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TV-Kritik: Günther Jauch : Die Hoffnung ist verloren

Der Präsident des EU-Parlaments, Martin Schulz, am Sonntag Bild: dpa

Dass Griechenland durch Reformen zu einem reichen Land werden könnte, will keiner mehr diskutieren, zeigte Günther Jauchs Sendung. Statt über die Neuordnung des Staates zu sprechen, warnt man vor radikalen Parteien. Ein gefährlicher Pessimismus.

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          Der eine, auf den die Diskussionsteilnehmer bei Günther Jauch in der ARD all ihre Hoffnung setzen, und von dem alles abhängt, war am Sonntagabend weit weg: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras lässt gerade diejenigen Europäer zappeln, die sich eigentlich auf seiner Seite sehen. Das Diskussionsthema mit der Frage nach dem Für und Wider des „Grexit“, des Ausscheidens Griechenlands aus dem Euro, brachte vor allem den EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz in arge Verlegenheit. Doch am Ende der Sendung hatten sich alle Teilnehmer in Widersprüche verwickelt, die unvermeidlich schienen bei der Kombination von politischen Bekenntnissen, Allgemeinplätzen zur griechischen Entwicklung und der Konfusion der Meldungen von den Verhandlungen des Tages.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          „Es ist genug. Die griechische Regierung muss die ausgestreckte Hand jetzt annehmen“, beschwor Schulz den griechischen Ministerpräsidenten, doch endlich ein wenig mehr kompromissbereit zu sein. Doch die Gründe, warum Tsipras und seine Minister gar nicht daran denken, den anderen Europäern entgegenzukommen, lieferte gerade der europäische Parlamentspräsident: Ein finanzieller Zusammenbruch Griechenlands und ein Ausscheiden des Landes aus der Währungsunion bedeute eine unkalkulierbare Gefahr für die gesamte Eurozone, und solche Risiken wolle er nicht auf sich nehmen, sagte Schulz. Nach einem Grexit würden die Finanzmärkte sofort gegen Italien und Frankreich spekulieren, das könne zu dramatischen Lasten etwa für Italien führen, daneben auch zu einer massiven Verarmung in Griechenland. Moderator Jauch stellte die Frage, ob diese Einschätzung nicht eine Einladung für die Griechen sei, ihre Verhandlungspartner zu erpressen. Doch Martin Schulz kam nicht los von seinem Dilemma.

          Herrmann bleibt Antwort schuldig

          Noch mehr mit der griechischen Position identifizierte sich Ulrike Herrmann von der Tageszeitung, die ganz unverständlich fand, dass sich die Europäer noch nicht mit der Regierung Tsipras geeinigt hätten. Nur eine Differenz über den Haushaltssaldo von 450 Millionen Euro trennten die Verhandlungspartner noch, sagte Herrmann, um am gleichen Abend von den griechischen Freunden dementiert zu werden, die Differenzen von 2 Milliarden Euro und unversöhnlichen Positionen bei Renten und Steuern vermeldeten. Die Taz-Korrespondentin Herrmann hielt die Auflagen der „Troika“ für weitere Sparpolitik für ein Rezept zur weiteren Verarmung des Landes. Die an Griechenland geliehenen Gelder sah sie einmal nutzlos an deutsche und französische Gläubigerbanken weitergereicht, ein andermal verschwendet für olympische Spiele, Masseneinstellungen und private Schwimmbäder. Herrmann blieb die Antwort schuldig, wieso die Europäer den Griechen frisches Geld leihen sollten, wenn doch nach ihren Worten die alten Kredite unwiederbringlich verloren sind und andererseits die griechische Regierung nicht zum Sparen angehalten werden dürfe.

          Am anderen Flügel der Debattenteilnehmer zeigte sich der Wirtschaftsprofessor und Börsenguru Max Otte ganz locker und gelassen gegenüber der Aussicht auf den „Grexit“. Die Deutschen würden wohl gar nichts davon merken. Doch wenn die Uneinsichtigkeit der griechischen Regierung das Land in den Grexit treiben sollte, warum propagiert Otte dann für die Zeit danach dennoch neue Griechenland-Kredite, die dann der Bevölkerung und nicht den Banken zugute kommen sollten? Irgendwie gehört es auch zur Rhetorik der neuen Regierung, neue klientelar orientierte Einstellungen im Staatsdienst als soziale Wohltat für das Volk zu verkaufen. Unter solchen Umständen könnte man dann Griechenland auch den Grexit ersparen.

          Bosbach will nicht mehr nur „Nein“ sagen

          Die Folgen eines „Grexit“ waren dagegen für den Merkel-kritischen CDU-Abgeordneten Wolfgang Bosbach eher nebensächlich. Bosbach meinte, man dürfe bei der Rettung Griechenlands eben nicht die Formel benutzen „koste es, was es wolle“. Schlimme Konsequenzen habe nicht etwa ein „Grexit“, sondern eine allzu nachgiebige Haltung der Europäer gegen Griechenland. Denn nach Großzügigkeit für Griechenland könne man keinem anderen europäischen Land ähnliche Zugeständnisse abschlagen, „dann ist der Weg in die Transferunion nicht mehr zu vermeiden“. Bosbach sorgte für gespannte Stille im Studio, als er zum Umgang mit seinem persönlichen Dilemma befragt wurde: Er werde im Bundestag nicht für ein Abkommen mit Griechenland stimmen, aber es werde ihm nicht mehr reichen, nur einfach „Nein“ zu sagen: „Ich bin eine schlechte Besetzung als Don Quichotte“.

          Die Zuschauer blieben zurück mit dem Eindruck, dass Griechenland in jedem Fall einem schlimmen Schicksal entgegensteuert. Nach fünf Jahren erfolglosem Gezerre um die Reformprogramme der Troika ist Optimismus im Moment fehl am Platz. Dennoch wird die Interpretation der Gegenwart verkürzt auf die Rhetorik von Tsipras, wenn niemand mehr von der Option spricht, dass sich Griechenland mit Reformen, Marktwirtschaft und einer funktionierenden Staatsorganisation eigentlich zu einem wohlhabenden Land entwickeln könnte. Wer davon spricht, dass die Zukunft Griechenlands entweder aus Tsipras oder der Neonazipartei der „Goldenen Morgenröte“ besteht, ist schließlich ganz alleine vom griechischen Ministerpräsidenten und seinen politischen Zielen abhängig.

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