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TV-Kritik: ZDF-Sommerinterview : Die Inkonsequenz des Gregor Gysi

  • -Aktualisiert am

Intellektuelle Inkonsequenz

In gleicher Weise argumentierte Gysi auch bei anderen Themen. Ob es die Frage nach den Bundeswehreinsätzen zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer geht oder die seltsam anmutenden realpolitischen Anflüge der Linken im Verhältnis zu Russland. Die Annexion der Krim sei völkerrechtswidrig, aber das werde man nach einer gewissen Zeit akzeptieren müssen. So sei es halt manchmal, so lässt sich sein Argument zusammenfassen. Das kann man so sehen. Aber plausibel wird dieser Realismus erst, wenn man ihn auch bei anderer Gelegenheit akzeptieren sollte. Ein solches Verständnis für die realpolitischen Kalküle der Großmacht Amerika ist aber von der Linken noch nie zu hören gewesen, übrigens auch nicht von Gysi selbst. Nun ist diese intellektuelle Inkonsequenz kein Privileg der Linken. Politik hantiert immer mit Widersprüchen und vergleichsweise geringen Handlungsspielräumen. Da ist Konsequenz eher hinderlich, wie nicht zuletzt die linke Regierung in Athen in den vergangenen Monaten unter Beweis gestellt hat. Das wird anschließend zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte. Dann ist aber nicht immer klar, ob enttäuschte Erwartungen nicht in Wirklichkeit bloß irreale Forderungen gewesen sind. In diese Situation kommt man aber erst, wenn man als Regierung handeln muss.  

Jede Entscheidung hat Konsequenzen. Das Problem des Berufspolitikers Gysi? Er hat erst zwei Entscheidungen mit Gewicht zu verantworten gehabt. Die eine war, die SED nicht aufzulösen, die andere das Bündnis mit Oskar Lafontaine zur Gründung einer neuen Partei. Es ging letztlich aber immer um das Binnenverhältnis zur Sozialdemokratie. Diese betrachtet den „demokratischen Sozialismus“ übrigens schon seit Eduard Bernstein als eine Methode in der parlamentarischen Demokratie. Walde fragte dagegen Gysi, ob es ein Vorbild für einen „demokratischen Sozialismus“ als Gesellschaftsordnung gäbe. „Es gibt keines“, so seine Antwort“, das sei das Problem. Er nannte gleichwohl als positive Beispiele die Pariser Kommune aus dem 19. Jahrhundert, den Prager Frühling von 1968 und die Regierung von Salvador Allende in Chile in den frühen 1970er Jahren. Gysi wirkte zwar etwas überrascht über diese Frage, aber vielleicht ist das der Schlüssel zu seinem Politikverständnis. Gysis Beispiele waren alle nach kurzer Zeit gescheitert, aus welchen Gründen auch immer. Sie waren mehr Hoffnung als Wirklichkeit. Wer will schon im 21. Jahrhundert regieren, wenn er solche Vorbilder nennt? Ob die Lektüre von Bernstein hilft? Gysi will nach seinem Rückzug als Publizist tätig werden, so seine Auskunft gestern Abend.

Ratschlag für die Nachfolgerin

So musste Gysi noch nichts von dem umsetzen, was er seit 25 Jahren so brillant einklagt. So werden wir etwa nie wissen, was Gysis Position zum Afghanistan-Krieg für die deutsche Außenpolitik bedeutet hätte. Aber erst dann wäre es auf seinen Humor und Mutterwitz, seine Spontanität und rhetorische Eloquenz wirklich angekommen. Er hätte damit die Folgen seines Handelns legitimieren müssen. Ob daran am Ende die SPD Schuld ist? Wen interessiert das noch in einer müde gewordenen Öffentlichkeit? Immerhin wirft niemand der SPD die Folgelosigkeit ihres Handelns vor. Sogar die Bundeskanzlerin kann damit leben.

Gysi hatte für seine Nachfolgerin im Amt des Fraktionsvorsitzenden einen interessanten Ratschlag. Man wachse mit seinen Aufgaben. Wahrscheinlich wird Sahra Wagenknecht im kommenden Jahr das ZDF-Sommerinterview bestreiten. An intellektueller Konsequenz hat es ihr bisher nie gefehlt. Thomas Walde könnte ihr dann die gleiche Fragen stellen. Die Bundeskanzlerin wird es bestimmt zu schätzen wissen, wenn man die politische Belanglosigkeit in gleicher Weise deutlich werden lässt wie gestern Abend. Das liegt aber nicht am Journalisten. Die sind nicht für die Antworten verantwortlich, sondern nur für die Fragen. Es müssen aber die richtigen sein. Das war gestern Abend der Fall.

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