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TV-Kritik: Hart aber fair : Lieber tot als ein Pflegefall

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Die Bürokratieschelte ist, höflich formuliert, unehrlich. So wurde gestern Abend wieder bei Plasberg das alte Thema der finanziellen Gleichstellung der häuslichen mit der professionellen Pflege angesprochen. So von Frau Rosenberg oder Frau Nordmann. Das mag zwar ungerecht sein. Nur glaubt jemand ernsthaft, dass nach einer solchen Gleichstellung die familiäre Pflege nicht nach den gleichen Maßstäben beurteilt werden muss, wie die von Pflegediensten oder Heimen? Wer Familienangehörige in Angestellte der Pflegeversicherung verwandelt, sollte sich die Konsequenzen klarmachen. Die Medien, und die Talk Shows mit ihrer besonderen Schlagkraft an erster Stelle, werden nicht mehr die Überforderung der Familienangehörigen thematisieren. Vielmehr wird dann die Vernachlässigung von Pflegebedürftigen diskutiert werden. Am Ende müssen die von der Pflegeversicherung besoldeten Familienangehörige eine zweijährige Ausbildung nachweisen, um überhaupt noch pflegen zu dürfen. Schließlich wird noch die zunehmende Bürokratie beklagt werden. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.

Gröhe deutete es nur an. So mutig ist die Politik dann doch nicht. Aber wer Familienbeziehungen zuerst monetarisiert und schließlich professionalisiert, wird von der klassischen Familie als personale Verantwortung der Generationen nichts übrig lassen. Allein diese kommt ohne Bürokratie aus. Das gilt übrigens auch für die von Frau Nordmann befürworteten Pflegekonzepte in „Nachbarschaften“ und städtischen „Quartieren“. Der Sozialstaat wird sozialrechtlichen Regelungsbedarf erzeugen. Und das bürgerschaftliche Engagement wird sehr schnell an die gleichen Grenzen stoßen, die heute schon Millionen Menschen in ihren Familien erleben.

So war es kein Wunder, dass ein Unternehmer aus der Altenheimbranche wie Bernd Meuren den klarsten Blick für diese Verhältnisse bewies. Seine Arbeit ist nur unter der Prämisse bürokratischer Verfahren möglich. Meuren stellte dem Zuschauer aber eine einfache Frage. Ist dieser bereit eine im Vergleich zu stationären Unterbringung dreimal so teure häusliche 24-Stunden Betreuung zu zahlen? Plasberg ließ diese Frage nicht wirken, obwohl jeder die ökonomischen Konsequenzen solcher Betreuungsmodelle kennen muss. Aus der Sicht der Betroffenen sind sie häufig wünschenswert, aber dann muss die Gesellschaft auch bereit sein, die Kosten zu übernehmen. Ansonsten verfällt die Politik auf die von Müller-Gerbes geschilderte Logik, bürokratische Restriktionen als Kostendämpfung zu missbrauchen.

Terminologie der Angst

Das Thema Pflege ist mit Angst besetzt. So war es kein Zufall, wenn sich am Ende eine Art Konsens bildete. Niemand wollte seinen Angehörigen zur Last fallen. Sie zu den Opfern zwingen, die bis heute vor allem Frauen bei der Pflege ihrer Angehörigen bringen müssen. Der Verlust an Lebensqualität ist für die heutigen Generationen zum Opfer geworden, weil sie im Gegensatz zu ihren Eltern und Großeltern mehr von ihrem Leben erwarten. So schien die Ankündigung von Müller-Gerbes, den Freitod des Ehepaars von Brauchitsch als Vorbild zu betrachten, nur konsequent. Er will den vier Söhnen nicht zur Last fallen oder einer professionellen Betreuung ausgeliefert sein. Trotzdem ist diese Sichtweise zugleich erschreckend. Da wurde eine junge Frau namens Josephine Gansera zum Hoffnungsschimmer. Sie ist 26 Jahre alt, arbeitet in Lüneburg als Altenpflegerin. Ihr Gehalt ist mäßig. Sie bekommt wohl auch weniger Massagen als ein gestresster TV-Moderator.

Plasberg nannte sie „bescheiden“. Das mag so sein, wenn auch Talkshow Gastgeber kein Maßstab für das Gehaltsgefüge in Deutschland sein können. Aber sie war vor allem der einzige Gast, der nicht in der Terminologie der Angst über die Pflege redete. Wie sagte es ein Passant in einem Einspieler?  „Man muss wissen, was wichtig ist im Leben.“ Es ging um die Frage, ob man für die Pflege eines Angehörigen seine Karriere aufs Spiel setzen würde. Darin könnte jene Lebensqualität zu finden sein, die ansonsten immer bedroht erscheint. In der Bürokratie des Sozialstaates wird man die Antwort darauf nicht finden. Auch der Sozialstaat hat seine Grenzen.

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