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TV-Kritik: ZDF-Sommerinterview : Die Inkonsequenz des Gregor Gysi

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Linken-Fraktionschef Gregor Gysi beantwortet die Fragen von Thomas Walde im ZDF-Sommerinterview. Bild: dpa

Der Linken-Politiker hat seinen wohl letzten Auftritt im ZDF-Sommerinterview gewohnt humorvoll und eloquent absolviert. Das Gespräch hob dennoch die Makel von Gysis Karriere hervor.

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          In zukünftigen Geschichtsbüchern über das wiedervereinigte Deutschland werden zwei Namen ehemaliger DDR-Bürger nicht fehlen dürfen. Neben der Bundeskanzlerin Angela Merkel der von Gregor Gysi. Beide prägten auf ihre Art dieses neue Gemeinwesen und haben trotz aller Unterschiede eine Gemeinsamkeit. Es konnte nie ein Zweifel daran bestehen, warum das Ende der DDR ein Akt der Befreiung gewesen ist. Nichts erinnert mehr an den Mief der SED-Herrschaft, der wie eine Dunstglocke über dem Osten hing. Oder kann sich jemand den Gysi von heute in der Zwangsjacke der alten SED vorstellen? Mit seinem Humor und Mutterwitz, seiner Spontanität und rhetorischen Eloquenz, die vor allem eines nie aufkommen lässt: schlechte Laune.

          Gysi als Kontrastprogramm

          Gysi war eben mehr als nur das „freundliche Gesicht“ der Linken. So nannte ihn Thomas Walde in dem sicherlich letzten ZDF-Sommerinterview des linken Fraktionsvorsitzenden im Bundestag. Damit unterschätzt er Gysis historische Rolle im wiedervereinigten Deutschland. Er rettete ja nicht nur die SED vor der Auflösung. Vielmehr hat er seit 1990 mit jedem seiner Auftritte deutlich gemacht, was Politik im demokratischen Staat sein kann. Er ist diskussionsfreudig und geht keinem Streit aus dem Weg. Gysi wurde so zum Kontrastprogramm zu jener ostdeutschen Erfahrung, die das Mundhalten forderte und das Duckmäusertum belohnte. Ironischerweise hat er damit nicht nur für die alten SED-Genossen eine Art der Westintegration ermöglicht, die sich nach 1990 als Verlierer der Einheit betrachtet hatten. Gysi leistete so seinen Beitrag, um die parlamentarische Demokratie und damit auch die Berufspolitik lebendig zu erhalten. Das kann ihm noch nicht einmal der politische Gegner abstreiten. Das gilt sogar für die in der eigenen Partei.

          Aber trotzdem stellt man sich nach diesem letzten ZDF-Sommerinterview eine Frage: Warum konnte so ein Mann, den die Natur wie kaum einen anderen mit zahllosen Gaben ausgestattet hat, politisch nicht mehr erreichen? Walde erinnerte an das erste Sommerinterview aus dem Jahr 1999. Schon damals formulierte Gysi seinen Anspruch, Politik zu gestalten. Trotzdem ist die Linke und ihr Fraktionsvorsitzender in der immer noch gleichen Lage. Sie dürfen es immer besser wissen, aber kommen nie in die Verlegenheit, sich das auch einmal von der Regierungsbank aus anhören zu dürfen, allerdings dann von der Opposition. Es muss mittlerweile sogar Gysi ermüden, wenn er es in unzähligen Sommerinterviews und 25 Jahren als Oppositionsredner immer nur besser gewusst hat. Es ist das Schicksal von Regierungen, für die eigenen Irrtümer und Fehler geradestehen zu müssen. Es ist die Aufgabe der Opposition, das deutlich zu machen. Es ist aber ungesund für jede Demokratie, wenn zwischen diesen beiden Seiten kein Austausch mehr stattfindet. In der Theorie dürfte dem sicherlich auch die Bundeskanzlerin zustimmen. Ihr Vizekanzler hat sich immerhin schon entsprechend geäußert. Die SPD werde einen Kanzlerkandidaten nominieren, so heißt es.

          Plattitüden, die nichts beantworten

          In dem Interview von Walde wurde das mehr als deutlich. Er setzte die richtigen Akzente, fragte nach, wenn es notwendig war, und machte so die Grenzen von Gysi deutlich. Bei allen Themen packt Gysi den fundamentalistischen Flügel in seiner Partei lediglich in Watte. So sei die Linke keineswegs für eine ungesteuerte Zuwanderung. Auch seine Partei wüsste, dass nicht die ganze Menschheit auf dem Territorium der Bundesrepublik Platz finden könnte. Es sind solche Plattitüden, die nichts beantworten, aber nur einem Zweck dienen. Einen Realismus vorzutäuschen, der nur ein Problem hat: Er muss nichts verantworten. Walde erinnerte an Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, dem solche Sentenzen nichts helfen werden. Auch Thüringen wird abgelehnte Asylbewerber abschieben müssen.

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          Bisweilen flüchtete sich Gysi  sogar in Rabulistik. Der Balkan gehöre zur EU, so sein Argument, diese gewähre schließlich Freizügigkeit. Nun ließ diesen zwar schon der Fürst Metternich in Wien beginnen, aber diese Definition wird Gysi kaum gemeint haben. Es geht um den Umgang mit Asylbewerbern etwa aus dem Kosovo und Serbien. Beide sind bekanntlich keine EU-Mitglieder. Welchen Sinn hat es also über Balkanstaaten zu reden, die Mitglieder der EU sind? Gysi will eine innerparteiliche Debatte verhindern, die eine klare Aussage zu diesem Thema auslösen könnte. Dafür nutzt er auch die Weltgeschichte. Diese wäre das Ergebnis von Völkerwanderungen, so seine These. Angesichts der dadurch ausgelösten Konflikte muss man sich aber schon fragen, was Gysi mit diesem Hinweis eigentlich ausdrücken will.

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