie aus. Das gilt übrigens auch für die von Frau Nordmann befürworteten Pflegekonzepte in „Nachbarschaften“ und städtischen „Quartieren“. Der Sozialstaat wird sozialrechtlichen Regelungsbedarf erzeugen. Und das bürgerschaftliche Engagement wird sehr schnell an die gleichen Grenzen stoßen, die heute schon Millionen Menschen in ihren Familien erleben.

          So war es kein Wunder, dass ein Unternehmer aus der Altenheimbranche wie Bernd Meuren den klarsten Blick für diese Verhältnisse bewies. Seine Arbeit ist nur unter der Prämisse bürokratischer Verfahren möglich. Meuren stellte dem Zuschauer aber eine einfache Frage. Ist dieser bereit eine im Vergleich zu stationären Unterbringung dreimal so teure häusliche 24-Stunden Betreuung zu zahlen? Plasberg ließ diese Frage nicht wirken, obwohl jeder die ökonomischen Konsequenzen solcher Betreuungsmodelle kennen muss. Aus der Sicht der Betroffenen sind sie häufig wünschenswert, aber dann muss die Gesellschaft auch bereit sein, die Kosten zu übernehmen. Ansonsten verfällt die Politik auf die von Müller-Gerbes geschilderte Logik, bürokratische Restriktionen als Kostendämpfung zu missbrauchen.

          Terminologie der Angst

          Das Thema Pflege ist mit Angst besetzt. So war es kein Zufall, wenn sich am Ende eine Art Konsens bildete. Niemand wollte seinen Angehörigen zur Last fallen. Sie zu den Opfern zwingen, die bis heute vor allem Frauen bei der Pflege ihrer Angehörigen bringen müssen. Der Verlust an Lebensqualität ist für die heutigen Generationen zum Opfer geworden, weil sie im Gegensatz zu ihren Eltern und Großeltern mehr von ihrem Leben erwarten. So schien die Ankündigung von Müller-Gerbes, den Freitod des Ehepaars von Brauchitsch als Vorbild zu betrachten, nur konsequent. Er will den vier Söhnen nicht zur Last fallen oder einer professionellen Betreuung ausgeliefert sein. Trotzdem ist diese Sichtweise zugleich erschreckend. Da wurde eine junge Frau namens Josephine Gansera zum Hoffnungsschimmer. Sie ist 26 Jahre alt, arbeitet in Lüneburg als Altenpflegerin. Ihr Gehalt ist mäßig. Sie bekommt wohl auch weniger Massagen als ein gestresster TV-Moderator.

          Plasberg nannte sie „bescheiden“. Das mag so sein, wenn auch Talkshow Gastgeber kein Maßstab für das Gehaltsgefüge in Deutschland sein können. Aber sie war vor allem der einzige Gast, der nicht in der Terminologie der Angst über die Pflege redete. Wie sagte es ein Passant in einem Einspieler?  „Man muss wissen, was wichtig ist im Leben.“ Es ging um die Frage, ob man für die Pflege eines Angehörigen seine Karriere aufs Spiel setzen würde. Darin könnte jene Lebensqualität zu finden sein, die ansonsten immer bedroht erscheint. In der Bürokratie des Sozialstaates wird man die Antwort darauf nicht finden. Auch der Sozialstaat hat seine Grenzen.

          Weitere Themen

          Showdown um Europa

          F.A.Z.-Sprinter : Showdown um Europa

          In Straßburg geht Ursula von der Leyen heute aufs Ganze. In der Türkei wird derweil der Prozess gegen Deniz Yücel fortgesetzt. Und der Mond hat am Abend auch noch einen speziellen Auftritt. Was sonst noch wichtig ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Papa kommt mit

          Südafrika : Papa kommt mit

          Obwohl er schwer dement ist, reist eine Tochter noch einmal mit dem Vater um den halben Globus – zum Glück!

          Topmeldungen

          Müssen sich auf Reformen einigen: Luigi Di Maio und Matteo Salvini im Februar in Rom

          Italiens Regierung : Salvini droht mit vorgezogenen Wahlen – mal wieder

          Italiens Innenminister steht wegen der Affäre um mögliche Parteispenden aus Russland unter Druck – und bedrängt nun seinen Koalitionspartner. Es sei noch genügend Zeit, das Parlament aufzulösen und nach der Sommerpause neu zu wählen.

          Bayern München : Die klare Botschaft des Manuel Neuer

          Dortmund hat kräftig aufgerüstet. Die Bayern indes kommen auf dem Transfermarkt nicht so richtig voran. Torwart Manuel Neuer sieht das gelassen – und verrät, welches besondere Ziel die Münchner antreibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.