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TV-Kritik „Dunja Hayali“ : Wie gespielte Nähe Verständnis verhindert

  • -Aktualisiert am

Die Gäste bei Dunja Hayali (hier Wolfgang Bosbach, Katrin Göring -Eckardt und Titus Molkenbur: von links) kommen meist nur plakativ zu Wort. Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Die Sendung von Dunja Hayali hat ein Problem: Die Moderatorin versucht, bei jedem Thema größtmögliche Nähe zu suggerieren. Aber um die Probleme zu verstehen, wäre mehr Distanz nötig. Auch ihre Gäste kommen meist nur plakativ zu Wort.

          Dieses Wochenende beenden große Hilfsorganisationen bis auf weiteres ihre Arbeit im Mittelmeer zwischen Italien und Libyen. Zuvor hatte Italien ein Schiff der Aktion „Jugend rettet“ beschlagnahmt, ein Schnellboot des libyschen Küstenschutzes hatte mit Warnschüssen Helferschiffe bedroht. Die europäische Rechnung geht damit auf. Sie realpolitisch zu nennen wäre unangemessen. Tatsächlich ist kein einziges Problem gelöst. Der Vorwurf gegen die Helfer, sie leisteten Hand in Hand mit Schleppern Taxidienste nach Europa, ist bestenfalls zynisch. Seenotrettung zu unterbinden ist keine Ruhmestat.

          Wolfgang Bosbach sitzt an diesem Abend in der Sendung „Dunja Hayali“, als sei er auf dem Sonnendeck eines Kreuzfahrtschiffes und warte auf den ersten Aperitif vor dem Abendessen. In dieser Haltung macht es Frau Hayali ihm sichtlich zu leicht, den Unterschied zwischen Seenotrettung und Fluchthilfe zu ziehen. Was sind die maßgeblichen Gründe für Hilfsorganisationen, mit eigenen Schiffen vor der libyschen Küste zu kreuzen? Was unterscheidet ihre Arbeit heute von der Rupert von Neudecks in den 80er Jahren im südchinesischen Meer? Dass es sehr viel näher dran ist? Die Helfer antworten auf eine Notlage in einem Raum, in dem die europäische Politik zu spät, zu halbherzig und zudem mit zweifelhaften Partnern operiert.

          Misshandelt, erpresst, missbraucht

          Auf libyschem Territorium warten zur Zeit bis zu eine Million Menschen auf einen Platz in einem Schlauchboot. Sie leben unter unmenschlichen Bedingungen. Der Bundesaußenminister hat sich  kürzlich selbst ein Bild davon machen können. Die Flüchtlinge werden in Libyen misshandelt, erpresst und missbraucht. Auf diese Lage mit dem Befund zu antworten, die Zahlen der in Europa angekommenen Flüchtlinge seien deutlich zurückgegangen, erzählt keine Erfolgsgeschichte.

          Es ist auch keine politische Strategie, wie Katrin Göring-Eckardt europäische Werte zu beschwören. Was sind das für Werte, die als Ersatz für eine gescheiterte Politik beschworen werden? Grüne Politik ist kein Kirchentagsersatz. Titus Molkenbur, Sprecher der Hilfsorganisation „Jugend rettet“, ist pragmatischer. Er glaubt nicht daran, dass ein Problem als gelöst gilt, wenn die Gesellschaft wegguckt oder keine Bilder mehr geliefert bekommt. Dafür erhält er persönliche Morddrohungen.

          Dramaturgisches Element der Sendung ist, dass Frau Hayali sich Probleme „vor Ort“ anschaut. Ihre vorerst letzte Exkursion führt sie nach Ventimiglia, den Badeort an der Riviera, nahe an der Grenze zu Frankreich. Dort sind etwa 1000 Flüchtlinge gestrandet, die versuchen, nach Frankreich zu gelangen. 400 Flüchtlinge biwakieren unter einer Hochbrücke, kein schöner Anblick und daher auch kein Wunder für die O-Töne, die Dunja Hayali einfängt. Das offizielle Flüchtlingslager mit 600 Flüchtlingen versucht, Familien wieder zusammenzuführen, ein Beispiel dafür, dass es in einer pragmatischen Fluchtpolitik vor allem um Managementaufgaben geht, wie Kilian Kleinschmidt glaubhaft macht, der einige Jahre in Jordanien eines der größten Flüchtlingslager der Welt geleitet hat.

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